WAICO: 29 Staaten gründen neue Organisation für globale KI-Zusammenarbeit
Mit der Unterzeichnung des Gründungsabkommens für die World Artificial Intelligence Cooperation Organization (WAICO) ist am 16. Juli in Shanghai eine neue zwischenstaatliche Organisation für Künstliche Intelligenz entstanden. Nach offiziellen chinesischen Angaben unterzeichneten 29 Staaten das Abkommen. Die Organisation soll internationale KI-Zusammenarbeit fördern, Fragen der globalen Governance koordinieren und den Zugang zu KI auch für Länder verbessern, die bei Rechenleistung, Infrastruktur und Fachwissen bislang im Nachteil sind.
Von der Idee zur Gründung von WAICO
Die Gründung der neuen Organisation knüpft an frühere Vorstöße aus Peking an. Laut dem Bericht des SCO Secretariat wurde die Idee bereits 2025 von Chinas Premier Li Qiang vorgeschlagen. Die Gründung fällt in eine Phase, in der China seine internationalen Vorschläge zur KI-Governance sichtbar ausbaut: von der Global AI Governance Initiative über UN-Resolutionen zur KI-Kapazitätsbildung bis hin zur nun geschaffenen WAICO als institutionellem Rahmen.
Nach der offiziellen Gründungsmeldung ist WAICO eine „unabhängige zwischenstaatliche internationale Organisation“ mit Sitz in Shanghai. Sie soll sich an den Zielen der UN-Charta orientieren, auf Konsultation und gemeinsamen Nutzen setzen und einem menschenzentrierten Ansatz folgen. Ihr erklärtes Ziel ist es, internationale Kooperation und globale Governance im Bereich KI so zu fördern, dass die Technologie nützlich, sicher und fair eingesetzt wird und „der ganzen Menschheit“ zugutekommt. Zugleich wird die Gründung ausdrücklich als Antwort auf Forderungen des Globalen Südens dargestellt, stärker an KI-Entwicklung, Standards und Anwendungskooperation beteiligt zu werden.
Welche Ziele WAICO verfolgt
In den chinesischen Regierungs- und Außenamtsquellen wiederholt sich ein klarer Dreiklang: Governance, Teilhabe, Kapazitätsaufbau. WAICO soll nicht nur Regeln und Standards diskutieren, sondern auch konkrete Kooperation ermöglichen. Das chinesische Außenministerium nennt dazu mehrere Vorhaben: In den kommenden fünf Jahren sollen 5.000 Ausbildungsplätze für Teilnehmer:innen aus Entwicklungsländern bereitgestellt werden. Zudem sollen internationale KI-Anwendungszentren mit Partnern aus ASEAN, Arabischer Liga, Afrikanischer Union, CELAC, BRICS und SCO aufgebaut werden. Auch praktische Anwendungen wie das intelligente Frühwarnsystem MAZU sollen nach chinesischen Angaben in 30 Ländern zum Einsatz kommen.
Der politische Hintergrund ist damit klar: China versucht, die Debatte über KI nicht allein auf Risikoabwehr, Exportkontrollen und Sicherheitslogik zu verengen, sondern stärker mit Fragen von Entwicklung, Zugang und gemeinsamer Nutzung zu verbinden. Gerade für viele Länder des Globalen Südens ist das attraktiv, weil dort die Sorge wächst, dass sich im KI-Zeitalter eine neue Form digitaler Abhängigkeit verfestigt. WAICO präsentiert sich deshalb als Plattform gegen eine künftige technologische Spaltung zwischen wenigen führenden Zentren und vielen bloßen Anwenderstaaten.
António Guterres nahm an der Unterzeichnungszeremonie teil
Auch UN-Generalsekretär António Guterres nahm an der Unterzeichnungszeremonie der WAICO in Shanghai teil und unterstrich damit die multilaterale Bedeutung. Bei der Eröffnung der World AI Conference betonte er das Grundprinzip globaler KI-Governance und sagte (in deutscher Übersetzung):
„Eine Technologie, die die Zukunft der Menschheit prägen wird, muss von der gesamten Menschheit mitgestaltet werden.“
Und weiter: KI-Governance dürfe „nicht von einer Handvoll Staaten oder Unternehmen beherrscht werden“; vielmehr brauche „jede Nation einen Platz am Tisch“.
Guterres formuliert diesen Gedanken seit Monaten ähnlich. Bereits beim AI Impact Summit im Februar sagte er: „KI muss allen gehören“ und „KI muss für alle zugänglich sein“. Der Grundgedanke ist derselbe: Wenn KI weltweit gesellschaftliche und wirtschaftliche Macht neu verteilt, dann darf ihr Regelwerk nicht nur in einigen wenigen Hauptstädten und Konzernzentralen entstehen.
Die 29 Staaten der Gründung
Auffällig ist die geografische Zusammensetzung der neuen KI-Organisation: Die Gründungsstaaten kommen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa, westliche Industriestaaten sind nicht darunter. Das stützt die Lesart, dass WAICO zunächst vor allem als Plattform jener Länder aufgebaut wird, die in der globalen KI-Ordnung mehr Mitsprache, Technologietransfer und institutionellen Raum einfordern.

Die vollständige Liste der 29 Staaten umfasst: Algerien, Belarus, Brasilien, Kambodscha, Kamerun, China, Republik Kongo, Kuba, Äthiopien, Indonesien, Kasachstan, Kenia, Kirgisistan, Laos, Lesotho, Malaysia, Mosambik, Myanmar, Nicaragua, Oman, Pakistan, Russland, Senegal, Serbien, Südafrika, Tadschikistan, Usbekistan, Venezuela und Sambia.
Spärliche Berichterstattung in Österreich – und ein vertrauter Deutungsrahmen
In österreichischen Medien war die Gründung bislang nur vereinzelt Thema. Belegbar sind vor allem Berichte in der Kronen Zeitung, eine Meldung bei VOL.at sowie eine geopolitische Einordnung in Die Presse. Charakteristisch ist dabei weniger eine vertiefte Beschäftigung mit WAICO selbst als ein vertrauter geopolitischer Rahmen: Die Organisation erscheint oft vor allem als Baustein im Wettstreit China–USA, während ihre entwicklungspolitische Begründung, der Fokus auf Kapazitätsaufbau und die Perspektive der Gründungsstaaten eher knapp behandelt werden.
Gerade hier zeigt sich ein wiederkehrender Bias vieler westlicher Darstellungen: Chinesische Initiativen werden schnell unter dem Blickwinkel von Einflussgewinn, Systemkonkurrenz und Machtprojektion gelesen. Das ist nicht völlig falsch, verstellt aber oft den Blick darauf, dass viele Länder des Globalen Südens ganz eigene Interessen an offeneren Zugängen zu KI, Infrastruktur und Governance haben. Wer WAICO nur als geopolitisches Manöver beschreibt, versteht die Organisation unvollständig. Ebenso unzureichend ist es, WAICO einfach als selbstloses Projekt zum Wohl aller zu deuten. Nötig ist beides: Nüchternheit gegenüber Machtpolitik – und Offenheit dafür, dass die Forderung nach breiterer technologischer Teilhabe international reale Resonanz hat.
Warum die Gründung über China hinaus relevant ist
Ob WAICO rasch zu einer schlagkräftigen Organisation wird, ist offen. Sicher ist aber schon jetzt: Mit der Gründung entsteht ein neues Forum, in dem über KI-Standards, Anwendungskooperation, Kapazitätsaufbau und globale Spielregeln verhandelt werden kann. Gerade weil Rechenleistung, Chips, Cloud-Infrastruktur und Basismodelle heute in wenigen Händen konzentriert sind, gewinnt jede Institution an Gewicht, die diese Asymmetrie politisch thematisiert.
Das heißt nicht, dass jede Ankündigung automatisch eingelöst wird. Aber die Gründung von WAICO markiert einen realen institutionellen Schritt: weg von bloßen Positionspapieren, hin zu einer Organisation mit Sitz, Abkommen, Mitgliedstaaten und einem erklärten Auftrag. Wer die künftige Weltordnung der KI verstehen will, kommt an dieser Entwicklung nicht vorbei.
Text: Michael Wögerer
Titelbild: Signing Ceremony of the Agreement on the Establishment of the World Artificial Intelligence Cooperation Organization (WAICO) in Shanghai. (Quelle: x.com/AmbWuPeng)

