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„Bis zum letzten Atemzug für den Frieden in der Welt“

Ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Zeitschrift INTERNATIONAL und Würdigung ihres Gründers und langjährigen Herausgebers Fritz Edlinger (1)

Von Bernhard Müller, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)

Am 11. Dezember 1980 wurde im Zentralen Vereinsregister die „Arbeitsgemeinschaft Internationale Publizistik“ eingetragen, die seitdem die Zeitschrift INTERNATIONAL herausgibt. Interessanterweise ist aber das Magazin sogar älter als der Trägerverein und existiert bereits seit 1979. Seit der Vereinsgründung im Dezember 1980 sind etwas mehr als 45 Jahre vergangen, Grund genug, um zurück, aber auch nach vor zuschauen.

Eine kleine engagierte Gruppe rund um Heinz Gärtner und Fritz Edlinger etablierte mit INTERNATIONAL ein geopolitisches Periodikum als „kritische Stimme links von der Mitte“ (2), die stets „zu einer ausgewogenen und kritischen Information über die Ereignisse und Zusammenhänge der internationalen Politik beitragen“ wollte. (3) Die Genannten blieben zeitlebens Weggefährten und bis zum überraschenden Ableben von Fritz Edlinger eng verbunden. Der 1948 geborene engagierte sich früh für die österreichische Sozialdemokratie und wirkte ab 1970 als Bildungssekretär der Sozialistischen Jugend (SJ). Zwei Jahre später wechselte er beruflich an das Wiener Institut für Entwicklungsfragen, womit Fritz sich erstmals intensiv mit internationalen Themen auseinander zu setzen begann. Hier versuchte er „durch Öffentlichkeitsarbeit die Probleme der Dritten Welt der österreichischen Bevölkerung näherzubringen“ und begann somit Kompetenzen zu entwickeln, die er ab 1977 als Pressesprecher des Bautenministers erweiterte und später als Journalist, Verleger sowie Herausgeber und Chefredakteur von INTERNATIONAL umfassend nutzen konnte.“ (4)

Interview mit Bruno Kreisky, 1984

Im selben Jahr – 1979 – als die erste Nummer von INTERNATIONAL erschienen ist, wurde Fritz Edlinger auch zum Bundesvorsitzenden der Jungen Generation (JG) in der SPÖ gewählt und stellte hier neben bildungs-, wohn- und kommunalpolitischen Themen die Friedensarbeit in den Fokus seines Handelns. 1982 wurde er zum Generalsekretär der neugegründeten Gesellschaft für österreichisch-arabische Beziehungen (GÖAB) gewählt, als deren Präsident der legendäre spätere Innenminister Charly Blecha fungierte. 1983 kandidierte der JG-Vorsitzende nicht mehr für dieses Amt, sondern wandte sich beim Erwin Schwaiger-Verlag als Journalist der Publikation in Fachzeitschriften zu. In einem Interview mit der Arbeiter-Zeitung im selben Jahr anlässlich der bevorstehenden Nationalratswahl erklärte Edlinger auf die Frage nach seinen Beweggründen den Willen, sich „auch für Fragen der internationalen Solidarität und Außenpolitik stärker ein[zu]setzen“, weil er „es bedaure, dass diese Fragen im Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung keinen hohen Stellenwert haben.“ (5)

Dies ist insofern bedeutsam, zumal wohl bis heute nur wenige Nationalratskandidatinnen und -kandidaten außenpolitisches Engagement als maßgebliche Motivation ihres Antretens benennen. Viele Jahre blieb der Journalist Edlinger der Kommunalpolitik verbunden und war in seinem Wiener Heimatbezirk Alsergrund von 1991-1995 stellvertretender Bezirksvorsteher. Im folgenden Jahr wurde seine Tätigkeit als GÖAB-Generalsekretär zur hauptamtlichen Tätigkeit aufgewertet. Es folgte eine rege Publikations- und insbesondere Herausgebertätigkeit, exemplarisch seien Sammelbände zu den Themen Befreiungskampf in Palästina (2001) Libyen (2011) und Krisenregion Sahel (2022) genannt, es soll aber auch auf seine frühen Werke „Entwicklungspolitik. Algerien“ und „Katholizismus in Lateinamerika“ (1972) verwiesen werden.

Fritz Edlinger, im Alter zunehmend grantelnder Charakterkopf, wurden nach seinem Tod Rosen gestreut, die er, der Skeptiker, wohl kaum für möglich gehalten hätte. Der Österreichische Journalistenclub (JCÖ), dessen langjähriges Mitglied er war, würdigte, dass „er jene Leerstellen [füllte], die die österreichische Diplomatie seit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union mehr und mehr hinterlässt“ (6) und das renommierte Kreisky Forum für internationalen Dialog bezeichnete den „Diskussionsfreudigen“ als „über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg“ gern gesehenen Gast: „Belesen und engagiert, humanistischen Idealen und einem offenen, streitbaren, aber immer fairen Diskurs verpflichtet, hat sich Fritz Edlinger zeitlebens für eine friedliche Lösung des Nahost-Konfliktes und eine Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt.“ (7)

Der Bundesbildungsvorsitzende (Gerhard Schmid) seiner Partei SPÖ, der Edlinger oftmals harte, inhaltliche Kritik nicht ersparen konnte, hob hervor, dass „die politische Bildungs- und Friedensarbeit in Österreich“ mit seinem Ableben „einen bedeutenden Vordenker und Akteur [verliert].“ (8) Die Zuschreibung, wonach INTERNATIONAL eine „einzigartige Quelle kritischer Analyse“ ist und „Generationen von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern geprägt“ hat, hätte den jahrzehntelangen Motor des Magazins gewiss besonders gefreut. (9)

Der Titel dieses Beitrags mag pathetisch klingen, aber der Einsatz für den Frieden dieser Welt kann nicht hoch genug sein.

Am Tag als die Arbeitsgemeinschaft internationale Publizistik im Vereinsregister eingetragen wurde, berichtete die Arbeiter-Zeitung, dass der „sowjetische Staats- und Parteichef Breschnjew den Vereinigten Staaten und anderen Ländern den Abschluss eines ‚Friedens- und Sicherheitsabkommens‘ für die Golfregion vorgeschlagen“ habe. (10) 45 Jahre später gibt es zwar keine Sowjetunion mehr, aber wohl unzweifelhaft einen neuen „Kalten Krieg“, eine destabilisierte Golfregion, weitreichende imperiale Machtbestrebungen, internationales Wettrüsten, bröckelnden Multilateralismus, schwindende internationale Solidarität, gefährliche Nationalismen, ökologische Verheerungen und mit 1.450 globalen politischen Konflikten einen historischen Höchststand, wie der „Sicherheitsbilanz 2025“ des Geodatenanbieters Michael Bauer INTERNATIONAL zu entnehmen war. (11)

Die Zeitschrift INTERNATIONAL muss wissen, wo sie herkommt, um zu begreifen, wo sie hin will. Die Rückschau dient aber nicht der Befriedigung nostalgischer Gefühle, sondern lediglich der Verortung und der Stärkung des Bewusstseins, weiterhin eine „einzigartige Quelle kritischer Analyse“ sein zu wollen. Dabei werden wir uns auch immer wieder selbst hinterfragen, um besser zu werden. Und sei es vielleicht auch nicht der letzte Atemzug, so jedenfalls das heiße Herz und der kühle Verstand, die uns anleiten, mit voller Kraft für internationale Solidarität und Friedensarbeit einzutreten. Das sind wir nicht nur Fritz Edlinger, sondern auch allen Leserinnen und Lesern schuldig.


Bernhard Müller ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft internationale Publizistik und Mitglied des Redaktionskollektivs der Zeitschrift INTERNATIONAL.

(1) Alle Fußnoten & Quellen finden Sie hier.

Titelbild: Collage aus INTERNATIONAL Heft 1/1981, Heft 3/2023 und Heft 6/2024

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