China – Afrika: Süd-Süd-Solidarität
Kooperation für Entwicklung und Frieden
Von Wilhelm Reichmann, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
Der Führer der größten Militärmacht der Welt bezeichnet afrikanische Länder schon einmal als „Scheißlöcher“; afrikanische Staatsbesucher werden dem Fernsehpublikum „vorgeführt“, wie der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa, dem er mit einem manipulierten Video eine genozidartige Verfolgung von weißen Farmern andichten wollte (angestiftet von Elon Musk und seinen südafrikanischen weißen Extremisten-Buddies). Militärische Interventionen erfolgen im Stil von Raubrittern, die sich auch zu Friedensstiftern wandeln können, wenn am Ende für Trump und Billionärs-Kumpane etwas herausspringt (Nigeria, Kongo, Ruanda). Der einzige Maßstab ist: Es muss eine Perspektive der Bereicherung gegeben sein, dann vielleicht noch ein Friedenspreis als Belohnung, zumindest ein „selbstgeschnitzter“ von FIFA-Präsident Gianni Infantino oder ein einschmeichelnder von Venezuelas Oppositionsführerin María Corina Machado.
Eine andere Welt tut sich auf, wenn sich die Spitzen von 54 afrikanischen Ländern mit ihren chinesischen Partnern anlässlich der seit 2013 alle paar Jahre stattfindenden FOCAC-Tagungen (Forum on China-Africa Cooperation) treffen, zuletzt vom 1. bis 5. September 2024 in Peking. Es kann als Arbeitstreffen auf höchster Ebene gesehen werden, auf dem das Programm für wirtschaftliche Kooperationen nach Ländern und Projekten für die folgenden Jahre vereinbart wird, Zusagen für Finanzierung und technische Unterstützung durch die chinesischen Institutionen inbegriffen. Von 2013 bis 2024 wurden durch diese Programme je 10.000 km Eisenbahnlinien und Schnellstraßen, 1.000 Brücken, 100 Hafen- und 80 Energieprojekte realisiert. Beispiele sind die Nationale Schnellstraße Nummer 1 im Kongo, die Nairobi-Mombasa-Eisenbahn, die Erneuerung der Tanzam-Strecke, das Lower Kaifu Gorge-Wasserkraftwerk und der Leki Tiefwasser-Hafen in Nigeria – alles wichtige Infrastrukturprojekte, die auch von großer Bedeutung für die transkontinentalen Verbindungen und damit für die Schaffung der physischen Voraussetzungen eines transkontinentalen Marktes sind. Es geht grundsätzlich um Industrialisierung und Entwicklung: Industrieansiedlungszonen, landwirtschaftliche Verarbeitungsbetriebe, Verarbeitung von Rohstoffen vor Ort, Integration afrikanischer Firmen in die internationalen industriellen Lieferketten. Für die Jahre 2025 bis 2028 wurde ein Programm von 45 Milliarden Euro an neuen Investitionen anvisiert. In Zukunft würde der Schwerpunkt bei vielen kleineren Projekten und Investitionen in Grüner Energie liegen. Industrialisierung und Verbesserung der Lebensbedingungen brauchen Elektrizität.
Das Handelsvolumen zwischen China und Afrika hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten vervielfacht.
Afrika importiert mehr Güter und Dienstleistungen aus China, bedingt durch den Investitionsbedarf und die relative Schwäche der afrikanischen Industrie. Das wird in den Kooperationsgesprächen auch thematisiert und es werden von chinesischer Seite Schritte gesetzt, den Handel ausgeglichener zu gestalten, indem afrikanischen Firmen Hilfestellung am chinesischen Markt geleistet wird, z. B. durch Unterstützung beim Auftritt auf speziellen Importmessen. Über staatlich gelenkte Industriepolitik gibt es seit langem eine entwicklungstheoretische Debatte.
Die meisten afrikanischen Länder orientieren sich heute am erfolgreichen Weg Chinas.
Nach Prof. Lin Yifu, ehemaliger chinesischer Weltbank-Direktor, „ist Armut kein Schicksal und Ideen können den Weg heraus zeigen. Die Erfahrungen Chinas und anderer Länder und Regionen überzeugten mich, dass, nachdem der richtige Weg und die richtige Methode gefunden sind und in der Praxis daran festgehalten wird, ein Land auf einen Weg der schnellen Entwicklung und Transformation kommen […] und innerhalb von ein bis zwei Generationen Industrialisierung und Modernisierung schaffen und die Armut hinter sich lassen kann.“
Die chinesische Solidarität mit Afrika hat positive Resultate in der Wirtschaft vieler Länder hervorgebracht. Warum wird das von westlichen Ländern nicht begrüßt, sondern vielfach abgelehnt und verleumdet? China versuche nur Einfluss zu gewinnen, heißt es ganz allgemein. Da können nur finstere Absichten dahinter sein, schließlich wissen sie das ja aus eigener über Jahrhunderte geübter Praxis. Die Vorstellung von überzeugter Süd-Süd-Solidarität liegt den westlichen Eliten fern. Was quasi zur DNA der VR China seit ihrer Gründung gehört, ist verdächtig und wird spontan als Angriff auf die eigenen Interessen in der Welt abgelehnt. Verdrehungen und Verleumdungen, die keiner akademischen Untersuchung standhalten können, wurden zum festen Bestandteil antichinesischer Propaganda: China errichte in Afrika militärische Stützpunkte. Es gibt aber nur einen, in Djibouti, zur logistischen Unterstützung der UN-beauftragten Anti-Piraten-Mission im Indischen Ozean (übrigens gleich in der Nachbarschaft zu einem französischen Lager). Sonst gibt es nur chinesische UN-Blauhelme. China habe es nur auf die Rohstoffe Afrikas abgesehen, so ein weiterer Vorwurf. Aber ist der Handel damit grundsätzlich schlecht und hängt es nicht von den Bedingungen ab, ob freiwillig und zu fairen Preisen? Außerdem gibt es viele Beispiele und afrikanische Stimmen, die auf die Unterstützung für den Aufbau von Anlagen für die Weiterverarbeitung vor Ort hinweisen.
China treibe die Entwicklungsländer in eine Schuldenfalle, um sie danach gefügig zu machen und sich Land und Ressourcen unter den Nagel zu reißen. Immer wieder wird dafür die Port City of Colombo, Sri Lanka, als Beleg angeführt. Der Bau wurde von China mit über einer Milliarde Dollar finanziert, nachdem die ceylonesische Regierung ihre Auslandsschulden nicht mehr bedienen konnte. Überwiegend Schulden gegenüber westlichen kommerziellen und multilateralen Gläubigern, auf chinesische Stellen fielen etwa 10 % aller Außenstände. Da die ceylonesische Hafengesellschaft schlechte Resultate erwirtschaftete, hat die Regierung zur Reduktion der öffentlichen Verschuldung den Hafen langfristig an einen chinesischen Betreiber verpachtet – gegen Entrichtung eines Betrags, der die Errichtungskosten mehr als abdeckte. Das chinesische Unternehmen muss sich nunmehr um die profitable Führung des Hafens kümmern und entsprechende Transportumsätze bringen. Das erinnert an den griechischen Hafen von Piräus, der auf Drängen der EU-Troika privatisiert werden musste. Der chinesische staatliche Reeder COSCO hat den Zuschlag für eine langfristige Pacht von der griechischen Regierung bekommen, hat viel in Ausbau und Modernisierung investiert und Piräus unter die ersten drei europäischen Häfen gebracht. Für Griechenland keine schlechte Situation, nachdem die Chinesen selbst viele Umsätze für den Hafen herbeischaffen konnten.
Es lässt sich auch argumentieren, dass Direktinvestitionen, die Beteiligung der ausländischen Geldgeber am unternehmerischen Risiko, in vielen Fällen für die aufnehmenden Länder von Vorteil sind. China selbst wirbt auch um Investitionen westlicher Firmen. Ob Schuldenfalle oder nicht, hängt auch von der Haltung der Gläubiger im Falle von Schwierigkeiten bei der Rückzahlung ab. Der überwiegende Teil der Auslandsschulden der afrikanischen Länder besteht gegenüber westlichen kommerziellen Gläubigern (Banken, Anleihebesitzern) und multilateralen Organisationen. Chinesische Forderungen zeichnen sich durch vergleichsweise günstige Konditionen aus. China hat einseitig alle Forderungen gegen die Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer gestrichen und sich im Rahmen der G20 sehr konstruktiv für Schuldenerleichterungen eingesetzt. Schwierig ist die Abstimmung mit den westlichen kommerziellen Gläubigern, die auf Zugeständnisse der öffentlichen Gläubiger warten, um so mehr für sich herauszuholen.
Das Potenzial des reichen Westens, das für Afrikas Entwicklung mobilisiert werden könnte, ist um ein Vielfaches größer als das der VR China. Die Unterstützung der US-Regierung fällt auf Jahre aus. Die EU hat keinen Grund, sich Chinas Initiativen gegenüber reserviert zu verhalten. Europäische Länder leisten einzeln große Beiträge. Was liegt näher, als den chinesischen Einladungen zu folgen und aufeinander abgestimmte Infrastrukturprogramme auf den Weg zu bringen, „in einer entschiedenen Anstrengung im Sinne der gemeinsamen Zukunft der Menschheit“ (Xi Jinping).
Wilhelm Reichmann ist studierter Volkswirt. Erste berufliche Erfahrungen in der Arbeiterkammer Wien, danach langjährige Tätigkeit im Bankgeschäft als Betriebsorganisator und im Auslandsbereich einer Großbank. Von 1992 bis 2000 Aufbau und Leitung einer Bank in Prag, danach als Unternehmer tätig. Der Spezialist für Projektfinanzierungen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen der ökonomischen Entwicklung Chinas.
Titelbild: China-Africa Cooperation (FOCAC) Summit in Beijing, 2018 (Foto: GovernmentZA/flickr.com ; Lizenz: CC BY-ND 2.0)

