Eine hausgemachte Misere

Ein Kommentar zum Arbeits- und Fachkräftemangel von Josef Stingl.

Der Tourismus beklagt seit Jahren, schon lange vor der Pandemie im Jahr 2020, dass entsprechende Fachkräfte fehlen. Die Corona-Pandemie hat den jahrelangen Pflege- Personalnotstand an die Öffentlichkeit geschwemmt. Aber auch fast alle anderen Branchen jammern über Arbeitskräfte-, insbesondere Fachkräftemangel.

Und immer öfter ist zu hören, dass viele Arbeiter*innen und Angestellte die aus Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit gewonnene Freizeit dazu genutzt haben, einen Schlussstrich unter ihre latente Unzufriedenheit mit Bezahlung und Arbeitsbedingungen in ihrem angestammten Beruf zu ziehen.

In der Industrie beklagen schon rund 20 Prozent aller Unternehmen, dass sie nicht ausreichend Personal finden, bei den Dienstleister*innen sind es sogar schon 34 Prozent. Wortgewaltig meint der Marcell Göttert, Experte der Agenda Austria: „Das betrifft schon fast jede Hand, die irgendwo gebraucht wird. Neben Krieg, Corona und Inflation gehört der Arbeitskräftemangel mittlerweile zu den drängendsten Problemen der Wirtschaft.“

Bleibt offen: Wie konnte es zum angeblichen Arbeitskräftemangel kommen? Warum haben wir trotz Arbeitskräftemangels eine so hohe Arbeitslosigkeit und warum sind abertausende Arbeitnehmer*innen noch immer in Kurzarbeit? Wo arbeiten jetzt die „neuorientierten“ Facharbeiter*innen, beziehungsweise in welcher Branche haben sie jetzt mit Bezahlung, Arbeitsbedingungen und verbesserten Work-Life-Balance ihre Zufriedenheit gefunden? Denn eine Branche, die sich über einen Arbeitskräftezuwachs freut, ist weder dem Autor noch der Redaktion oder dem GLB bekannt.

Was die Zukunft bringt

Die Antworten sind einfach: Der Fachkräftemangel ist hausgemacht. Wer zu wenig Fachkräfte hat, hat davor viel zu wenig ausgebildet. Wer unzufriedene Facharbeiter*innen verliert, der hat wegen seines Arbeitsplatzangebots, -klimas und -druckes, durch seine bescheidene Bezahlung oder durch sein Angebot mit mangelnder Vereinbarkeit von Beruf und Familie versagt!

Wir müssen trotzdem akzeptieren, dass diese Fakten der Vergangenheit für die Folgen der Gegenwart nur mehr teilweise abänderbar sind. Wo sind die höheren Einkommen, die Ausbildungskonzepte und -offensiven der Zukunft? Wo ist die verbesserte Arbeitswelt für die Menschen mit mehr Personal und kürzeren Arbeitszeiten? Für „die freie Wirtschaft“ sind solche Fragen ketzerisch, denn sie kosten Geld und das müsste von ihrem Profit abgezwackt werden!

Einfacher, und vor allem lukrativer ist für sie der Ruf nach generalmobilisierten EU-Armutsarbeitskräften, oder noch besser aus den noch ärmeren Drittstaaten. Sie sind billig, sie sind durch ihre Not abhängig und „ordnen“ sich „willig“ und widerstandslos unter. Und ein positiver Nebeneffekt für die Profiteure: Sie drücken das Lohn- und Gehaltsniveau insgesamt nach unten. Staatliche Schranken sind zugunsten dieses modernen Menschenhandels zu beseitigen.

Ob sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage an offenen Stellen damit schließen lassen wird? Kurzfristig vielleicht, nachhaltig ist es allerdings nicht. Ein Beispiel dazu: Anfang der 90er Jahre hatte die Stadt Wien in ihren Krankenanstalten einen Schwesternmangel (Schwester ist die damalige übliche Bezeichnung für Krankenpfleger*in). Als Lösungsansatz wurde von Tschechien, insbesondere aus Brünn, massiv Pflegepersonal abgeworben. Kurzfristig konnte so der Personalengpass in Wien behoben werden.

Allerdings verlagerte die „Wien-Personal-Hilfe“ nur die Personalnot. Dann war es eben die Stadt Brünn, die mit Personalnot im Pflegebereich leben musste. Der SP-Wien-Führung war´s egal – knapp 150 Kilometer und vor allem eine Grenze dazwischen ließ ihr „internationalistisches, sozialdemokratisches Arbeiterherz“ ruhig stellen. Und langfristig war ihr „Wiener Weg“ auch für Wien wenig erfolgreich. Da weiterhin viel zu wenige ausgebildet werden, steht Wien jetzt wieder bei 1990: Es fehlt an Pflegekräften…

Widerstand ist notwendig

Leider keine Warnung für „die Wirtschaft“! Für sie zählt nur der aktuelle Blick auf ihren Kontostand. Für die Erweiterung und Stärkung der Facharbeiter*innenausbildung ist da weder Zeit noch Platz. Das bringt nur etwas in der Zukunft und deshalb sollen sich auch die „Zukünftigen“ den Kopf darüber zerbrechen. 

Und wir Lohnabhängigen, wir sind Teil dieser „Zukünftigen“. Zerbrechen wir uns also über die Zukunft „unserer Arbeitswelt“ den Kopf. Sie verlangt Bildung, Ausbildung und Weiterbildung. Sie verlangt kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Sie verlangt gesündere Arbeitsplätze. Sie verlangt ein friedliches Nebeneinander und Solidarität, egal ob die/der Arbeitsnachbar*in aus Österreich oder sonst wo kommt. Und sie verlangt Widerstand. Nur mit gemeinsamen Kämpfen werden wir für uns eine verbesserte Arbeitswelt erraufen können. Nur geschlossen und gewerkschaftlich organisiert haben wir gegen die „Allmacht des Kapitals“ eine Chance!


Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift des Gewerkschaftlichen Linksblocks (GLB) „Die Arbeit“ Nr. 3

Titelbild: Jonathan Borba auf Unsplash

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