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Blutige Spuren im Schatten der Thaya-Brücke

Sonntag ist Büchertag: „Grenzwertig: Inspektor Zedlnitzkys erster Fall“ von Andreas Pittler

Andreas Pittlers jüngster Kriminalroman „Grenzwertig“ (Verlag Kremayr & Scheriau) ist im April 1990 angesiedelt. Nach dem Sturz des Sozialismus in der Tschechoslowakei ist der Eiserne Vorhang physisch gefallen. Sinnbildlich dafür steht die Wiedereröffnung der Thaya-Brücke in Hardegg am 12. April 1990. Doch die politische „Ostöffnung“ löst in der Bevölkerung auch Ängste vor Kriminalität und Existenzverlust aus. Während in Wien die SPÖ-ÖVP-Koalition regiert und Jörg Haider an Einfluss gewinnt, kämpfen die Menschen mit diesem rasanten Wandel. Zeitgeistige Details wie die WM 1990 in Italien, die TV-Serie „Alf“ oder der Kulthit „Nothing Compares 2 U“ unterstreichen das dichte zeithistorische Lokalkolorit.

Wiener Schmäh trifft dörfliche Realität

Im Zentrum des facettenreichen Figurenensembles steht der Wiener Abteilungsinspektor Paul Zedlnitzky, ein erfahrener Ermittler, der privat an den Grenzen seiner väterlichen Autorität scheitert: Sein 15-jähriger Sohn Peter rebelliert heftig, schwänzt die Schule und flüchtet sich in den Alkohol.

Ihm gegenüber steht der gewissenhafte Revierinspektor Wolfgang Frühauf aus Hardegg, der sich mit voreingenommenen Dorfbewohnern und seinem alkoholkranken Postenkommandanten Habitzl herumschlagen muss, der den Dienst völlig schleifen lässt.

Die Opfer spiegeln die sozialen Bruchlinien der Zeit wider: Liljana „Lilli“ Adjovic, eine junge „Animierdame“ aus Wien, und Hubert Höllerer, ein verarmter und alkoholkranker Hardegger Bauer.

Eine tragikomische Note bringt Lillis Vater Slobodan ein: Ein serbischer Akademiker, der sich am Karmelitermarkt als Türke ausgeben muss, um sein Gemüse verkaufen zu können. Zudem erfreuen literarische Hommagen an bekannte Klassiker wie Kommissar Trautmann oder Simon Polt das Krimi-Herz.

Zwei Welten, zwei Morde

Die Handlung entfaltet sich in zwei parallelen Ermittlungssträngen. In Wien untersucht Zedlnitzky den grausamen Mord an der 19-jährigen Lilli Adjovic, die in einem exklusiven Innenstadt-Bordell tot aufgefunden wurde. Fast zeitgleich im beschaulichen Grenzort Hardegg: Der Bauer Hubert Höllerer wird am Ufer der Thaya erstochen aufgefunden – in seiner Brust steckt ein typisch alpiner Hirschfänger. Während die Hardegger Dorfgemeinschaft rasch und voller Vorurteile einen „durchreisenden Tschechen“ als Täter verdächtigt, stoßen die Ermittler zunächst an ihre Grenzen. Erst als sich überraschende Parallelen und personelle Verflechtungen zwischen dem Wiener Rotlichtmilieu und dem abgelegenen Grenzort offenbaren, verknüpfen sich die Fäden zu einer tragischen Einheit. Auf beiden Seiten der ehemaligen Demarkationslinie beginnt eine nervenaufreibende Jagd nach der Wahrheit, bei der alte Rechnungen und neue Träume aufeinanderprallen.

Die „Grenze“ als zentrales Motiv

Der Titel „Grenzwertig“ ist Programm. Er verweist nicht nur auf die geografische Grenze zwischen Österreich und der CSSR, sondern thematisiert psychologische, gesellschaftliche und moralische Grenzüberschreitungen. Pittler beleuchtet die Grenze der Belastbarkeit im Rotlichtmilieu, eindrücklich geschildert in der Figur der ausgebrannten Chantal, die die seelischen Abgründe ihres Berufs offenlegt. Auch das familiäre Zusammenleben der Zedlnitzkys bewegt sich im „grenzwertigen“ Bereich. Die Fremdenfeindlichkeit und Selbstjustiz-Fantasien der Hardegger Bauern zeigen, wie schmal der Grat zur Barbarei ist. Schließlich überschreitet auch der Täter jede moralische Grenze, getrieben von materieller Gier und unerwiderter Liebe, was in einer dramatischen Flucht über die tschechische Grenze mündet.

Empathie, feinsinniger Humor und historische Präzision

„Grenzwertig“ ist weit mehr als ein klassischer Whodunit-Krimi. Andreas Pittler gelingt eine atmosphärische Milieustudie und ein packendes Porträt der österreichischen und europäischen Gesellschaft im historischen Übergangsjahr 1990. Mit viel Empathie, feinsinnigem Humor und historischer Präzision zeichnet er die Zerrissenheit einer Welt im Umbruch. Der „neue Pittler“ ist – so wie die bisherigen Kriminalromane – nicht nur etwas für passionierte Krimifans, sondern für jeden, der ein Stück lebendige österreichische und europäische Zeitgeschichte literarisch nacherleben möchte.


Andreas Pittler
Grenzwertig
Kremayr & Scheriau 2026, 224 Seiten
ISBN: 978-3-218-01518-9
17,00 €


BUCHPRÄSENTATIONEN:


Titelbild: Südsüdostansicht der Thaya-Brücke in der niederösterreichischen Stadtgemeinde Hardegg und rechts das Grenzhaus auf der tschechischen Seite. (Foto: C. Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0)

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