Kinderbetreuung ist keine Arbeit?
Dann probieren wir es doch einmal ohne.
Ein Kommentar von Nina Maron
„Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.“ – Diesen Satz sagte Bundeskanzler Christian Stocker am 7. August bei seiner mit Steuergeld finanzierten Sommertour in Salzburg. Wörtlich meinte er: „Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen. Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen.“
Man muss dem Kanzler eines lassen: So deutlich hat schon lange niemand mehr erklärt, warum Care-Arbeit in Österreich noch immer so selbstverständlich bei Frauen abgeladen werden kann.
Denn natürlich ist es keine Arbeit.
Es ist ja nur das Aufstehen in der Nacht. Das Frühstück. Das Anziehen. Die Jausenbox. Kindergarten. Schule. Arzttermine. Hausaufgaben. Einkaufen. Kochen. Putzen. Wäsche. Trösten. Organisieren. Planen. Erinnern. Noch schnell etwas besorgen. Und sich nebenbei den Kopf darüber zerbrechen, wer das kranke Kind morgen betreut.
Das alles ist offenbar keine Arbeit. Zumindest dann nicht, wenn sie überwiegend von Frauen erledigt und nicht entlohnt wird.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut Statistik Austria leisten Frauen deutlich mehr als die Hälfte ihrer Gesamtarbeitszeit im Haushalt, in der Kindererziehung oder in der Pflege von Angehörigen.
„Ist das jüngste Kind im Haushalt unter drei Jahre alt, wenden erwachsene Frauen durchschnittlich 4 Stunden und 12 Minuten für Kinderbetreuung auf und Männer durchschnittlich 1 Stunde und 34 Minuten.“ (Statistik Austria)
Aber vielleicht sind über vier Stunden unbezahlte Arbeit am Tag einfach ein sehr ausführliches Hobby?
Island zeigte, was dann passiert
Vor über 50 Jahren hatten die isländischen Frauen eine Idee. Am 24. Oktober 1975 legten rund 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit nieder. Und zwar nicht nur jene Arbeit, für die sie einen Lohn bekamen. Sie streikten auch zu Hause: keine Kinderbetreuung, kein Kochen, keine Hausarbeit.
Island bekam an diesem Tag einen Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn Frauen ihre vermeintlich „unproduktive“ Arbeit nicht mehr erledigen. Plötzlich mussten Männer Kinder betreuen. Büros, Schulen, Geschäfte und andere Bereiche des öffentlichen Lebens gerieten ins Wanken. Was vorher unsichtbar gewesen war, wurde plötzlich unübersehbar: Ohne die Arbeit der Frauen funktioniert eine Gesellschaft nicht.
Die Botschaft von damals ist heute noch erstaunlich aktuell:
Wenn unsere Arbeit nichts wert ist, können wir sie ja einmal weglassen.
Und genau das wird in Österreich vorbereitet:
Am 3. Mai 2027 soll beim österreichweiten Frauen*Streik die Arbeit niedergelegt werden. Die Organisatorinnen wollen sichtbar machen, wie unverzichtbar Frauenarbeit ist – bezahlt und unbezahlt. Gefordert werden unter anderem mehr Zeit, mehr Geld, mehr Gerechtigkeit, gleiche Löhne und eine faire Verteilung der unbezahlten Care-Arbeit.
Das ist eine ziemlich einfache Rechnung:
Wenn Kinderbetreuung keine Arbeit ist, kann sie auch nicht fehlen.
Wenn Putzen keine Arbeit ist, kann es niemandem auffallen, wenn nicht geputzt wird.
Wenn Pflege keine Arbeit ist, wird sie wohl auch niemand vermissen.
Wenn Kinderbetreuung und Fürsorge keine Arbeit sind, dann kann es ja kein Problem sein, wenn Frauen am 3. Mai 2027 genau das nicht mehr tun.
Oder doch?
Vielleicht merkt dann auch der Bundeskanzler, dass eine Gesellschaft nicht nur aus jenen Tätigkeiten besteht, die auf einer Lohnabrechnung stehen.
Denn private Kinderbetreuung produziert keine unmittelbare Gehaltsabrechnung. Aber sie produziert Menschen, die morgen arbeiten.
Pflege produziert keinen Profit. Aber sie hält Menschen am Leben.
Hausarbeit schafft keinen Börsenkurs. Aber ohne sie funktioniert kein Haushalt.
Und Care-Arbeit taucht vielleicht nicht als klassischer Wirtschaftsfaktor auf. Aber ohne sie würde ein erheblicher Teil unserer bezahlten Wirtschaft überhaupt nicht funktionieren.
Das eigentlich Bemerkenswerte an Stockers Aussage ist deshalb nicht nur, dass sie falsch ist. Es ist, dass sie ein Denken offenlegt, das Frauenarbeit seit Jahrhunderten begleitet:
Was Frauen unbezahlt erledigen, gilt als selbstverständlich. Was selbstverständlich ist, gilt als nichts Besonderes. Und was als nichts Besonderes gilt, muss man auch nicht bezahlen.
Praktisch. Für jene, die davon profitieren.
Am 3. Mai 2027 könnte Österreich deshalb ein kleines Experiment wagen.
Frauen machen einmal das, was der Kanzler offenbar für keine Arbeit hält:
Sie machen sie nicht.
Dann sehen wir, wie lange dieses Land ohne „Nicht-Arbeit“ auskommt.
Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert (nano-banana-pro)


Ich glaube, es müsste viel mehr demonstriert werden. Nur reden und sich kurz aufregen reicht nicht, wenn sich wirklich etwas ändern soll. In Österreich wird vieles diskutiert, aber nach ein paar Tagen ist das Thema wieder vergessen. Am Ende bleiben Familien und Mütter mit der gleichen Belastung alleine zurück.