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Wolf dPrix im Gespräch über China, das Alter und die Utopie

Die Volksrepublik China entwickelt sich rasant, die Städte wachsen dynamisch – und österreichische Architekturbüros sind beteiligt. Seit 2007 ganz vorne dabei: Coop Himmelb(l)au. Das MOCAPE in Shenzhen (18 Mio. Einwohner), das International Conference Center in Dalian (8 Mio. Einwohner) und das Hotel Nefertiti Tower in Changsha (11 Mio. EW) sind realisierte Signature-Buildings des weltweit tätigen, vielfach preisgekrönten Architekturbüros aus Wien mit über 100 Mitarbeiter:innen – weitere Projekte könnten folgen.

Wolf dPrix im Gespräch mit Dolf Andel (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

INTERNATIONAL: Coop Himmelb(l)au realisiert seit vielen Jahren weltweit aufsehenerregende Projekte. Mit welchen Anforderungen seid ihr dabei konfrontiert?

Wolf dPrix im Atelier / Foto: Dolf Andel

dPrix: Was man als Architekt lernen muss, wenn man in fremden Ländern baut, ist, dass es eine Zeit lang braucht, um die Kultur des Landes zu verstehen. Man kann lesen, Bilder anschauen, sich in die Geschichte versenken, aber dann sitzen einem Menschen gegenüber, die genauso denken wie man selbst, nur auf andere Weise. Wir arbeiten derzeit in China, haben in Russland gearbeitet, wir haben in Saudi-Arabien zu tun gehabt. In China habe ich lange gebraucht, bis ich kapiert habe, wie weit man im Widerspruch gehen kann, ohne dass das Gegenüber sein Gesicht verliert. Es braucht überall ein Gegenüber, das die Politik des Landes kennt und versteht. Dieses Gegenüber muss auch über die Kompetenz verfügen und die Verantwortung übernehmen, das gewünschte Projekt im relevanten Umfeld zu erklären und durchzusetzen.

INTERNATIONAL: Also das Zusammenspiel von Macht- und Fachpromoter – in China genauso wie in anderen Kulturen der Welt?

dPrix: Nehmen wir als Beispiel das Kongresszentrum in Dalian. Der Vizebürgermeister von Dalian war in München und musste, wie jeder Politiker, die BMW-Welt besuchen. Und dann erhielten wir einen Anruf, und der Herr Vizebürgermeister lässt ausrichten, er wolle so ein Gebäude in Dalian haben. Es stellt sich heraus, dass er keine zweite BMW-Welt wollte, sondern ein Kulturzentrum. In der Durcharbeitung der Aufgabe haben wir gelernt, dass die Chinesen nie direkt Nein sagen, aber ein Ja immer auch ein Nein bedeuten kann. Der Lernprozess und die Einstellung dazu, damit umzugehen, hat eine Zeit lang gedauert. Beim MOCAPE, einem unserer besten und komplexesten Bauwerke, war es der Stadtplaner in Shenzhen, der politische Macht besaß und nebenbei ausgesprochen gebildet war. Er hat, glaube ich, 48 Museen besichtigt, bevor er den Wettbewerb ausgeschrieben hat. Und ist dann auch voll hinter diesem Projekt gestanden.

INTERNATIONAL: Gerade so große Bauten betreffen massiv das öffentliche Interesse. Hast du den Eindruck, dass in China dieses öffentliche Interesse anders formuliert und vertreten wird?

dPrix: Unsere Auftraggeber haben die politische Klärung vor der Projektentscheidung vorgenommen.

INTERNATIONAL: Bei uns formiert sich politisch wirksamer Widerstand gegen Großprojekte oft erst dann, wenn konkrete Pläne publik werden. Dieser Widerstand gegen Veränderung ist bei euren Projekten in China schon im Vorfeld diskutiert und ausgeräumt worden?

dPrix: Ja, das ist so. Es gibt Bauherrenkomitees, die wir gewissermaßen durchwandern müssen. Wenn du den ersten Preis gewinnst, bist du der Favorit dieser Komitees. Das ist ein Vorteil dieser Strukturen, die nicht an der Oberfläche autoritär organisiert sind. Es gibt aber immer wieder Bauherren, die Einsprüche erheben und Widerstand leisten. In solchen Fällen musst du daran arbeiten, überzeugend argumentieren und Rücksicht auf gewisse Dinge nehmen, die du als österreichischer Architekt vielleicht nicht wissen konntest. Zum Beispiel, dass eine Ecke eines Museums nicht mit der Fēng Shuǐ-Philosophie übereinstimmt und den Drachen verletzen könnte, der durch das benachbarte Rathaus fliegt. Daher muss die Ecke abgerundet werden.

Museum of Contemporary Art and Planning Exhibition (MOCAPE), Shenzhen; eröffnet 2016, 80.000 m²; © Duccio Malagamba

INTERNATIONAL: China wird in westlichen Medien als Diktatur bezeichnet. Deine Erfahrungen erwecken bei mir den Eindruck, dass diese Prozesse der Projektentwicklungen nicht sonderlich diktatorisch ablaufen?

dPrix: Nein, die sind nach außen hin demokratisch. Aber das Powerplay im Hintergrund zum Inhalt des akquirierten Projektes, das können wir nicht mitverfolgen. Also, Xi Jinping weiß, glaube ich, von dem Museum MOCAPE relativ wenig. In Russland hingegen entscheidet der Herr Präsident persönlich, wo Sporthallen oder Kulturzentren gebaut werden.

INTERNATIONAL: Wie geht es euch im Wettbewerb mit den anderen globalen Playern unter den Architekturbüros?

dPrix: Wenn Architekten aus Frankreich, England, Holland oder Spanien auftreten, haben sie Wirtschaftsdelegationen dabei. Mitentscheidend ist durchaus, wer mehr Handelsbeziehungen anbietet. Wir sind zwar gelegentlich in Kontakt mit der WKO in China, aber Unterstützung im großen Stil haben wir von staatlicher Seite nie erhalten. Das sind meine Erfahrungen aus China.

INTERNATIONAL: Auf deiner Homepage steht das Zitat aus 1968: „Am Anfang war die Stadt. Die Gegenstadt. Oder besser, die erträumte Stadt.“ Wie hältst du es jetzt nach 60 Jahren Realitätscheck mit der Utopie?

dPrix: Ich sage: Wir haben verloren. Die von uns erträumte Gesellschaft ist nicht gekommen und hat sich nicht als Gegengesellschaft durchgesetzt. Das heißt, dass wir all die Ideen, die unserer Meinung nach zu einer besseren Gesellschaft geführt hätten, begraben mussten. Wenn ich mir jetzt die politische Lage, nicht nur in Österreich, sondern international anschaue, dann vermisse ich Staatsmänner, die uns die Hoffnung lassen, dass die Welt sich doch verändern kann.

Dalian International Conference Center, eröffnet 2012, 117 650 m²; © Duccio Malagamba

INTERNATIONAL: Als junger Architekt hast du Visionen formuliert: „Die Städte zum Fliegen zu bringen“, „Architektur als Aufhebung der Schwerkraft“ – ich muss da an Sisyphus denken.

dPrix: Nein, an Ikarus! Der autoritäre Vater hat die Federn mit Wachs zusammengeklebt und gesagt, du darfst nicht höher fliegen. Ich würde heute Silikon nehmen, aber die Leute fragen immer noch nur nach dem Vater, nach Autoritäten.

INTERNATIONAL: Albert Camus hat zu Sisyphus bemerkt, man müsse sich ihn als glücklichen Menschen vorstellen – durch die bewusste Annahme einer Aufgabe trotz der Absurdität der Bemühung.

dPrix: Ich bin jetzt 83 Jahre alt. Und nicht umsonst krame ich jetzt wieder den Ringel hervor, den Fromm, das Prinzip des Ungehorsams. Mit 18, 28, 38, 48, und von mir aus auch noch mit 58 habe ich den Stein leichter hinaufgetragen als heute mit 83. Oder anders gesagt: Hätte ich damals – Stichwort „Städte müssen fliegen“ – gewusst, was ich heute weiß, dann hätten wir all diese Projekte, für die wir so bekannt, „berühmt“ sind, nicht gemacht.

INTERNATIONAL: Utopie, Unerfahrenheit, Unbotmäßigkeit und vielleicht auch ein wenig Naivität sind also Produktionsfaktoren?

dPrix: Ja, ganz sicher. Unverfrorenheit – und keine Angst!


Wolf dPrix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au, gehört seit Jahrzehnten zur Liga der weltweit anerkannten Architekten. Projekte von Hainburg bis Lyon, München, Los Angeles, St. Petersburg, Dalian oder Shenzhen und eine Vielzahl von Auszeichnungen belegen die Gültigkeit seiner Planungsphilosophie.


Dolf Andel ist Stadtplaner, Projektentwickler, Gesellschafter von Projekthaus und Mitglied des Redaktionskollektivs von INTERNATIONAL.


Titelbild: NEFERTITI TOWER, 5* Hotel, Changsha; eröffnet 2021, 60.000 m²; © Xia Zhi

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