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Anschläge auf die Juden Bagdads

Der irakisch-jüdisch Historiker Avi Shlaim erhebt schwere Vorwürfe gegen die zionistische Bewegung. In seinen Memoiren argumentiert er, dass Zionisten in den 1950ern Angst unter den Juden des Iraks hatten schüren wollten, um sie zur Flucht nach Israel zu treiben.

Von Hassan Al Khalaf, Düsseldorf (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)

Der irakisch-jüdische Historiker Avi Shlaim (Foto: commons.wikimedia.org; Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Nur drei Juden leben laut dem irakischstämmigen Historiker Avi Shlaim noch im Irak. Dies war nicht immer so. Bagdad beheimatete viele Juden, als er dort als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren wurde. Sie waren eine ethnische Minderheit unter vielen, die mit der muslimischen Mehrheit zusammenlebten, wie Shlaim in seiner Autobiografie „Three Worlds: Memoirs of an Arab-Jew“ (2023) berichtet.

Innerer Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Identität

Allein dass er sich selbst als arabischen Juden betitelt, ist in Israel kontrovers. Dort wird versucht, eine klare Distanz zwischen dem Judentum und einer arabischen Identität zu schaffen. Stattdessen wurde der Begriff „Mizrahim“ für „orientalische Juden“ etabliert. Shlaim identifiziert sich nicht mit diesem Begriff, da er seine ursprüngliche Herkunft verschleiert. Aus den Erinnerungen an seine Kindheit in Israel berichtet er, dass Arabisch als Sprache des Feindes galt. Wie er sich schämte, seinem Vater in der Öffentlichkeit in seiner Muttersprache zu antworten, und wie er als „Orientale“ in der Schule diskriminiert wurde.

Als der Staat Israel ausgerufen wurde, änderte dies nichts an der jüdischen Population Iraks. Sie sahen sich als gebürtige Iraker, kannten keine andere Heimat und besaßen dort ihre Existenzgrundlage, erklärt Shlaim in seiner Autobiografie. Seine Eltern waren eng mit Muslimen befreundet. Über seinen Vater schreibt er, dass Israel diesem fremder gewesen sei als jedes arabische Land. Erst als Anschläge auf jüdische Einrichtungen verübt wurden, änderte sich dies drastisch. „Vor dem Aufstieg des Zionismus war der Nahe Osten ein anderer“, beteuert der Historiker im INTERNATIONAL-Gespräch.

Fast die gesamte jüdische Gemeinde floh innerhalb nur eines schicksalhaften Jahres, 1950 bis 1951, datiert er. 110.000 Juden verließen den Irak gen Israel. Die meisten wurden vom Mossad im Zuge der Operation „Ezra und Nehemia“ ausgeflogen. „Wir verließen den Irak als Juden und kamen nach Israel als Iraker“, zitiert er die Memoiren seines entfernten Verwandten, Izhak Bar-Moshe, geschrieben in dessen Muttersprache Arabisch. Im neunten Kapitel namens „Das gelobte Land“ berichtet Avi Shlaim, dass sie bei ihrer Ankunft am Flughafen mit Pestiziden besprüht wurden, so „wie Tiere desinfiziert werden“. 120.000 irakische Flüchtlinge lebten ab 1953 in Transit-Camps, wo es keine Hygiene und kaum fließend Wasser gab. Einige Camps wurden sogar mit Stacheldraht umzäunt und polizeilich bewacht, führt er weiter aus.

Mehrere Tausend brachen in andere Länder auf, bis sich die Zahl der Juden, die noch in ihrem Ursprungsland verblieben, auf 6.000 reduziert hatte. Obwohl sie Wurzeln hatten, die bis in die Antike unter babylonische Herrschaft zurückreichten, blieb von dieser historischen Präsenz kaum etwas übrig. „Eine Diaspora, die die lebende Verkörperung von muslimisch-jüdischer Koexistenz war, ist nicht mehr“, heißt es in Shlaims Buch.

Zuvor lebten 130.000 jüdische Iraker im Land, von denen sich nur 2.000 dem Zionismus zugehörig fühlten, umgerechnet also nur 1,53 Prozent, verweist der Autor. Diese Zionisten organisierten sich heimlich, um Juden über den Iran nach Israel zu schmuggeln und weitere Mitglieder für ihre Sache zu rekrutieren, zu bewaffnen und ihnen Hebräisch beizubringen, beschreibt Shlaim deren Aktivitäten. Statt das Leben der Juden im Irak zu verbessern, wollten sie nur die Abreise beschleunigen. Die irakische Monarchie stellte den Juden 1950 die Wahl, ihre Staatsbürgerschaft abzulegen, um nach Israel zu gehen, oder im Land zu bleiben. Am ersten Tag kamen nur drei Juden, um ihre Staatsbürgerschaft im provisorisch eingerichteten Büro der Meir-Taweig-Synagoge aufzugeben, so Shlaim.

Tatverlauf und Motiv

Der erste einer Serie von Anschlägen, die speziell Juden galten, ereignete sich am 8. April 1950. Vier Juden wurden verletzt, als eine Handgranate aus einem fahrenden Auto auf Bagdads bekannter Abu-Nuwas-Straße vor dem Café Dar El-Beyda, das einem Juden gehörte, geworfen wurde. Die Zahl der Auswanderungswilligen stieg bis auf 25.300 an, ließ aber wieder nach, als die Ersten von der schlechten Lage in den Camps in Israel berichteten.

Das prägendste Attentat war der Angriff auf die Masuda-Schemtob-Synagoge am 14. Januar 1951. Vier Juden wurden durch den Wurf einer Granate im Hof der Synagoge getötet und 20 weitere verletzt. Shlaim merkt diesbezüglich an, dass die Granate in einen fast menschenleeren Hof geschmissen wurde und es daher die Intention gewesen sein könnte, Furcht bei irakischen Juden auszulösen, anstatt sie zu töten. 105.400 Juden registrierten sich schweren Herzens bis zum März, das Land zu verlassen.

Der nächste Angriff am 10. Mai galt dem Autohaus Beit Lawee – wiederum ein jüdischer Besitzer – auf Bagdads bekannter Rashid-Straße. Ein Teil des Gebäudes, welches zu diesem Zeitpunkt leer stand, wurde zerstört. Der letzte Angriff, den Shlaim auflistet, fand im Juni statt, es gab keine Verletzten. Ziel war ein Gebäude des Importeurs Stanley Shashua. Shlaim sieht auch darin ein Indiz, dass das primäre Ziel war, die verbliebenen Juden zu ängstigen. Eine direkte Korrelation zwischen den Bomben und der steigenden Zahl der Auswanderer steht für ihn außer Zweifel.

Von israelischen Behörden wurde jegliche Beteiligung bestritten, aber ein irakisches Gericht verurteilte drei Mitglieder zionistischer Zellen.

Yusef Khabaza, in dessen Haus die irakische Polizei Waffen und Sprengsätze fand, schaffte es zu entkommen und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Seine beiden Mitstreiter Shalom Salih und Yusef Basri, in dessen Auto sich TNT-Proben fanden, wurden für drei der Taten exekutiert. Salih, der den Auftrag gehabt hatte, Waffen zu verstecken, gestand unter Folter und führte die Kriminalpolizei zu Synagogen und Häusern, wie dem von Khabaza, wo sie Waffen fand.

Diese Version wurde Shlaim 2017 in Israel von einem Bekannten seiner Mutter, Yaakov Karkoukli, erzählt, der die Verurteilten kannte, da er als zionistischer Iraker selbst aktiv war. Von ihm bekam Shlaim einen Teil des Polizeiberichts, den dieser wiederum von einem befreundeten, pensionierten Polizisten erhalten hatte. Bis auf die Behauptung, dass hinter dem Anschlag auf die Synagoge ein korrupter Polizist stecke, der von den zionistischen Emissären bestochen worden sei, deckt sich der Bericht mit erwähnter Version. Für Shlaim bestätigte sich die Echtheit durch den Kontakt mit dem irakischen Journalisten Shamil Abdul Qadir, der den vollen Bericht vorliegen hatte.

Unter jüdischen Irakern herrscht die Meinung vor, dass die Verurteilten die Anschläge verübt hatten, so der israelische Historiker Moshe Gat. Als die Nachricht über die Verurteilung die Camps in Israel erreichte, sahen sie es als „Gottes Rache“, zitiert Shlaim den israelischen Soziologen Yehouda Shenhav. Schon in seiner Kindheit hörte Shlaim von Verwandten, dass andere Juden zu verantworten hätten, dass sie aus ihrer Heimat vertrieben worden seien. Emotional belaste ihn das sehr, wie er Preis gibt. Als Historiker wolle er keiner Verschwörungstheorie glauben, sondern „auf der Suche nach Wahrheit“ Beweise aufdecken.


Hassan Al Khalaf ist Journalist mit Schwerpunkt arabischer Raum und lebt in Deutschland.


Titelbild: 1950-51 flohen innerhalb eines Jahres 110.000 irakische Juden nach Israel. Der Historiker Avi Shlaim wirft der zionistischen Bewegung vor, durch Bombenanschläge gezielt Angst geschürt zu haben, um die Auswanderung zu erzwingen. (Grafik: Unsere Zeitung / KI-generiert)

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