Die Wut leuchtet in Farben
Nina Maron malt Rebellinnen. Frauen, die trotzten, kämpften, scheiterten. In ihrem Atelier im Wiener Hinterhof erzählt die Künstlerin, warum Wut ihr Motor ist – und warum sie keine Angst vor der KI hat.
Von Michael Wögerer (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)
Ein barocker Kristallkronleuchter hängt über gehäkelten Decken und Bücherstapeln. An den Wänden drängen sich Frauengesichter in knalligem Pink, Gelb und Türkis – Pop-Art-Rebellinnen, die den Raum bevölkern wie eine kämpferische Versammlung. Auf einem Blumensessel liegen feministische Theorien neben Kinderbüchern. Das Atelier von Nina Maron in einem Hinterhof nahe dem Rochusmarkt ist ein Widerspruch aus Gemütlichkeit und Dringlichkeit, aus Chaos und Konzentration. „Was brauchst Du, um kreativ zu sein?“, frage ich. Nina antwortet, ohne zu zögern: „Wut.“ Nicht die zerstörerische Art, präzisiert sie sofort. Sondern jene kanalisierbare Energie, die sie seit ihrem Studium bei Adolf Frohner zu nutzen gelernt hat. Wut über gesellschaftliche Missstände, über das Unsichtbarmachen von Frauen, über die Selbstverständlichkeit patriarchaler Strukturen. Diese Wut hat sie in diesem Raum seit über 25 Jahren in Farbe verwandelt.
Der Hausbesitzer träumte von einem „Künstlerhof“ – heute arbeiten hier Architekten, Bildhauer, Maler. Dass das Atelier ebenerdig lag, war damals entscheidend. Ihr Vater, der Liedermacher Sigi Maron, saß im Rollstuhl. Er kam oft vorbei und malte selbst. Sein sozialkritischer Geist, seine unbeugsame Haltung gegen Ungerechtigkeit – Sigis Erbe lebt in Ninas Werk fort. Aber es war ein anderer Mann, ihr Partner in jüngeren Jahren, der ihr die theoretischen Werkzeuge in die Hand gab. Er brachte ihr Judith Butler nahe, die feministische Theorie, die ihr half, die diffuse Wut zu benennen und zu richten.
Denkanstöße geben
„Ich habe das aufgesogen wie ein Schwamm“, erinnert sie sich. Die Begegnung mit diesen Ideen war ein Wendepunkt. Plötzlich gab es Worte für das Unbehagen, Analysen für die Strukturen, die sie spürte, aber nicht greifen konnte. „Ich wollte einen Beitrag leisten, auch für Menschen, die sich nicht intellektuell mit der Thematik auseinandersetzen.“ Ihre Kunst sollte Denkanstöße geben – visuell, emotional, direkt.
Hinter uns am Boden lehnt ein großformatiges Porträt von Frida Kahlo (Titelbild). Daran reihen sich weitere Gesichter, manche mehrfach variiert – das Prinzip der Serie, das Markenzeichen von Ninas Arbeitsweise.
„Ich will Augenwürmer schaffen“, erklärt Nina Maron.
Durch die ständige Wiederholung desselben Motivs sollen sich die Bilder ins Gedächtnis brennen, präsent bleiben und zum Nachdenken zwingen. „Das ist keine Propaganda“, wehrt sie sofort ab. Propaganda manipuliert, reduziert den Betrachter auf eine simple Botschaft. „Ich arbeite eher wie Werbung – aber die Menschen haben immer die Wahl, zu gehen. Wer bleibt, entscheidet sich bewusst für die Auseinandersetzung.“

Nina greift zu einem Bild. Eine Frau in einem schwarzen Badeanzug, selbstbewusster Blick, die Hände in die Hüften gestemmt, im Ausdruck trotzig, fast provokant. „Das ist Annette Kellermann“, sagt Nina. „1907 wurde sie verhaftet, weil sie diesen Badeanzug trug: Erregung öffentlichen Ärgernisses.“ Sie lacht kurz auf. „Stell Dir das heute vor: Ein Badeanzug als Verbrechen.“
Es sind diese Geschichten, die Nina faszinieren. Frauen, die durch einfache Akte der Selbstbestimmung zu Rebellinnen wurden. Kathrine Switzer, die 1967 als erste Frau offiziell beim Boston-Marathon startete und dabei von Funktionären körperlich angegriffen wurde. Gertrude Ederle, die 1926 den Ärmelkanal durchschwamm – schneller als alle Männer vor ihr. „Körperliche Freiheit ist immer politisch“, sagt Nina.
„Wenn eine Frau ihren Körper in den öffentlichen Raum bringt, Sport treibt, Leistung zeigt, Haut zeigt – das war und ist Rebellion.“

Sie legt das Kellermann-Bild beiseite und nimmt ein anderes zur Hand. Romy Schneider. Aber nicht die Sissi, nicht die Glamour-Ikone. Dieses Porträt zeigt eine Frau mit hartem Blick, fast verzweifelt. „Romy interessiert mich gerade wegen ihrer Zerrissenheit“, erklärt Nina. „Sie wollte sich künstlerisch emanzipieren, hat in radikalen Filmen wie ‚Trio Infernal‘ mitgespielt. Und sie hat das ‚Manifeste Des 343 Salopes‘ unterschrieben, das Recht auf Abtreibung gefordert – obwohl sie selbst nie abgetrieben hatte. Das war Solidarität, nicht nur persönliche Betroffenheit.“
Nina malt keine Heldinnen-Ikonen. Sie interessiert sich für das Ambivalente, das Gescheiterte, das Widersprüchliche.
Romy Schneider, zerrissen zwischen ihrer traumatischen Vergangenheit und dem Versuch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Frauen, die nicht perfekt waren, aber kämpften. „Ich will keine Heiligen malen“, sagt sie bestimmt, „sondern Menschen, die trotz allem nicht aufgegeben haben.“
Die serielle Wiederholung dieser Gesichter – manchmal fünf, manchmal zehn Variationen derselben Person – folgt einem klaren Kalkül. „Ich will, dass sie im Gedächtnis bleiben. Dass man sie nicht übersehen kann.“ Wie Werbung, wiederholt sie, aber für einen anderen Zweck. Nicht zum Verkaufen, sondern zum Erinnern. „Oft wundere ich mich, wie wenig die Leute über diese wichtigen Frauen wissen.“
Kann ein Banker eine „Rebellin“ kaufen?
Verkaufen muss die freischaffende Künstlerin aber schon, um ihr Leben bestreiten zu können. Und damit beginnt das Paradox. Kann ein Banker eine „Rebellin“ kaufen? Wird politische Kunst durch den Akt des Erwerbs entschärft, zur Dekoration domestiziert, zum Investment neutralisiert?
Auch unter Marons Sammlern zeigen sich diese Widersprüche. Alice Schwarzer kauft ihre Bilder – bewusst, solidarisch, als politischer Akt. „Sie unterstützt nicht nur die Kunst, sondern auch die Haltung dahinter“, sagt Nina. Aber dieselbe Kunst ziert auch die Wohnung eines FPÖ-Politikers. Ein Bild mit einem Rosa-Luxemburg-Zitat. Nina grinst. „Ich hege eine gewisse Freude am Gedanken, dass ein Rechter unwissentlich eine subversive feministische Botschaft bei sich hängen hat.“
Die Künstlerin sieht es pragmatisch:
„Ich kann und will nicht kontrollieren, wer meine Bilder kauft. Ich lebe von meiner Arbeit. Das ist die Realität.“
Ihre Antwort auf dieses Dilemma liegt schließlich im Werk selbst. Das Bild trägt seine Botschaft in sich, unabhängig vom Besitzer. Rosa Luxemburg spricht von der Wand, ob der FPÖ-Politiker zuhört oder nicht. Die Rebellin bleibt Rebellin, auch im Bereich des Privatvermögens. „Das Kunstwerk spricht. Auch wenn manche nicht zuhören. Vielleicht gerade deshalb.“ Ein Banker kann das Bild einer Rebellin, das Objekt, erwerben. Aber die Rebellion selbst? Die gehört der Künstlerin. Und die Frauen auf der Leinwand – die kann niemand besitzen.
Kunst und zivilgesellschaftliches Engagement

Nina Maron ist nicht nur im Atelier aktiv. Sie engagiert sich seit Jahren für kultur-, sozial- und friedenspolitische Initiativen. Erst kürzlich unterzeichnete sie einen Aufruf gegen die Militarisierung Österreichs und für die aktive Neutralität; und als die Förderungen für das Festival des politischen Liedes in Oberösterreich gestrichen wurden, startete sie eine Crowdfunding-Aktion. Um Geld zu sammeln, produzierte und verkaufte sie handgemachte Pippi-Langstrumpf-T-Shirts und stellte ihre Kunst für den guten Zweck zur Verfügung. Ihr Vater Sigi Maron war in der Arena-, Anti-AKW- und Friedensbewegung aktiv – dieses Erbe lebt in Ninas Arbeit fort. Sie blickt dabei auch über den österreichischen Tellerrand hinaus. Als Donald Trump auf die wahnwitzige Idee kam, die Antifa zu verbieten, griff Nina sogleich zum Pinsel und konterte mit einer Spezialserie.
It’s just a supergirl

Zurück im Atelier greift Nina zu einem Bild, das sie „It’s just a supergirl“ nennt. Es zeigt die US-Sängerin Beth Ditto in leuchtendem Rot, das Oberteil mit schwarzen Polkadots übersät, die Konturen aufgelöst in kräftigen Farbfeldern. Der Titel ist Provokation und Programm zugleich. „Just“ – nur. Als wäre es wenig, eine Superheldin zu sein. „Frauen werden ständig verkleinert“, sagt Nina, „ihre Fähigkeiten unterschätzt, ihre Leistungen relativiert. ‚Just a mother‘, ‚just a teacher‘, ‚just a girl‘. Dieses ‚just‘ will ich umdrehen.“
Die Figur im Bild steht trotz der Abstraktion kraftvoll da. Die Farben schreien nicht, sie behaupten sich. „Es geht um die Spannung“, erklärt Nina. „Zwischen dem, was Frauen sein sollen, und dem, was sie sind. Zwischen Erwartung und Wirklichkeit.“ Das Bild ist Teil einer größeren Serie, die 2022 ausgestellt wurde. Supergirls, die keine Superkräfte brauchen und trotzdem „just supergirls“ sind.
„Ich habe keine Angst vor der KI“
Gegen Ende des Gesprächs kommen wir auf ein brandaktuelles Thema zu sprechen. Angesichts der technologischen Revolution mit künstlicher Intelligenz machen sich viele Kreativschaffende Sorgen, von der KI ersetzt zu werden. Nina, die sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hat, teilt diese Angst nicht.
„KI kann kopieren, aber keine Geschichten erzählen“, betont sie.
„Eine Zeichnung ist nicht nur eine Zeichnung“ – das ist der Kern. Ninas Rebellinnen tragen ihre Geschichte in sich, und diese Geschichte will erzählt werden. Am besten persönlich. In ihrem Atelier.
„Die Menschen kommen gerne zu mir, wir sitzen zwischen den Bildern, und ich erzähle ihnen von Frida Kahlo, von Romy Schneider, von meinen Gedanken zu den Bildern. Das ist Teil des Werks.“ KI kann ein Bild produzieren, aber keine Begegnung schaffen. Sie kann Stile imitieren, aber sie hat keine Haltung, keine Biografie, keinen Raum voller Geschichten.
Exklusiver Atelierrundgang mit Nina Maron
Exklusiv für Leserinnen und Leser der Zeitschrift INTERNATIONAL: Nina Maron lädt am Samstag, den 31. Jänner (ab 16 Uhr), zu einem Atelierrundgang ein. Zwischen ihren Rebellinnen erzählt sie die Geschichten hinter den Bildern. Anmeldung unter m.woegerer@international.or.at erforderlich (Begrenzte Plätze!).
Michael Wögerer ist Gewerkschafter und freier Journalist, Gründer und Mitherausgeber des Online-Projekts „Unsere Zeitung – DIE DEMOKRATISCHE.“ sowie stv. Chefredakteur der INTERNATIONAL.
Titelbild: FRIDA, 120×160 cm, Öl auf Leinwand, 2024 (© Nina Maron)

