De kuerze Liewen vum Charles Marx

Keine Sorge. Das ist kein auf Letzeburgisch geschriebener Artikel über Karl Marx. Vielmehr ist es eine Würdigung eines hervorragenden Vertreters der luxemburgischen Arbeiterbewegung, der – zufällig? – Charles Marx hieß.

Von Andreas Pittler

Charles Marx wurde 1903 in Luxemburg-Stadt geboren und radikalisierte sich schon in seiner Schulzeit. Bereits 1919 trat er der Sozialistischen Jugend bei, damals die Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei Luxemburgs, wo er sich durch seine radikalsozialistischen Statements schnell einen Namen machte. Wenig verwunderlich also, dass Marx 1921 zu jenen gehörte, die die SJ in die Reihen der Kommunistischen Internationale führten.

Aber Marx hatte nicht vor, Berufspolitiker zu werden. Nach seinem Abitur 1922 ging er ins französische Straßburg, um dort Medizin zu studieren. Anschließend praktizierte er in einem Pariser Spital, wo er sich auf das Fachgebiet Gynäkologie spezialisierte, ehe er zu einem der bedeutendsten Chirurgen in Nordostfrankreich avancierte. Mit dem so erworbenen Ruf eröffnete er 1935 in Luxemburg sein eigenes Spital, das rasch zu einer Anlaufstelle für Arbeiter*innen und sozial Schwache wurde. Dort war es auch, wo er 1940 Personen versteckte, die von den einmarschierenden Nazis gesucht wurden.

Wenig später freilich musste auch Marx selbst fliehen, da sein Engagement in der Kommunistischen Partei der Gestapo nicht verborgen geblieben war. So floh er im Mai 1940 in die unbesetzte Zone Frankreichs, wo er sich rasch dem dort entstehenden Widerstand anschloss. Wenig verwunderlich also, dass Marx von den Nazis in Abwesenheit zum Tod verurteilt wurde.

Im Widerstand

1942 verschärfte sich die Lage, da die Deutschen nun auch Vichy-Frankreich unter ihre direkte Kontrolle nahmen. Marx, der bis zu diesem Zeitpunkt einerseits als Arzt und andererseits als Propagandist für die Widerstandsbewegung tätig gewesen war, ging nun endgültig in den Untergrund und schuf im November 1942 eine bewaffnete Partisanengruppe, die mit den Franc Tireur ebenso Kontakt hielt wie mit dem Maquis.

Seine Gruppe wuchs rasch an und wurde im Laufe des Winters 1943/44 zunehmend zu einem militärischen Faktor. Nachdem die Alliierten im Juni 1944 endlich die zweite Front eröffnet hatten, ging Marx mit seiner Truppe in die Offensive und zählte zu jenen, die Anfang September 1944 Lyon befreien konnten. Einen Monat später ging er als Delegierter seiner Einheit in das befreite Paris, wo er bemüht war, dem neuen Frankreich eine sozialistische Orientierung zu verleihen. Als er jedoch erkennen musste, dass sich die Richtung von General de Gaulle inhaltlich durchsetzen würde, zog er sich aus den Debatten zurück und arbeitete bis zum Ende des Krieges als Arzt in den Lazaretten der alliierten Truppen.

An der Spitze der Kommunisten

Im April 1945 konnte er endlich nach Luxemburg zurückkehren, wo er sofort eine der führenden Persönlichkeiten der Luxemburger Kommunistischen Partei wurde. Für Luxemburg überraschend erzielte die KP bei den ersten Parlamentswahlen nach dem Krieg mit knapp 14 Prozent ein überaus achtbares Ergebnis. Zu den so gewählten Abgeordneten zählte auch Marx, der ursprünglich auf eine gemeinsame Linksregierung mit der Sozialistischen Arbeiterpartei hingearbeitet hatte. Allerdings musste er zur Kenntnis nehmen, dass der große Wahlsieger trotz des insgesamt eher enttäuschenden Verhaltens während der Kriegsjahre die Christlich-soziale Volkspartei wurde, die 41 Prozent der Stimmen erhielt. Allerdings musste auch die Luxemburger Bourgeoisie der starken Linksströmung Rechnung tragen, weshalb die im Oktober 1945 gebildete erste Regierung nach dem Krieg wie in Italien, Frankreich oder auch Österreich eine Konzentrationsregierung aller im Parlament vertretenen Parteien wurde. Für die Kommunisten übernahm Marx den Posten des Sozial- und Gesundheitsministers.

Die Bedingungen konnten dabei schwieriger nicht sein. Luxemburg hatte in den letzten Kriegsjahren schwer gelitten. Rund 20.000 Gebäude, ein Drittel aller Bauten des Landes, waren entweder gänzlich oder zumindest nachhaltig zerstört. 5.000 Zivilisten waren durch die Kriegshandlungen oder durch Verschleppung seitens der Nazis ums Leben gekommen, 1.200 der 1.300 vor 1940 in Luxemburg lebenden Juden waren von den Nazis ermordet worden, dazu kamen 800 Personen, die als Widerstandskämpfer gegen die Nazis ihr Leben verloren. Weitere 3.200 Luxemburger*innen waren zwischen 1940 und 1945 inhaftiert gewesen. Die Infrastruktur hatte eminenten Schaden genommen, sodass Marx in seinem Amt gleichsam bei Null anfangen musste. Er verlieh der Instandsetzung der Gesundheitsversorgung oberste Priorität und war sich dabei auch als Minister nicht zu schade, selbst Patienten zu behandeln, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergab. Zudem nutzte er seine Kontakte aus der Zeit der Resistance, um der hungernden Bevölkerung Lebensmittel zukommen zu lassen.

Rasch erwarb sich Marx den Ruf, omnipräsent zu sein. Er behandelte Menschen auf offener Straße, hielt dort zeitgleich Amtsstunden ab und intervenierte ununterbrochen für Menschen in Not. Kein Wunder, dass Marx zu Beginn des Jahres 1946 einer der populärsten Persönlichkeiten des Landes war, was von der politischen Rechten, aber auch von den Sozialdemokraten, mit zunehmender Besorgnis gesehen wurde, denn es sprach einiges dafür, dass die Kommunisten unter Marx bei den nächsten Wahlen zweitstärkste Kraft im Parlament werden könnten. Tatsächlich schien es nicht völlig ausgeschlossen, dass ausgerechnet der Chirurg eine Linksregierung auf breiter Basis würde anführen können, da der farblose Technokrat, den die Christlich-Sozialen zum Premier erwählt hatten, zunehmend an Boden gegenüber Marx verlor.

Doch just, als endlich die gröbsten Schwierigkeiten behoben und teilweise die Rationierung lebensnotwendiger Nahrungsmittel ein wenig gelockert werden konnten, starb der überaus populäre Marx im Juni 1946 bei einem Autounfall. Er war nicht einmal 43 Jahre alt geworden. Mit ihm starb seine Frau Fernande (1908-1946), eine in Luxemburg bekannte Frauenrechtlerin.

Wenig später fühlten sich die Christlich-Sozialen stark genug, um nicht nur die Kommunisten, sondern auch gleich die Sozialdemokraten aus der Regierung zu drängen. Ab März 1947 regierte in Luxemburg ein Bürgerblock, der sich beim nächsten Urnengang nur durch ein extrem ungerechtes Wahlrecht halten konnte. Real hatten nämlich die Sozialdemokraten 41,5 und die Kommunisten 16,9 Prozent der Stimmen erzielt, das Wahlrecht wies ihnen aber nur 20 von 51 Mandaten zu, während Christlich-Soziale (33 Prozent der Stimmen) und die „Patriotische Gruppe“ (8 Prozent der Stimmen) 31 Sitze zugewiesen bekam.

Die Luxemburger Kommunisten, wiewohl sie bis 1994 im Parlament vertreten blieben, bekamen nie wieder Regierungsverantwortung übertragen. Der Zusammenbruch des realen Sozialismus stürzte auch die Kommunistische Partei Luxemburgs in eine existentielle Krise, die darin gipfelte, 1994 mit knapp zwei Prozent der Stimmen den Wiedereinzug ins Luxemburger Parlament zu verfehlen. Allerdings beteiligte sich die KPL in der Folge an der Formierung einer neuen Linkspartei, die 1999 erstmals zu Wahlen antrat und auf Anhieb ins Luxemburger Parlament einzog. Bei den bislang letzten Wahlen errang sie mit knapp sechs Prozent der Wählerstimmen zwei Mandate.

Charles Marx ist nicht vergessen. In mehreren Orten erinnern Straßen oder Plätze, mitunter auch Parks, die nach ihm benannt sind, an ihn. Vor allem aber gibt es in Luxemburg-Stadt den „Boulevard Charles Marx“, bei dem wohl viele Touristen, möglicherweise aber auch Einheimische nicht an den Arzt und Widerstandskämpfer denken, sondern an eine Persönlichkeit, die keine 50 Kilometer von Luxemburg entfernt zur Welt gekommen war.


Titelbild: GilPe, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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