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Kuba im Dunkeln, Venezuela im Umbau

Kuba und Venezuela stehen weiter unter massivem Druck aus Washington. Doch die Entwicklungen der letzten Monate verlaufen nicht parallel: Während Kuba trotz verschärfter Energie- und Versorgungskrise den sozialistischen Weg beibehalten will, erlebt Venezuela eine politische und ökonomische Neuordnung. Wer beide Länder verstehen will, muss äußeren Druck, innere Widersprüche und soziale Folgen zusammen denken.

Von Michael Wögerer, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)

Kuba: Wenn die Krise den Alltag bestimmt

In Kuba ist die Krise nicht bloß eine Zahl in der Wirtschaftsstatistik. Sie sitzt tief im Alltag. Busse fahren seltener. Lebensmittel werden teurer. Operationen werden verschoben. Selbst in Havanna sind Stromabschaltungen von 15 oder 16 Stunden keine Ausnahme mehr. Die Regierung muss Treibstoffe rationieren, die Arbeitswoche verkürzen, Personal in Krankenhäusern und Polikliniken reduzieren und den Präsenzunterricht an der Universität Havanna zeitweise aussetzen. Das ist mehr als eine Energiekrise. Es ist eine soziale Krise, die das tägliche Leben der Menschen prägt.

Verschärft wurde sie in den vergangenen Monaten durch neue Sanktionen aus den USA. Das jüngste Paket von Mitte Juli zielt dabei nicht nur auf staatliche Handelsunternehmen, sondern auch auf den Tourismussektor und auf Organisationen, die Washington als Teil der „ineinandergreifenden Säulen“ des kubanischen Systems beschreibt. Die Botschaft ist klar. Der Druck soll nicht nur die politische Führung treffen, er soll das Land zermürben.

Im Zentrum steht dabei die Ölfrage. Kuba ist auf Importe angewiesen, zugleich brachen wichtige Lieferungen weg. Bis Anfang des Jahres 2026 kam noch rund ein Drittel der kubanischen Ölimporte zu Vorzugskonditionen aus Venezuela. Diese Lieferungen bleiben nach den Umbrüchen in Caracas aus. Auch andere Bezugsquellen sind weitgehend versiegt. Für ein Land, das täglich zehntausende Barrel braucht, hat das gravierende Folgen. Strom weg, der Verkehr stockt, Müll bleibt liegen, Medikamente fehlen. Der Würgegriff ist politisch gewollt.

Entsprechend wächst der Unmut. An mehreren Orten kam es zu Protesten gegen Stromausfälle und Lebensmittelknappheit.

Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel nannte die Unzufriedenheit „verständlich“, die Politik der USA bezeichnete er als einen „Akt des Staatsterrorismus“.

Ganz ohne Handlungsmöglichkeiten ist Havanna trotzdem nicht. International bleibt die US-Linie isoliert. Im Juli stimmten in der UN-Generalversammlung 136 Staaten für den kubanischen Antrag mit dem Titel „Die Notwendigkeit der Beendigung des von den Vereinigten Staaten von Amerika gegen Kuba verhängten Wirtschafts-, Handels- und Finanzembargos“, neun Regierungen votierten dagegen und 30 enthielten sich. Kubas Außenminister Bruno Rodríguez betonte: „Die Blockade erstickt und tötet im Stillen. Sich dieses rücksichtslosen Verbrechens anzunehmen, ist auch eine Verantwortung der Vereinten Nationen.“

Unterdessen sucht Mexiko nach Wegen, wieder Öl nach Kuba zu liefern. China wiederum hat im August eine zweite Spende von 5.000 Solarsystemen übergeben, die vor allem Gesundheitszentren, Notaufnahmen, Kindergärten und abgelegene Haushalte mit Strom versorgen sollen. Der chinesische Botschafter Hua Xin sprach dabei von einem „Geschenk des chinesischen Volkes“. Das löst die Krise zwar nicht, aber es zeigt, dass Kuba an konkreten Lösungen arbeitet und dabei internationale Unterstützung findet.

Dazu kommen Reformen im Inneren. Mitte Juni billigte die Kommunistische Partei Kubas (PCC) ein Paket für mehr Marktwirtschaft und private Investitionen, darunter auch Erleichterungen für Auslandskubaner:innen. Das ist kein kleiner Schritt. Die Führung reagiert damit auf einen realen Notstand. Zugleich wird sichtbar, wie sehr sich das kubanische Modell unter Sanktionsdruck verschiebt. Nicht aus Stärke, sondern aus der Defensive.

Venezuela: Stabilität, aber zu welchem Preis?

In Venezuela sieht die Lage anders aus. Dort steht nicht die unmittelbare Versorgungskrise im Vordergrund, sondern ein Umbau der politischen Ordnung. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez hat ihre Stellung in den vergangenen Monaten gefestigt. Ministerien wurden neu besetzt, die Armeespitze ausgetauscht und die Beziehungen zu Washington deutlich intensiviert. Parallel dazu startete nach Informationen des Lateinamerika-Nachrichtenportals amerika21 Anfang August ein Dialog zwischen Regierung und Teilen der Opposition. In den Gesprächen soll es zunächst um Hilfen für die Opfer der Erdbeben vom 24. Juni, um die Stärkung der Demokratie sowie um politische Rechte gehen.

Schärfer noch ist die soziale Frage. Von links wird seit längerem kritisiert, dass sich der Chavismus schon vor der jüngsten Eskalation weit von seinen ursprünglichen Versprechen entfernt hatte. Raul Zelik (Neues Deutschland) machte sich bereits kurz nach der Entführung von Präsident Nicolás Maduro und dessen Frau Cilia Flores keine Illusionen über Venezuelas Regierung und sprach von „sozialistischer Rhetorik, rechter Politik“. Gemeint sind gekürzte Sozialprogramme, ausgehöhlte Arbeiterrechte, niedrige Löhne und eine Rohstoffpolitik, die immer stärker auf ausländisches Kapital setzt. Das relativiert die US-Intervention nicht, es macht aber deutlich, dass die Krise Venezuelas nicht nur von außen kommt.

Für viele Menschen ist die von Hugo Chávez begonnene „Bolivarische Revolution“ heute kein offenes Zukunftsprojekt mehr, sondern vor allem Erinnerung, Symbol und Legitimationssprache. Ihr sozialer Kern ist ausgedünnt.

Dazu passt die wirtschaftliche Neuordnung. Die Tageszeitung junge Welt berichtet über neue Vereinbarungen mit Shell und über ein Ölgesetz, das die Rolle des Staates einschränkt und ausländischem Kapital mehr Spielraum gibt. Rodríguez sprach in diesem Zusammenhang von „neuen Geschäftsmodellen“. Genau darin liegt die eigentliche Tragik. Venezuela könnte sich stabilisieren. Aber wenn diese Stabilisierung vor allem auf Rohstofföffnung, Machtkonzentration und geopolitischer Anpassung beruht, dann hat sie mit dem einstigen Anspruch eines „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ nur noch wenig zu tun.

Zwei Länder, zwei Formen von Krise

Kuba und Venezuela stehen beide unter dem Druck einer US-Politik, die Souveränität nur so lange akzeptiert, wie sie den eigenen Interessen nicht im Weg steht.

Doch die Folgen unterscheiden sich. Kuba wehrt sich gegen die soziale und energetische Erstickungskrise. Venezuela treibt den politischen und ökonomischen Umbau unter neuer Führung voran. Eine linke Perspektive muss beides sehen: die zerstörerische Wirkung von Sanktionen und Interventionen, aber auch die innere Erosion jener Projekte, die einst angetreten waren, soziale Gerechtigkeit und Unabhängigkeit zu verbinden.


Michael Wögerer ist freier Journalist, Gründer und Mitherausgeber von „Unsere Zeitung – DIE DEMOKRATISCHE.“ sowie leitender Redakteur der Zeitschrift INTERNATIONAL.


Titelbild: Streetlife in Havanna, Kuba, 2017 (Foto: Pedro Szekely, flickr.com; Lizenz: CC BY-SA 2.0)

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