AktuellEuropaÖsterreichStandpunkteWirtschaft

Let’s Plan! Warum wir über demokratische Wirtschaftsplanung reden müssen

Sonntag ist Büchertag von Hanna Braun (Rezension der Kurswechsel-Ausgabe 2/2026)

Das Wiederaufleben der Planungsdebatte zeigt: Für eine demokratischere und gerechtere Wirtschaft müssen wir über Planung sprechen – und das nicht nur im Abstrakten, sondern im Konkreten. Lotte Jüsten, Alevtina Kravchenko und Mario Taschwer von Attac Österreich haben eine Ausgabe des Kurswechsels zusammengestellt und ihre eigenen Gedanken dazu publiziert. Die zweite Kurswechsel-Ausgabe dieses Jahres ist unter dem Titel “Let’s plan! Demokratische Wirtschaftsplanung – Schlüssel zur Transformation?” im Juni 2026 erschienen. Ein Einblick. 

In einer Welt, die in den multiplen Krisen von Klima-, Faschisierung und Wirtschaftskrise steckt, stelle ich mir, so wie viele Menschen häufig die Frage: Könnte das nicht auch anders gehen? Sollte es nicht möglich sein, aus der “Reaktionshaltung” auszubrechen? Anstatt vereinzelt Krisengipfel auszurichten, wäre es nicht sinnvoller, langfristige Strategien aufzusetzen, die Planbarkeit, Sicherheit, Gerechtigkeit und die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen? 

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, Planung passiert auch in der sogenannten “freien” Wirtschaft ständig. Ökonomisch gesehen sind die größten Planungskapazitäten unserer Zeit bei den großen Konzernen, hier in Österreich, aber auch global: große Unternehmen kontrollieren Lieferketten, Produktion, Logistik und Arbeitskräfte mit dem Ziel, maximalen Profit zu erwirtschaften. Planung wird mit folgenden Fragen im Blick gestaltet: Welches Produkt oder welche Dienstleistung ist gerade gefragt? Und was passiert nach dem “jetzt kaufen”-klick online? Häufig Folgendes: Ein Mensch (oder immer häufiger ein Roboter) zieht ein Produkt aus dem Regal, verpackt es, um es dann von Lager- zu Verteilerzentren zu transportieren und schlussendlich bei uns in der Paketbox oder zu Hause abzuliefern. Vom Klick bis zur Zustellung passieren unzählige Schritte im Hintergrund: Daten über Nachfrage, Lagerbestände, Transportwege und Arbeitsprozesse werden in Echtzeit erfasst, ausgewertet und gesteuert. Diese Planung ist global organisiert und datengetrieben. Der Online-Riese Amazon weiß, was wir suchen und wann wir kaufen und richtet die gesamte Infrastruktur danach aus: Lager und Lieferketten sind minutiös geplant (oft bis auf Sekunden genau), den Zusteller:innen werden die Routen diktiert. 

Diese Form der Planung zeigt deutlich, was technologisch schon möglich ist und gleichzeitig auch, wie wenig diese privaten Planungskapazitäten für das Gemeinwohl genutzt werden. Anstatt nach Bedürfnissen und innerhalb planetarer Grenzen zu wirtschaften, wird Planung in multinationalen Konzernen zu einem undemokratischen Herrschaftswerkzeug: Überwachung durch digitale Kontrollhandschuhe, algorithmische Steuerung und hoher Leistungsdruck sind zentrale Elemente, des Alltags in Amazon-Lagern (Schaupp 2024). Beschäftigte sind Zahlen in einer durchoptimierten Logistikmaschine – Leiharbeit, „flexible“ Beschäftigung und Gamification sind Instrumente der Disziplinierung. Wer in ein Amazon-Lager blickt, sieht effizienteste Planung. Aber: Immer schnellere Lieferungen, globale Transportketten und steigende Retourenquoten führen zu mehr Verkehr, mehr Emissionen und zur massenhaften Vernichtung von Waren – die Klimakrise schreitet voran, aber die Chefetagen der Konzerne kümmert das wenig (Attac 2025). Die Gastredaktion fragt daher in diesem Kurswechsel: Wie kann die Wirtschaft demokratisch geplant werden, um eine gerechte Gesellschaft zu erreichen und die klimasoziale Transformation zu bewältigen? 

Um dieses Feld der Planungsdebatte detailliert durchzudeklinieren und alle politischen und wissenschaftlichen Argumente einzufangen, reicht eine Ausgabe einer Zeitschrift wohl kaum. Allerdings ist dieser Kurswechsel ein Versuch, die Debatte neu aufzurollen und in sechs Artikeln verschiedene Bereiche konkret durchdenken, historisch, diskursiv, aber auch konkret an den Sektoren Energie, Autoindustrie, Care und Finanzsystem – was heißt Planung in diesem Bereich oder Kontext? 

Das Heft ist aus einer Bewegungsdebatte hervorgegangen. Wie im Editorial erklärt wird, geht es auf einen jährlichen Fach- und Vernetzungstag „Demokratische Wirtschaftsplanung“ bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zurück, ergänzt durch einen Lesekreis, den Attac Österreich mit Aktivist:innen aus unterschiedlichen Gruppen organisiert hat. Es ist eine Debatte darüber, wie geplant werden soll, denn dass geplant wird, steht außer Frage. 

Den Auftakt macht Lukas Oberndorfer mit einer von Eduard März inspirierten Einordnung, die marxistische, keynesianische und Degrowth-Zugänge zur Wirtschaftsplanung zusammenführt. Seine These: Sowohl die planetaren Belastungsgrenzen als auch der Aufstieg Chinas als planwirtschaftlich organisierte Großmacht bringen das neoliberale Dogma vom Staat als bloßem Ordnungsrahmen ins Wanken. Das zeigt, dass Planung ökonomisch keine Randerscheinung, sondern Realität einer Weltmacht ist – nur ist Chinas Modell autoritär organisiert und nicht demokratisch. Er ruft unter anderem dazu auf, die Debatten der verschiedenen wissenschaftlichen Bereiche von Degrowth und Marxismus in der Planungsdebatte zu verknüpfen und neu zu denken. 

Daniel Witzani-Haim liefert mit seinem historischen Beitrag eine spannende Perspektive. Er beginnt nicht erst bei den bekannten Sozialisierungsplänen von Otto Bauer, Otto Neurath und Käthe Leichter nach 1918, sondern schon 1848: Er stellt fest, der Bau der Semmeringbahn war eine Reaktion auf die Märzrevolution – nicht, weil Verstaatlichung eine demokratische Forderung gewesen wäre, sondern um arbeitslose Massen in Wien hundert Kilometer entfernt unter staatlicher Aufsicht zu beschäftigen und damit politisch zu neutralisieren. Aus dieser Anekdote leitet Witzani-Haim eine unbequeme These ab, die er mit einem Zitat von Käthe Leichter unterlegt: Verstaatlichung ist historisch selten von unten erkämpfte Demokratisierung gewesen, sondern häufig ein Mittel der Befriedung revolutionärer Bewegungen. Aus diesen historischen Gegebenheiten gilt es zu lernen –  nicht nur hier. 

Lotte Jüsten bildet mit ihrem Beitrag zu Sorgearbeit die Brücke zum sektorspezifischen Teil. Ihr Argument, gestützt auf Clara Zetkin und Alexandra Kollontai: Care-Arbeit wurde in der sozialistischen Theorie von Beginn an mitgedacht, ist aber in heutigen Planungsdebatten meist wieder verschwunden, weil sich ihr Ergebnis, wie zum Beispiel ein gut versorgtes Kind oder eine würdevoll gepflegte Person, schlecht(er) standardisieren und bepreisen lässt. Jüsten zeigt, dass die Planungsdebatte oft produktionszentriert abläuft. Gleichzeitig stellt sie klar: Wirtschaftsplanung muss Care-Arbeit in den Mittelpunkt stellen, wenn sie emanzipatorisch und demokratisch sein will. Sorgearbeit kann nicht als Randthema behandelt werden, wenn wir ein anderes Wirtschaften gestalten wollen. 

Solveig Degen und Jakob Zwirnmann zeigen am Energiesektor eine präzise These: Investitionslücken beim Ausbau erneuerbarer Energien liegen nicht an fehlendem Kapital, sondern an der institutionellen Organisation der Finanzierung – öffentliches Eigentum wie an der OMV bleibt ohne übergeordnete Steuerungsstruktur wirkungslos. Methodisch stützen sie sich nicht nur auf Literatur, sondern auch auf eigene Interviews mit Akteur:innen des österreichischen Energiesektors. Ihr historischer Hinweis, dass die österreichische Energieversorgung bis in die späten 1980er-Jahre überwiegend staatlich gesteuert war, unterstreicht noch einmal das Argument: Planung war schon möglich, sie demokratischer wiederzubeleben ist angesichts der Herausforderungen der Klimakrise ein realpolitisch relevantes Projekt. 

Klaus Dörre widerspricht in seinem Beitrag zur Automobil- und Rüstungsindustrie explizit einem rechten und wirtschaftsliberalen Narrativ: Nicht eine „Klimaplanwirtschaft“ habe die Autobranche in die Krise gestürzt, sondern das Fehlen eines Staats, der einen planvollen Umbau aktiv ermöglicht. Eine Zahl macht diese These konkret: 750 Milliarden Euro wollten die EU-Mitgliedstaaten bis 2027 in den wirtschaftlichen Wiederaufbau investieren, 30 Prozent davon für grüne Investitionen – finanziert über erstmals gemeinsam aufgenommene Schulden. Dass diese Gelder nicht ausreichten, um die Transformation der Autoindustrie zu tragen, führt Dörre auf hausgemachtes Missmanagement zurück, während zeitgleich die Rüstungsindustrie fälschlich als Wirtschafts- und Transformationsmotor verkauft wird. Für diesen Weg findet er einen zitierfähigen Begriff, den er von anderen Forscher:innen übernimmt: „schmutziger Militär-Keynesianismus“.

Paul Nagel, Mario Taschwer und Julia Werthmann von FinanzAttac schließen mit einem Beitrag zur Sozialisierung des österreichischen Bankwesens, der über die bloße Eigentumsfrage hinausgeht. Ihr Ausgangspunkt ist die Finanzwelt als „Casino“, entfesselt durch eine neoliberale Wende, die sie explizit historisch mit Margaret Thatcher verknüpfen. Ihr Beitrag liegt bei zwei präzisen Fragen: Welche Funktionen muss ein demokratisches Finanzwesen überhaupt erfüllen, und wie kann eine gemeinwohlorientierte Bedarfsermittlung unter demokratischen Prinzipien praktisch funktionieren? Ihre Vorstellung eines demokratisierten Finanzsystems übersteigt die Forderung nach der Verstaatlichung von Banken.

Die zweite Heftsektion (nicht von Attac kuratiert) heißt „Aktuelle Debatte“ zur österreichischen Industriestrategie. Werner Raza kritisiert die Strategie als Rückkehr einer „gefährlichen Obsession“ mit Wettbewerbsfähigkeit durch Deregulierung. Nikolaus Kowall differenziert: Technologie sei nur Mittel, Nachhaltigkeit der eigentliche Zweck und Wolfgang Polt und Kurt Bayer kommen zum nüchternen Urteil: Die Strategie sei „wichtig, aber führungslos, diffus und zu wenig transformativ“. Das Abbild einer Debatte, die zeigt wie notwendig klimasoziale Planung wäre. 

Für wen lohnt sich der Kurswechsel? Für alle, die mit dem Standpunkt “der Markt regelt das schon“ unzufrieden sind, ist es eine spannende Textsammlung zu Hebeln und Ansatzpunkten, wo Planung nötig wäre. Egal, ob man an den historisch gewachsenen Zusammenhängen oder an sektorenspezifischen Anknüpfungspunkten interessiert ist. Wer eine informierte, streckenweise selbstkritische Bestandsaufnahme der Debatten sucht, findet hier einen guten Einstieg in einen Diskurs, der in den kommenden Krisenjahren nur an Relevanz gewinnen wird.


Kurswechsel 2/2026: „Let’s Plan! Demokratische Wirtschaftsplanung – Schlüssel zur Transformation?“ von Lotte Jüsten, Alevtina Kravchenko und Mario Taschwer (Attac Österreich) für den Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM). Sonderzahl Verlag, Wien, Juni 2026. 104 Seiten, € 12. Zu erwerben im Attac-Shop.

Kurs­wech­sel ist die Zeit­schrift des Bei­rats für gesellschafts‑, wirt­schafts- und umwelt­po­li­ti­sche Alter­na­ti­ven (BEIGEWUM). Sie erscheint seit 1986 und ver­sam­melt vier­tel­jähr­lich wis­sen­schaft­li­che Bei­trä­ge zu jeweils einem Schwer­punkt­the­ma. Ziel ist das Ein­brin­gen von Ergeb­nis­sen kri­ti­scher sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher For­schung in die poli­ti­sche Debatte. Neben dem Schwer­punkt­the­ma gibt es in jedem Heft einen Abschnitt „Aktu­el­le Debat­te“, in dem kur­ze Bei­trä­ge zu einem aktu­el­len poli­ti­schen The­ma ver­sam­melt sind. Die Hef­te wer­den durch eine:n von der Redak­ti­on bestimmte:n Heftredakteur:in zusam­men­ge­stellt. Kurswechsel-Abo (€ 34 pro Jahr), Kurswechsel-Abo für Studierende (€ 18 pro Jahr), Kurswechsel Auslands-Abo (€ 42 pro Jahr) unter beigewum.at/kurswechsel-abo


Hanna Braun ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet bei Attac zur Macht multinationaler Konzerne, Militarisierung und Energie und beschäftigt sich mit Fragen, wie wir zu einer gerechteren Gesellschaft kommen.


Titelbild: Diskussionsveranstaltung von Attac zum neuen Kurswechsel, Juni 2026

Artikel teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.