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Alkoholverbote bekämpfen armutsbetroffene Menschen

Ein Gastbeitrag von Christoph Stoik

Auf der Veranstaltung „Wiener Kaiserwiese“ beim Praterstern ist das Konsumieren von Alkohol erwünscht – da wird viel Geld damit gemacht. Menschen, die sich den Konsum in Gastrobetrieben nicht leisten können oder kein eigenes Wohnzimmer haben, wird der Konsum rund um Bahnhöfe immer mehr verboten – so seit 2018 auch am Praterstern.

Alkoholkonsumverbote gibt es mittlerweile an zahlreichen Bahnhöfen, in Wien auch in Floridsdorf und am Westbahnhof. Im Sommer 2026 wurde eine Initiative seitens des Verkehrsministeriums gestartet, um diese Maßnahmen österreichweit auszuweiten. Dass das Konsumieren von Alkohol im Rahmen der Gastronomie bzw. von Veranstaltungen erlaubt bleibt, macht offensichtlich, dass diese Maßnahmen gegen die Menschen gerichtet sind, die von Armut betroffen sind. Diese Menschen werden durch Alkoholkonsumverbote von den Bahnhöfen verdrängt, um den Konsum und den Profit anderer nicht zu „stören“. Armutsbetroffene Menschen sind durch diese Verbote aber besonders betroffen. Sie müssen auf andere Orte ausweichen, an denen es weniger Infrastruktur gibt, weniger Schutz vor Wetter, Kälte und Hitze, keine sanitären Anlagen sowie schlechtere Einkaufsmöglichkeiten. Soziale Arbeit wird durch Alkoholverbote erschwert: Es wird schwieriger, diese von Armut betroffenen Menschen zu finden und aufzusuchen, um ihnen Hilfe anzubieten. Und mögliche Konflikte zwischen Menschen werden aus zentralen Orten wie Bahnhöfen in Wohngebiete verlagert. Alkoholkonsumverbote bekämpfen die Armut nicht, sondern Menschen, die von Armut betroffen sind, und sie nehmen keine Rücksicht auf Anrainer:innen.

Zweifellos können Konflikte entstehen, wenn Menschen viel Alkohol konsumieren. Zweifellos ist es für die meisten Menschen nicht angenehm, mit Armut und Elend konfrontiert zu werden. Aber es gibt sinnvollere und v.a. gerechtere bzw. inklusivere Möglichkeiten, mit diesen Problemen umzugehen. Es braucht v.a. mehr Angebote für Menschen, die von Armut betroffen sind (leistbare Wohnungen, Tageseinrichtungen, Drogenkonsumräume, aufsuchende Soziale Arbeit, …). Stattdessen wird im Sozialbereich aktuell massiv gespart – in Wien so stark, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Es entsteht der Eindruck, dass die Wiener SPÖ ihren inklusiven und sozialen, sowie faktenbasierten Kurs aufgegeben hat. Die Probleme sollen nicht mehr gelöst, sondern mit unwirksamen Verboten verlagert werden. Es scheint eher um politische Polemik zu gehen, als um den Umgang mit und die Lösung von sozialen Problemen. Dass policing-Maßnahmen in öffentlichen Räumen – also auch Bettelverbote, „Schutzzonen“, Waffenverbote sowie Videoüberwachung, die für sogenannte Sicherheitskontrollen genutzt wird – in erster Linie armutsbetroffene Menschen räumlich verdrängen, ist mit zahlreichen Studien und wissenschaftlichen Beiträgen belegt. Um die Sicherheit der Menschen, die von diesen Verdrängungen betroffen sind, geht es dabei nie.

Auch das vorgebrachte Argument, dass es um den Schutz der ÖBB-Mitarbeiter:innen geht, ist fadenscheinig und vorgeschoben. Schon jetzt verbietet die Hausordnung der ÖBB ein „übermäßiges“ Konsumieren und ermöglicht es Sicherheitskräften, Personen aus Bahnhöfen zu verweisen. Es geht also auch nicht wirklich um die Sicherheit der Mitarbeiter:innen.

Freilich würden inklusive und soziale Maßnahmen die Probleme nicht vollständig lösen, nicht die Armut in einer kapitalistischen Gesellschaft beseitigen. Selbst wenn es genügend Wohnversorgung („housing first“) und Tageszentren geben würde, würden Menschen öffentliche Räume weiter nutzen, auch weil diese wichtige soziale Treffpunkte sind. Der öffentliche Raum hat aber auch die Funktion, dass sich unterschiedlichste Menschen begegnen, Vielfalt und Differenz sichtbar werden. Im öffentlichen Raum treffen Interessengegensätze aufeinander. Und es werden gesellschaftliche Probleme sichtbar, von Armut bis zum rassistischen Ausschluss von geflüchteten Menschen. Widersprüche des Kapitalismus werden auch in öffentlichen Räumen sichtbar. Anders formuliert ist es ein Zeichen einer modernen inklusiven Gesellschaft, wenn Interessengegensätze in öffentlichen Räumen sichtbar und ausgehandelt werden, ohne Menschen auszuschließen. Eine fortschrittliche Politik würde sich nicht für autoritäre Verbote stark machen, sondern dazu stehen, dass es gut ist, wenn Unterschiede und Konflikte sichtbar werden. Und sie würde sich dafür einsetzen, dass mit diesen Problemen inklusiv umgegangen wird.


Christoph Stoik beschäftigt sich im Rahmen seiner Lehr- und Forschungstätigkeit an der Hochschule Campus Wien u.a. mit Sozialer Arbeit in öffentlichen Räumen, sozialem Wohnbau und Stadtentwicklung. Er ist Mitglied der KPÖ.


Titelbild: Fotomontage (KI-generiert) unter Verwendung des Fotos von Hubertl/Wikimedia Commons/ CC BY-SA 4.0

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