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„Wir wollen nicht als Kanonenfutter enden!“

Am 155. Geburtstag von Rosa Luxemburg streiken Zehntausende Schüler:innen in Deutschland gegen das neue Wehrdienstgesetz – eine Jugendbewegung, die aufhorchen lässt

Von Michael Wögerer

Was für ein Datum. An diesem Donnerstag, dem 5. März 2026, verlassen in Deutschland Zehntausende Schüler:innen die Klassenzimmer – nicht wegen eines Feiertags, sondern aus Überzeugung. Sie streiken gegen die drohende Wehrpflicht. Und sie tun es an einem Datum, das Geschichte atmet: Am 5. März jährt sich der Geburtstag von Rosa Luxemburg zum 155. Mal. Die Sozialistin und Antimilitaristin, die ihr Leben dem Kampf gegen Krieg und Ausbeutung widmete, wäre wohl die Erste gewesen, die sich den Jugendlichen angeschlossen hätte.

Die zweite Welle rollt an

Am 5. März ruft die bundesweite Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ zur zweiten großen Schulstreikwelle auf. Über 90 lokale Komitees – von Hamburg bis München, von Kiel bis Cottbus – organisieren Demonstrationen und Kundgebungen in Dutzenden Städten. Es ist kein spontaner Aufstand, sondern das Ergebnis monatelanger Organisationsarbeit: Im Februar 2026 traf sich die Bewegung zu einer bundesweiten Konferenz in Göttingen, um den 5. März vorzubereiten. Unterstützung kommt von der Landesschüler:innenvertretung NRW, dem Berliner Landesschülerausschuss, der Jugendorganisation der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie von Eltern- und Friedensorganisationen. Die Bewegung wächst – und sie ist entschlossener denn je.

Wogegen die Schüler:innen protestieren

Deutschland hatte die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt. Doch die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz dreht die Geschichte zurück. Am 5. Dezember 2025 beschloss der Deutsche Bundestag das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG), das seit 1. Januar 2026 in Kraft ist. Alle 18-jährigen Männer müssen seither einen Fragebogen der Bundeswehr ausfüllen – über ihre Verfügbarkeit, ihren Bildungsabschluss und ihre Bereitschaft zum Dienst. Junge Männer ab Jahrgang 2008 sollen ab Juli 2027 zur verpflichtenden Musterung erscheinen. Offiziell bleibt der tatsächliche Dienst freiwillig – doch dahinter steckt ein entscheidender Vorbehalt: Erreicht die Bundeswehr ihr Ziel von 260.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2035 nicht, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht einführen – also echten Zwangsdienst. Seit Mitte Januar 2026 flattern die ersten Fragebögen in die Briefkästen junger Männer.

Eine Bewegung, die im Dezember begann

Die Schüler:innen haben nicht gewartet, bis das Gesetz vollständig greift. Bereits am 5. Dezember 2025 – parallel zur Bundestags-Abstimmung – streikten in über 90 deutschen Städten mehr als 55.000 Jugendliche. In Berlin kamen 3.000 Menschen zusammen, in Leipzig 2.000, in Dortmund fast 1.000. Die Botschaft war klar: Wir wollen nicht als Kanonenfutter enden! Schüler:innen berichteten von Drohungen und Schikanen – dennoch blieben sie standhaft. „Für die Wehrpflicht gab es keine einzige Demo. Damit haben wir in ganz Deutschland deutlich gemacht: Wir machen da nicht mit!“, schreibt die Initiative. Jetzt rufen über 90 Komitees zur zweiten Welle auf.

Was die Jugend fordert

Die Forderungen der Bewegung sind konkret: Kein Wehrdienst, keine Zwangsdienste jeglicher Art. Keine Bundeswehr-Werbung an Schulen – stattdessen Friedensbildung. Keine Steuergelder für Rüstungskonzerne wie Rheinmetall, sondern Investitionen in Bildung und Soziales. Und vor allem: Gehört werden. Denn die Jugendlichen beklagen zu Recht, dass über ihre Zukunft entschieden wird, ohne sie zu fragen.

Phil Werring vom Schulstreikkomitee Münster sagt es klar:

„Seit Jahren müssen wir Jugendliche alles aushalten und jetzt sollen wir in die Kaserne, bald in den Krieg gezwungen werden. Das lassen wir nicht mit uns machen. Wir streiken für Frieden, für unsere Zukunft. Wir rufen alle Menschen – ob jung oder alt – auf, sich den Protesten anzuschließen!“

Hannes Kramer vom Schulstreikkomitee Göttingen ergänzt:

„Mit dem Wehrpflicht-Gesetz stellen sich Regierung, Bundestag, Bundeswehr und Rüstungslobby ganz offen gegen die Jugendlichen, die sich von Cottbus bis Köln, von Kiel bis München trotz Drohungen und Schikane gegen die Wehrpflicht gestellt haben.“

Quelle: Pressemitteilung Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, 13.02.2026

Ein Geburtstag als Symbol

Rosa Luxemburg (Quelle: Karl Dietz Verlag Berlin; CC BY 2.0)

Dass der 5. März 2026 auch der 155. Geburtstag von Rosa Luxemburg ist, mag Zufall sein – aber es ist ein schöner. Die 1871 im polnischen Zamość geborene Revolutionärin und Sozialistin wurde zur schärfsten Kritikerin des deutschen Militarismus ihrer Zeit. Sie schrieb:

„Wir als Proletarier haben uns gegen den Krieg zu wenden, gleichwohl ob Angriffs- oder Verteidigungskrieg. Wir erkennen in ihm eine Folge des Imperialismus, und wie den Imperialismus als Ganzes, so bekämpfen wir auch jede seiner Teilerscheinungen.“

Für diesen Kampf bezahlte sie 1919 mit ihrem Leben – ermordet von Freikorps-Soldaten in Berlin. Die streikenden Schüler:innen von heute kämpfen in ihrem Geist. Ob sie es wissen oder nicht: Der 5. März verbindet zwei Generationen, die dasselbe wollten und wollen – Frieden statt Militarismus, Zukunft statt Kaserne.

Rechtlich ist die Situation klar: Schüler:innen sind keine Arbeitnehmer:innen, ein „Schulstreik“ ist juristisch kein Streik. Unentschuldigtes Fehlen kann Konsequenzen haben. Und dennoch: Am Donnerstag werden wieder Tausende auf die Straße gehen – weil für sie ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Der 5. März ist nicht das Ende dieser Bewegung. Er ist ein weiterer Anfang.


Infos und Kontakt: schulstreikgegenwehrpflicht.com


Titelbild: Schüler:innen demonstrieren gegen das Wehrdienstgesetz – symbolisch für die bundesweite Bewegung. Grafik: Unsere Zeitung / KI-generiert

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