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EU-Handelsabkommen mit Mercosur

Mitten in einer Welt, in der US-Zölle und chinesische Subventionen das multilaterale Handelssystem unter Druck setzen, hat die EU mit dem Mercosur-Abkommen ihren bislang größten Gegenpol geschaffen – eine Freihandelszone mit rund 700 Millionen Menschen, die Zölle auf 91 Prozent der europäischen Exporte abbaut und jährlich 440.000 Arbeitsplätze in Europa sichern soll.

Von Franz Nauschnigg, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)

Nach mehr als 25 Jahre langen Verhandlungen, haben die EU und der südamerikanische Staatenbund Mercosur ihr Freihandelsabkommen provisorisch in Kraft gesetzt. Dies, da die Gegner des Abkommens, insbesondere die Agrarlobby, die Rechtspopulisten sowie viele Grüne im Europäischen Parlament eine langwierige rechtliche Prüfung durchsetzten, bis das Abkommen final in Kraft treten kann. Die deutschen Grünen stimmten im Europaparlament mit der AfD gegen das Mercosur-Abkommen.

Es entsteht zwischen EU und Mercosur eine neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern und einer gemeinsamen Wirtschaftsleistung von rund 19 Billionen Euro.

Sie ist damit eine der größten weltweit. Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen, 91 % der Industriezölle werden abgeschafft, soll der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Mercosur angekurbelt werden. Die EU rechnet durch das Abkommen mit einer Steigerung der jährlichen Exporte in die Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay um 39 %. Damit sollen über 440.000 Arbeitsplätze in ganz Europa gesichert werden. Das Abkommen soll auch die Abhängigkeit der EU von Exporten in die USA, welche sich durch die Trumpschen Zölle zunehmend abschotten, verringert werden.

Geopolitisch ist auch noch wichtig, dass die EU damit auch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber China bekommt. Die Volksrepublik hat mit ihrer Industriepolitik schon die Krise in der Euro-Peripherie nach 2010 mitverursacht, indem sie deren Industrien im Bereich Textil, Bekleidung und Schuhe zerstörte und trifft nun mit ihrer Industriepolitik vor allem für Automobil- und grüne Industrien und Währungsdumping den Kern des Euro-Raums, insbesondere Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien und Österreich. Bei Beginn der Verhandlungen 1999 war die EU noch der größte Handelspartner von Mercosur, mittlerweile wurde die EU von China überholt. Auch die USA wenden sich unter Trump wieder verstärkt dem amerikanischen Kontinent zu und haben die Monroe-Doktrin – die USA betrachten ganzen Kontinent als ihr Einflussgebiet – wiederbelebt.

Die USA (durch die Trumpsche Zollpolitik) und China (durch die Subventionierung ihrer Industrie und sein Währungsdumping) haben das multilaterale Handelssystem mit der WTO im Zentrum praktisch zerstört. Bei der Münchner Security Conference am 13. Februar 2026 stellte die Generaldirektorin der World Trade Organization (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala, fest, dass der gigantische Chinesische Handelsbilanzüberschuss nicht mehr aufrechthaltbar sei: „China’s $1.2 trillion trade surplus was ‚not sustainable’, she said, because the ‚rest of the world cannot absorb it’.” Die chinesischen Exporte in die EU explodieren und 2025 erreichte der Handelsbilanzüberschuss Chinas mit der EU 400 Mrd. Euro, fast die Hälfte des gigantischen chinesischen Handelsbilanzüberschusses von 1.000 Mrd. Euro. Die Europäische Union hat allerdings mit anderen Regionen wie den USA oder Mercosur noch Überschüsse, sodass sie trotz des hohen Defizits mit China noch eine positive Handelsbilanz von 164,6 Mrd. Euro vorweisen kann.

Damit fallen die beiden wichtigsten Exportmärkte der EU, die USA und China, für Exportwachstum aus. Die EU versucht nun diesen Ausfall durch Freihandelsabkommen – Mercosur, Indien, Kanada, Japan, Korea, Australien usw. – zu kompensieren, um von den USA und China unabhängiger zu werden.

Lateinamerika hat gigantische Potenziale für den Export, aber auch für die Rohstoffversorgung der Europäischen Union.

Österreich, aber auch die EU haben diese Potenziale lange vernachlässigt. Ich erinnere mich, als ich Mitte der 1980er-Jahre für Staatssekretär Erich Schmidt eine Wirtschaftsdelegation nach Lateinamerika mitorganisieren durfte. Später als Landwirtschaftsminister bewältigte er multiple Krisen – den Weinskandal, die Reaktorkatastrophe von Chernobyl, das Waldsterben, die Umstellung von Getreide auf Ölsaatenanbau. Es war dies die erste österreichische Wirtschaftsdelegation auf Regierungsebene nach Lateinamerika; eine Woche Verhandlungen in Brasilien, Venezuela, Kuba. Tagsüber fanden Verhandlungen in Rio de Janeiro, São Paulo, Brasilia, Caracas, Havanna, nachts reisten wir per Flugzeug – anstrengend, aber sehr interessant.

In Brasilien gelang es, eine Reihe von Importgenehmigungen zu erwirken. In Lateinamerika war es damals wichtig, auf Regierungsebene präsent zu sein. Die Wirtschaftsbeziehungen im Industriebereich wurden damit gestärkt. Auch im Finanzsektor wurde geholfen. Die CA hatte seinerzeit eine Beteiligung an der brasilianischen Bank Bradesco, wo einige strittige Fragen geklärt werden konnten. In Venezuela waren wir nur kurze Zeit für Verhandlungen zu Exportlizenzen, Öl. In Kuba ging es um einen Öl-Deal: Kuba bekam von der UdSSR billiges Öl, musste allerdings den teuren Transport aus sowjetischen Häfen nach Kuba bezahlen. Die staatliche Intertrading, welche damals stark im Osthandel war, schlug vor, dass die Sowjets das Öl per Pipeline nach Österreich liefern, dafür Öl in Venezuela kaufen und die Ersparnis der Transportkosten mit Kuba teilen. Kuba akzeptierte, was für die Firma Intertrading ein lukrativer Einstieg ins Ölgeschäft war. Im Tourismusbereich hatten wir schon Erfahrungen mit der Finanzierung von Hotels in Ungarn, welche dann durch die Einnahmen der Beherbergungsbetriebe zurückgezahlt wurden. Die Kubaner waren an der Entwicklung ihres Tourismus interessiert, hatten aber kaum adäquate Hotels. Über unsere Exportfinanzierung kamen wir daher vorab für den Bau von Hotels durch österreichische Unternehmen auf, und die Rückzahlung erfolgte durch die Nächtigungseinnahmen. Die AUA bekam einen Direktflug von Wien nach Havanna, der sehr gut lief, da Kuba einen leistbaren Karibikurlaub ermöglichte. Es war für beide Seiten ein gutes Geschäft.

Das Mercosur-Abkommen wird insbesondere von der Agrarlobby aufgrund der Furcht vor billigen Agrarimporten aus Lateinamerika bekämpft. Für die Konsumenten wären billigere Nahrungsmittel ein Gewinn, da die Nahrungsmittelpreise zu den Inflationstreibern in den letzten Jahren gehört haben und auch jetzt gehören. Insbesondere ärmere Konsumenten, die bekanntlich einen höheren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, würden gewinnen. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum oft auch jene, welche die Interessen der Arbeitnehmer nach billigen Nahrungsmitteln vertreten sollten, gegen das Mercosur-Abkommen sind. Die Agrarlobby hat erreicht, dass durch Schutzklauseln Preissenkungen praktisch ausgeschlossen werden können. Es ist aber zu erwarten, dass durch das Abkommen der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln in der EU gedämpft wird.

Auch die Grünen sind – insbesondere aus Furcht vor Abholzung des Regenwaldes – gegen das Mercosur-Abkommen. Was sie übersehen, ist, dass für die Milch- und Fleischproduktion in der EU schon bisher Futtermittel aus Lateinamerika in großem Ausmaß eingesetzt werden. Ökologisch ist es sinnvoller, Rindfleisch direkt aus Lateinamerika zu importieren, als den Umweg über riesige Soja-Importe als Viehfutter zu gehen; für ein Kilogramm Rindfleisch werden in der industriellen Produktion mehrere Kilogramm Futtermittel benötigt, die in Europa quer durchs Land transportiert werden müssen. Was sie auch übersehen, ist, dass Lateinamerika keine Kolonie mehr ist, welche sich von Europa Vorschriften machen lässt.

Das EU-Mercosur-Abkommen enthält auch Umwelt-, Arbeitnehmer- und Klimaschutzbestimmungen, die weit über alles hinausgehen, was andere, wie China, oder die USA mit Lateinamerika besitzen.

Insgesamt ist das Abkommen sowohl für die EU als auch die Mercosur-Länder wirtschaftlich positiv.

Die einzigen, welche eventuell verlieren könnten, sind Akteure des Agrarsektors, wenn der Preisanstieg für Lebensmittel gedämpft wird. Der Agrarsektor ist jedoch in der EU hoch subventioniert, fast 50 % der Einkommen sind öffentliche Subventionen. Konsumenten, Arbeitnehmer und Industrie finanzieren diese Subventionen und sollten daher auch von einer Preisdämpfung bei Nahrungsmitteln profitieren können.


Franz Nauschnigg war Abteilungsleiter in der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen. In den1980er-Jahren in Kabinetten im Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium, 1987-2019 in OeNB und in den 1990er-Jahren wirtschaftspolitischer Berater der Finanzminister Staribacher, Klima, Edlinger. Mitglied des Boards der „European Task Force on Carbon Pricing”, Generalsekretär ELEC-Österreich Vizepräsident ELEC-Europa.


Titelbild: Dati Bendo – European Commission, © European Union, 2026 / CC BY 4.0

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