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Indien hui, China pfui – oder ist es doch nicht so einfach?

Wie selektive Kritik und geopolitische Interessen den westlichen Blick auf Neu-Delhi und Peking verzerren.

Von Bernhard Müller, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

„Der russische Präsident Wladimir Putin ist zu einem zweitägigen Staatsbesuch in Indien eingetroffen. Gestern Abend (Ortszeit) wurde er auf dem Flughafen in Delhi von Premierminister Narendra Modi mit einer freundschaftlichen Umarmung begrüßt, wie indische Sender berichteten“, vermeldete orf.at am 4. Dezember 2025. Große, stark wahrnehmbare Kritik aus der internationalen Staatengemeinschaft war dazu nicht vernehmbar. „Die non-Alignment-Politik der Inder ist eine dezidiert interessengeleitete Außenpolitik, die allein die indischen Belange im Blick hat“ hielt die Konrad-Adenauer-Stiftung fest. Aber wie kommt es, dass das bevölkerungsreichste Land der Welt (Indien) in vielen Belangen hinsichtlich seiner Realpolitik durch die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten viel seltener und weniger kritisiert wird als das zweitbevölkerungsreichste Land (China)?

Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 wurde die Volksrepublik teilweise scharf für ihre Haltung gegenüber dem Kriegsaggressor kritisiert, nicht zuletzt, da Chinas Außenminister Wang Yi die Beziehungen zu Russland auch ein Jahr nach dem Überfall als „felsenfest“ bezeichnet hatte. Wenn wir den Blick auf die Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats vom Februar 2022 richten, bei der eine Resolution, die den russischen Angriffskrieg verurteilen sollte, gescheitert war, zeigt sich folgendes Bild: China enthielt sich der Stimme, während Russland logischerweise ein Veto einlegte. Dieses chinesische Abstimmungsverhalten wurde von vielen Politiker:innen und deutschsprachigen Medien kritisiert, von ntv zumindest als „leise Kritik an Moskaus Vorgehen“ eingeordnet. Im Sicherheitsrat, einem 15-köpfigen Gremium, enthielten sich vier Länder bei der eingebrachten Resolution: Brasilien, China, Gabun und – Indien. Interessierte Beobachter konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die vorgebrachte Kritik an der Nicht-Zustimmung nahezu ausschließlich gegen die Volksrepublik richtete, aber kaum auf Indien und Brasilien bezog, während Gabun völlig unter der Wahrnehmungsgrenze zu liegen schien.

„Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Integrität eines jeden Landes sollten geschützt und respektiert werden. Denn das ist eine der Grundnormen der internationalen Beziehungen.“ Die Ukraine mache hier keine Ausnahme, betonte Chinas Außenminister Wang Yi per Videobotschaft warnend auf der Münchner Sicherheitskonferenz vom 18. bis 22 Februar 2022 – also vor Kriegsbeginn. Die in Peking ansässige Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) stoppte ihre Zusammenarbeit mit Russland und Belarus zu Kriegsbeginn und sie ist seitdem völlig eingefroren. Das chinesische Zahlungssystem UnionPay hatte Ende April 2022 bekanntgegeben, dass es die Anfragen der russischen Sberbank und Alfa Bank zur gemeinsamen Ausgabe von Kreditkarten vorläufig abgelehnt habe. Nach Visa und Mastercard verließ somit ein weiteres internationales Zahlungssystem Russland. Das staatliche chinesische Unternehmen Sinopec zog sich aus einem 500-Millionen-Dollar-Investitionsprojekt zurück (Joint-Venture mit Sibur, einem petrochemischen Unternehmen, das dem russischen Oligarchen Gennady Timchenko zuzuordnen ist). Ende 2024 berichtete die Frankfurter Rundschau, dass Russland neues wirtschaftliches Ungemach drohe, da „der im chinesischen Staatsbesitz befindliche Versicherer Sinosure damit begonnen [hat], die Kooperation mit russischen Unternehmern zu verweigern.“ Die russische Zeitung Wedomosti bestätigte, Sinosure habe verschiedene heimische Unternehmen auf eine schwarze Liste gesetzt, was eine Zusammenarbeit verunmögliche. Es sind dies nur einige exemplarische, aber wichtige Fälle, wie China sich entweder dem (westlichen) Sanktionsdruck beugte oder indirekt Sanktionen gegen das kriegsauslösende Russland unterstützte, ohne dies zu artikulieren oder auf eine formelle Ebene zu heben, während sich Indien „an keinerlei Sanktionen gegenüber Russland beteiligt“ hat (Konrad-Adenauer-Stiftung).

Anlässlich des eingangs erwähnten Besuchs von Russlands Präsident bei Indiens Premierminister bezeichnete tagesschau.de den Gastgeber als „unkritischen Partner für Putin“. „Indien und Russland verbindet nicht nur eine lange und wertvolle strategische Partnerschaft, sondern Russland ist auch ein sehr wichtiger Partner, ein wichtiger Akteur“, sagt dazu Manjeev Singh Puri, ehemaliger indischer Diplomat bei der EU und UNO. Da darf es auch eine „freundschaftliche Umarmung“ für jemanden geben, gegen den seit März 2023 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt. Aber wie bei Trumps USA geht es auch bei Modis Indien um Öl, Gas, Rüstungstechnik – kurz um Deals. Österreich war das erste Land, das den russischen Präsidenten nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 zu einem Staatsbesuch eingeladen und im Sinne der wirtschaftlichen Interessen hofiert hat. Indiens Premierminister Modi gab bereits am 24. Februar 2022 – somit am Tag des Überfalls auf die Ukraine – als erster Staatsmann bekannt, keine Sanktionen gegen Russland zu erlassen. In den Tagen vor Putins Besuch in Indien im Dezember 2025 „sollen [sich] hochrangige Vertreter der EU […] vertraulich an Modi gewandt haben, mit der Bitte, er solle Putin doch zum Frieden drängen“ (tagesschau.de). Vertraulich, um jede öffentliche Kritik zu vermeiden. Beim Besuch des österreichischen Bundeskanzlers Christian Stocker bei seinem indischen Amtskollegen im April des heurigen Jahres forderte Modi „nachhaltigen Frieden, sowohl in der Ukraine als auch in Westasien“ (Der Standard). Was er dafür zu tun gedenke, blieb zumindest der Öffentlichkeit unbekannt, während China bereits ein Jahr nach Kriegsbeginn einen „12 Punkte-Plan für den Frieden“ vorgelegt hat, in dem u. a. Respekt für die Souveränität aller Staaten verlangt und gefordert wurde, das allgemein anerkannte internationale Recht sowie die Charta der Vereinten Nationen strikt einzuhalten. „Für Indien sind die Beziehungen zu Russland wichtiger als das Schicksal der Ukrainer. Indien bezieht sowohl Rüstungsimporte aus Russland als auch günstiges Öl. Auf beides will man nicht verzichten müssen“, resümierte die Konrad-Adenauer-Stiftung Ende 2025 nüchtern.

Ein großes Problem für die Rolle und somit auch Stärke Europas bzw. der EU stellt die mangelnde Glaubwürdigkeit und das oftmalige Messen mit zweierlei Maß dar.

Wer die Todesstrafe in China verurteilt, muss dies auch nicht nur im Iran, sondern ebenso in den USA, in Indien und Israel tun. Wer das chinesische Taktieren gegenüber dem kriegführenden Russland aus Gründen der bestehenden Handelsbeziehungen kritisiert, kann nicht gutheißen, dass Indien seine Ölimporte von eben dort im März 2026 trotz (teils neu angedrohter, teils gelockerter) US-Sanktionen (nicht seitens der EU wohlgemerkt) massiv gesteigert hat. Laut einem Bericht des Centres for Research on Energy and Clean Air (CREA) lagen die Importe aus Russland im März 2026 um 72 % über dem Wert des Vorjahreszeitraums (VIETNAM.VN). Wer die völkerrechtswidrige Aggression Russlands gegenüber der Ukraine verurteilt, kann nicht im Falle des Überfalls der USA auf Venezuela (inklusive Entführung von Präsident Nicolás Maduro) und erst recht nicht beim Angriffskrieg der Allianz USA-Israel auf den Iran wegschauen und das Völkerrecht für obsolet oder relativierbar erklären. Wer sich in China für den Schutz der Uiguren einsetzt, muss auch in Indien die Stimme erheben und protestieren, dass die „Regierung diskriminierende Gesetze gegen religiöse Minderheiten – vor allem Muslime – beschlossen“ hat (Bundeszentrale für politische Bildung). Wenn man einen Demokratisierungsprozess in China fordert und z. B. dessen Abgehen von der Amtszeitbegrenzung durch Beschluss des Nationalen Volkskongresses 2018, das wieder „Wahlen“ auf Lebenszeit ermöglicht, ablehnt, sollte man auch mit Sorge beobachten, dass Indiens Regierung von „Narendra Modi […] in den zwei Amtszeiten seit 2014 gezielte Schritte unternommen [hat], um Indien in eine illiberale Demokratie und Hindu-Nation zu verwandeln“ (Bundeszentrale für politische Bildung) und dass laut Demokratiebericht 2025 des „Varieties of Democracy“-Instituts (V-Dem) der schwedischen Universität Göteborg die USA unter Präsident Donald Trump keine „liberale Demokratie“ mehr sind.

Es geht weder um eine Verherrlichung des „Reichs (in) der Mitte“ noch um eine Dämonisierung von Bhārat (amtliche Bezeichnung der Republik Indien), sondern um ausgewogene Betrachtungen sowie das Hintanhalten von Doppelmoral.

Die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt haben große Probleme, die nicht isoliert zu betrachten und von globaler Bedeutung sind.

Natürlich ist es richtig, dass Indien die größte Demokratie der Welt und China ein autokratischer Staat ist. Aber es reicht nicht aus, bei wichtigen Parametern wie Analphabetismus (Indien rd. 23 %, China ca. 3 %), Welthunger (China im Welthunger-Index Top-25, Indien auf Platz 102 – Situation „ernst“), Lebenserwartung (Indien ca. 72 Jahre, China rd. 79 Jahre), Bruttonationaleinkommen/Einwohner (Indien 2.650 USD, China 13.660 USD) oder dem Human Development Index (China: 0,797 – Classification „high“, Rank 78; Indien: 0,685 – Classification „medium“, Rank 130; zum Vergleich Österreich: 0,930 – Classification „very high“, Rank 22) ausschließlich auf die Regierungsform zu blicken. Die Aufforderung, mehr Demokratie zu wagen, die Willy Brandt erhoben hat, sollte sich an alle gleichermaßen richten und nicht an den eigenen ökonomischen oder bilateralen bzw. geopolitischen Interessen orientieren, auch wenn es sich bei China um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt handelt, die schon allein deshalb gerne als systemischer Rivale betrachtet wird.


Bernhard Müller, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft internationale Publizistik und Mitglied des Redaktionskollektivs von INTERNATIONAL, ist Politikwissenschaftler, der sich seit 20 Jahren intensiv mit der Volksrepublik China auseinandersetzt. Er ist Autor des Buches China. Hinter dem Reis (Seifert-Verlag 2015) und Herausgeber von 50 Jahre österreichisch-chinesische Beziehungen (Urban Future Edition 2021)


Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

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