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Wettrüsten, Öl und die Klimakrise

Die Welt rast auf eine Erhitzung von rund drei Grad zu – Österreich sogar auf vier. Eine Erhitzung dieses Ausmaßes verschärft Hunger, Armut und Konflikte. Sie bedroht das Gefüge ganzer Gesellschaften. Was in dieser Debatte jedoch im Schatten bleibt: das Militär als einer der größten, aber wenig diskutierten Treiber der Klimakatastrophe – und die fatale Verflechtung von Krieg, fossiler Energie und wirtschaftlicher Instabilität.

Von Max Hollweg, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

Das Militär: der Klimakiller im Verborgenen

Streitkräfte weltweit verbrennen Treibstoffe in schwindelerregenden Mengen, betreiben energieintensive Infrastruktur und lassen Kriegsgerät in ressourcenhungrigen Lieferketten produzieren – mit einem entsprechend gewaltigen CO₂-Abdruck. Dennoch tauchen diese Emissionen in internationalen Klimabilanzen allenfalls als Randnotiz auf. Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit verschwinden die meisten Daten in der Schublade oder werden gar nicht erst erhoben. Transparenz? Systematisch verweigert. So entsteht der sogenannte „Military Emissions Gap“.

Schätzungen von Attac zufolge verursachte das Militär 2025 weltweit rund 4,3 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent – etwa acht Prozent der globalen Emissionen. Eine Zahl, die erschlägt: Sie übersteigt den gesamten jährlichen Ausstoß der Europäischen Union. Und die Kurve zeigt unerbittlich nach oben.

Die Aufrüstungsspirale dreht sich immer schneller

Die Zeichen stehen auf Wettrüsten. Mit milliardenschweren Rüstungspaketen will die EU bis 2030 „kriegstüchtig“ werden. Ihr Programm „ReArm Europe“ soll über 800 Milliarden Euro ins Militär lenken; NATO-Staaten peilen Verteidigungsausgaben von bis zu fünf Prozent des BIP an. Österreich zieht mit einem Aufbauplan 2032+ nach, der die Militärausgaben auf zwei Prozent des BIP – über zwölf Milliarden Euro pro Jahr – erhöhen soll.

Das Geld fließt künftig in Kampfjets, Drohnen und Panzer statt in die dringend notwendige Energiewende oder das Gesundheitssystem.

Läuft das Wettrüsten im geplanten Tempo weiter, könnten die weltweiten Militäremissionen bis 2030 auf über 6,9 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent anschwellen. Das Pariser Klimaabkommen sieht für diesen Zeitpunkt ein globales Gesamtbudget von rund 27 Milliarden Tonnen vor – das Militär würde damit fast ein Viertel des verbleibenden Spielraums verschlingen und mühsam erkämpfte Einsparungen in Verkehr und Energie mit einem Schlag zunichtemachen. Es entsteht ein gefährlicher Teufelskreis: Aufrüstung treibt die Klimakrise voran, die Klimakrise verschärft Konflikte, und Konflikte rechtfertigen weitere Aufrüstung.

Quelle: Attac

Emissionen steigen, internationale Solidarität sinkt

Neben den direkten Emissionseffekten hat Aufrüstung weitreichende finanzpolitische Konsequenzen. Steigende Militärausgaben binden öffentliche Mittel auf Jahre hinaus – Geld, das für Gesundheit, Pflege, Bildung und Klimaschutz fehlt. Während die österreichische Regierung Klimaschutzmaßnahmen streicht und den Klimabonus abschafft, vervielfacht sie die Ausgaben fürs Militär.

Dieses Muster zeigt sich auch international: In vielen Staaten gehen höhere Militärausgaben mit Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und Klimafinanzierung einher – ein Trend, der sich seit 2023 ungebremst fortsetzt. Auch Österreich macht keine Ausnahme: Das Budget für Entwicklungszusammenarbeit und den Auslandskatastrophenfonds wird bis Ende 2026 um fast ein Viertel gekürzt. Besonders hart trifft das Programme zur Klimaanpassung im Globalen Süden – jenen Regionen, die die Folgen der Erderhitzung am stärksten spüren, obwohl sie am wenigsten zu ihr beigetragen haben.

Kein Krieg ohne Öl

Globale Großmächte kämpfen um Rohstoffe und die Welt versinkt im Chaos. Was abstrakt klingt, wird aktuell auf brutale Weise konkret: Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran löste einen globalen Energieschock aus – mit dramatischen Folgen für Preise, Versorgung und wirtschaftliche Stabilität. Die Blockade der Straße von Hormus lässt Lieferketten für Öl, Gas und wichtige Vorprodukte einbrechen. Der Preisschock trifft nicht nur die Energieversorgung, sondern schlägt wie eine Welle durch die gesamte Wirtschaft: Düngemittelproduktion, Landwirtschaft und Industrie geraten unter Druck, Rationierungen und Fahrverbote stehen in vielen Weltregionen auf der Tagesordnung.

Global zeichnet sich eine wachsende Spaltung ab: Reiche Länder sichern sich knappe Ressourcen, während ärmere Regionen mit echten Versorgungsengpässen konfrontiert sind. Allein durch die Blockade der Straße von Hormus drohen laut Welternährungsprogramm weltweit über 45 Millionen Menschen zu hungern. Große Hungersnöte aufgrund von Ressourcenknappheit und Energiekrisen sind keine ferne Gefahr mehr. Die Wissenschaft macht seit Jahrzehnten klar: Jedes Grad mehr Erhitzung weitet diese Krisen massiv aus.

Profite mit Krieg und Rüstung unterbinden

Solange die Produktion von Kriegsgütern Milliardenprofite einbringt, haben Rüstungskonzerne und ihre Aktionär:innen ein ökonomisches Interesse an der Ausweitung von Konflikten und Aufrüstung. Gleiches gilt für die fossilen Energiekonzerne.

Wer den Einfluss der Rüstungskonzerne brechen will, braucht einen grundlegenden Umbau.

Wenn wir uns als Gesellschaft darauf einigen, dass Waffenproduktion und -exporte Leid und Zerstörung verursachen, können wir den Umbau der Branche hin zur Produktion gesellschaftlich nützlicher Güter in Angriff nehmen.

Denn die aktuelle Krise offenbart einmal mehr, wie verwundbar wir im fossilen Kapitalismus sind – abhängig von Öl und Gas, ausgeliefert an die Macht der Konzerne, gefangen in einer Sicherheitslogik, die Unsicherheit produziert. Die grundlegende Antwort kann nur lauten: fossile Abhängigkeit beenden, Wirtschaft regionalisieren, die Macht großer Konzerne brechen – und Frieden statt Wettrüsten ins Zentrum internationaler Politik stellen.

Gegenmacht und Solidarität von unten

European movement against ReArm Europe: Welfare not Warfare Mobilizations

Dieses Umdenken setzt weder von selbst ein, noch werden sich mächtige Entscheidungsträger:innen von guten Argumenten überzeugen lassen. Veränderungen und Friedensperspektiven lassen sich aktuell nur in der Organisierung von unten erwirken. Mit der Kampagne „Wettrüsten stoppen!“ und dem europaweiten Bündnis „Stop ReArm Europe“ kämpfen wir für genau diese solidarische Zukunft. Zum 14. Juni rufen wir gemeinsam mit über 700 Organisationen zur Großdemonstration „Welfare, not Warfare“ in Brüssel auf, um gegen die kriegerische und katastrophale EU-Politik zu mobilisieren. Gleichzeitig finden um den 14. Juni herum etliche Aktionen in ganz Europa statt, die für soziale Gerechtigkeit statt Krieg demonstrieren. Die Bewegung wächst.

Abrüstung ist kein naiver Traum weltfremder Idealist:innen, sondern eine knallharte sicherheits- und klimapolitische Notwendigkeit.

Echte Sicherheit entsteht nicht durch Wettrüsten, sondern durch gerechte Ressourcenverteilung, stabile Lebensverhältnisse und gelebte Solidarität. Wer Frieden wirklich will, muss den Mut aufbringen, das Wettrüsten zu beenden – bevor es Klima, Wirtschaft und Demokratie endgültig verheizt.


Max Hollweg ist Sozioökonom und Campaigner bei Attac Österreich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Militarisierung, Energiepolitik sowie Globalisierung und er ist in verschiedenen internationalen Vernetzungen aktiv.


Titelbild: European movement against ReArm Europe: Welfare not Warfare Mobilizations (June 2026)

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