Reflektionen über die Ukraine-Berichterstattung

Ein Gastbeitrag von Max Sternbauer

Sehr viel Tinte und Bytes sind bisher im Ukraine-Konflikt geflossen; vieles was verfasst worden ist, war, nun ja, recht merkwürdig. Man kann nur ein beschränktes Bild davon zeichnen, und um diese Informationen zu finden, müssen oftmals verschlungene Pfade betreten werden. Und dabei stößt man auf Nachrichten, die sich mit einem anderen Krieg beschäftigen UND mit dem Ukraine-Konflikt. So z.B. über den Krieg im Jemen.

Ein in der Berliner Wochenzeitung Jungle World veröffentlichtes Statement des jemenitischen Politikers Mohammed Al Al-Houthi ließ mit folgenden Satz aufhorchen:

»Das ist der Beweis, dass es zu Krieg führt, wenn ein Jude zum Führer eines Landes gemacht wird. Wenn der Präsident der Ukraine kein Jude wäre, dann hätte die Situation vielleicht nicht in einem Krieg geendet.«

Der gute alte Antisemitismus ist einfach nicht Tod zu kriegen, und tobt sich auch im jemenitischen Bürgerkrieg ordentlich aus; ein Krieg der aus den Schlagzeilen verschwunden und den man schon wieder vergessen hat, obwohl er noch im Gange ist. Aber, Kriege werden nicht nur vergessen, manchmal muss sogar folgende Frage erst einmal geklärt werden: wann ist ein Krieg, denn ein Krieg?

Diese Frage ist gar nicht mal so leicht zu beantworten, zumindest kann es für Medien eine Herausforderung darstellen, die auch passende und richtige Bezeichnung für einen Konflikt zu finden. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, war lange Zeit nicht als Kriegseinsatz gekennzeichnet worden.

Erst unter Verteidigungsminister Karl Theodor von und zu Guttenberg, war im März 2010 die Möglichkeit eingeräumt worden: „umgangssprachlich,“ von einem kriegerischen Konflikt zu sprechen. Seine Vorgänger hatten, unter anderem, noch von einem „Stabilisierungseinsatz“ gesprochen.

Laut Putin, befindet sich Russland nicht in einem Krieg, sondern dass Militär führe eine „Spezialoperation zur Befreiung des Donbass“ durch.

Das hat übrigens Tradition in Russland, so mussten sich die sowjetischen Presseleute abgewöhnen, den sowjetisch-finnischen Winterkrieg von 1939 als solchen zu benennen, obwohl es einer war. Stattdessen nannten sie es den „Finnischen Befreiungsfeldzug.“

Für Journalisten kann es ganz massiv von Bedeutung und Wichtigkeit sein, wann ein Mächtiger auf einen Krieg zeigt, und sagt, dass ist jetzt einer.  

In der Zwischenzeit dürfte es sich schon herum gesprochen, oder zumindest bekannter geworden sein, dass sich Freiwillige aus vielen Ländern aufgemacht haben, um sich auf die Seite der bedrängten Ukraine zu schlagen.

Ein recht interessantes Personal hat sich dazu eingefunden, denn der Ukraine-Konflikt dürfte einer der wenigen Kriege der Weltgeschichte sein, wo Faschisten und Anarchisten, auf der gleichen Seite kämpfen. 

Am 29. März, hatte die Tageszeitung Welt, ein Bild auf Twitter veröffentlicht, worauf ein bekannter Kickboxer zu sehen war, der bei der Verteidigung von Mariupol gefallen ist. 

Problematisch an dem Bild war sein Hintergrund: der junge Mann hatte sich nämlich vor einer Flagge mit Symbolen des faschistischen Asow-Regiment in Pose geworfen.Die Welt hatte aber schnell eine Lösung für dieses Fauxpas zur Hand, das Foto wurde durchein passenderes Foto ausgetauscht auf dem ist die Flagge der Ukraine deutlich zu sehen ist.

Spannend ist auch, wer das Foto geschossen hat, ein Journalist namens Karim Zidan. Folgt man diesem Journalisten ebenfalls auf Twitter, findet man Beiträge, nach deren Aussage nach, sich tschetschenische Mitglieder des FC Ahmat Footballclub und des Ahmat MMA-FightClubs, sich in die russischen Truppen eingereiht haben sollen. Übrigens sind diese Personen auch Anhänger des Diktators Kadyrov.

Solidarität ist auch ein ganz wichtiger Punkt, der zurzeit ganz groß geschrieben wird. Und das kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. So hat eine deutsche Familie, mehrere ukrainische Flüchtlinge bei sich aufgenommen und bei der Gemeinde nachgefragt, ob sie bei der Betreuung dieser Menschen unterstützt werden könnte. Worauf die Verwaltung prompt reagiert hat: mit einem Brief wonach die Gebühr zur Abfallbeseitigung erhöht werden soll.

Solidarität kann sich in Protesten äußern. Wie in Berlin, wo die Umweltschutzorganisation Pink Dolpfin Comitee, das Ehrenmal der Roten Armee mit einem Transparent verhüllt hat, versehen mit dem Schriftzug: „Putin is Hitler.“ 

Mal abgesehen davon, dass der Ort dieses Protests mehr als schlecht gewählt ist (es ist immerhin ein Denkmal von Menschen, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben verloren haben), zeugt es doch von historischer Blindheit, wenn man wieder diesen unsäglichen Hitler-Putin-Vergleich benutzt.

Solidarität kann aber auch von Formaten des öffentlichen Rundfunks geübt werden. So auch von Funk, dem Jugendformat des ZDF.

Die berichteten über Geschichten geflüchteter Trans*Personen aus der Ukraine. Eine gute Grundlage für eine spannende Reportage, nur leider sind die Beiträge von Funk, bei allem Verständnis für ihr Engagement, nur schwer als Journalismus durchgehen zu lassen.

Sehr oft bearbeitete Themen sind u.a. Sexismus, Antisemitismus und Rassismus, wichtige Themen, bei denen zu oft auf die Tränendrüse gedrückt wird und eine sachliche Bearbeitung auf der Strecke bleibt. Das Format Funk war deswegen oft auch in der Kritik.

Der Anfang besteht aus einem Interview mit einem geflüchteten Pärchen, das erst vor kurzem  aus der Ukraine in Berlin angekommen war. Soweit ist das ja noch vertretbar, aber ein Großteil der Reportage besteht darin, dass man den Reporter durch den Stadtteil Prenzlauer Berg streifen sieht.

Es werden keine Daten über Trans*Feindlichkeit in der Ukraine und der Russischen Föderation präsentiert, wie z.B. ein historischer Rückblick. Die Überschrift dieser Reportage ist sogar, wie die russische Invasion, das queere Leben in der Ukraine in der Entwicklung um Jahre zurückwerfen würde.

Auf einen Punkt wurde noch aufmerksam gemacht; Trans*Frauen haben große Schwierigkeiten aus dem Kriegsgebiet zu entkommen, denn alle männlichen Bürger zwischen 18 und 60 haben Wehrdienst zu leisten. Das ist ein tragisches Schicksal, nur wird da von den Journalisten von Funk so ganz nebenbei fast ein juristisches und ethisches Problem aufgeworfen, ohne es zu reflektieren.

Denn, dürfen sich heterosexuelle Männer dabei diskriminiert fühlen, wenn sie kämpfen müssen?  Diese Frage, die von dem Reporter aufgeworfen wurde, ist wichtig und hätte selbst einen eigenen Beitrag bedurft. Es gab in diesem Video aber doch ein spannendes Gespräch, nämlich mit einer aktivistischen Person, die über die Schwierigkeiten von Trans*Personen in Flüchtlingsunterkünften zu berichten wusste. Das Gespräch alleine, hätte schon genügt.

Um diese Kritik an den Beiträgen von Funk besser zu verstehen, sei jedem das Video ans Herz gelegt, wo eine Funk-Reporterin einen Jungen Mann interviewt, der sich für einen Drachen hält.


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Titelbild:  Gilles Lambert auf Unsplash

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