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„Weltressourcenpolitik für Politik und Propaganda“

Geht es Donald Trump im Konflikt mit dem Iran wirklich um Regimewechsel oder vielmehr um die Kontrolle globaler Schaltstellen? Der Politikwissenschaftler Roland Benedikter beschreibt eine US-Strategie, die nicht auf Besatzung, sondern auf die Beherrschung von Ressourcenwegen, technologischen Schnittstellen und geopolitischen Hebelpunkten zielt.

 Roland Benedikter im Gespräch mit Michael Wögerer (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

INTERNATIONAL: Herr Benedikter, worum geht es Donald Trump mit dem Iran-Krieg?

Benedikter: Um die Kontrolle von Verbindungsstellen. Die Strategie der Trump-Regierung ist anders als die vorheriger US-Regierungen. Sie zielt nicht mehr auf die Besetzung von Territorien. Das hat sich im Irak und in Afghanistan als zu teuer und letztlich kontraproduktiv erwiesen. Stattdessen will Trump die Kontrolle von Durchgangspunkten, Kreuzungen, Überschneidungsorten. Damit lassen sich viele Territorien und Bereiche zugleich kontrollieren, ohne in sie einzumarschieren. Dieser Ansatz zieht sich durch alle aktuellen US-Strategien. Die bisher weitgehend vom Iran kontrollierte Straße von Hormus, wo einige der wichtigsten Ölschifffahrtswege der Welt verlaufen, ist dafür eine Demonstration.

INTERNATIONAL: Inwiefern passt das in die aktuelle US-Weltstrategie?

Benedikter: Trump will Schnittstellen kontrollieren, um den USA langfristig die wirtschaftliche Vormacht zu sichern, und darauf aufbauend die politische festigen. Das erfolgt erstens mit der wechselhaften Nähe zu den Techno-Libertären um Peter Thiel und Elon Musk und der beispiellosen KI-, Chatbot- und Informations-Offensive gegen China und Europa. Zweitens durch den Zugriff auf die Blockchain-Technologie: also die dezentralen Speichermechanismen und Kryptowährungen, für die Trump Amerika zum neuen Welt-Zentrum machen will – innenpolitisch teilweise als Ersatz für die Macht der ungeliebten Wall Street. Drittens durch den massiven Ausbau der Weltraumökonomie. Dort erhofft man sich für die Post-2030-Jahrzehnte ganze Planeten an Inbesitznahme, was die Ressourcenfrage auf der Erde beeinflussen könnte. Für die Vormacht schaffen jetzt alle großen Weltmächte die Voraussetzungen, u. a. durch Erkundungsprogramme, Liberalisierungen und Steuersenkungen. Und viertens durch die klar neokoloniale Außenpolitik, wo militärische Macht demonstriert wird, um günstige wirtschaftliche Bedingungen von allen anderen, die beim Krieg zusehen, zu erhalten. Der Krieg gegen den Iran passt da gut ins Bild, auch wenn er wohl weniger Ergebnis großer Weltplanungen, als vielmehr Münze in Trumps innenpolitischer Positionierung sein dürfte.

INTERNATIONAL: Was bedeutet das im geopolitischen Gesamtzusammenhang?

Benedikter: Hauptziel der Trump-Regierung ist, die neo-nationalistischen MAGA-USA wieder dauerhaft als klare weltwirtschaftliche Vormacht zu etablieren. Dazu wird mit weit leichterer Hand als vorher das Militär als Druckmittel eingesetzt – und zwar vor allem an jenen Schnittstellen der Weltpolitik, wo die wichtigsten Ressourcenwege verlaufen. Das ist aus Trumps Sicht die Voraussetzung für die Sanierung des US-Schuldenbergs, der mittlerweile auf 39 Billionen US-Dollar – und damit ein Drittel der Welt-Gesamtschulden – angewachsen ist, was selbst für eine Wirtschaftssupermacht nicht durchzuhalten ist. Die USA zu sanieren, sieht Trump als seine historische Mission an; dafür sieht er sich als „den Auserwählten“ der Geschichte. Dabei ist der Iran, neben Venezuela und Panama, ein entscheidendes Glied bei der noch stärkeren Kontrolle der weltweiten Ölnetzwerke und -mechanismen – was dann als Seiteneffekt den schon lange vorhergesagten Verfall des US-Dollars hinauszögern würde. Man setzt sich sozusagen an den Schnittstellen der Realität der Gegenwart fest, um einen Hebel in die Zukunft zu haben.

INTERNATIONAL: Es geht also nicht direkt ums iranische Öl, sondern um die internationalen Ressourcen-Verschiffungswege?

Benedikter: In der Tendenz ja. Das Streben nach Rückkehr zur dominanten wirtschaftlichen Supermacht erfolgt gegen die wachsende Konkurrenz von China, die im südchinesischen Meer an der US-Herrschaft über die Schifffahrtswege nagt und mit der Taiwan-Frage an einer noch stärkeren Halbleiter-Dominanz bastelt. Die Rückkehr zur Kontrolle von Schlüsselstellen der Ressourcenflüsse soll für die MAGA-USA eine Art neue Reagan-Ära begründen, nur noch langfristiger wirksam und auch in einer dramatischeren Wirtschaftslage von Defizit und Schuldenberg mit noch „mutigeren“ Schritten vollzogen, darunter kompromisslose Kriege.

INTERNATIONAL: Wohin zielt das Ganze?

Benedikter: Aus seiner Sicht wäre Trump dann, wenn das gelingt, der größte Präsident des 21. Jahrhunderts gewesen, weil er im historischen Rückblick den Weg Amerikas bis 2050 gesichert hat. Mitte des Jahrhunderts steht dann voraussichtlich eine weitere vollständige Veränderung des Weltsystems bevor – mit dem Ende des Öls, der Expansion in den Weltraum und dem Aufstieg der transhumanen Lebenszeitverlängerungsindustrie zur wichtigsten und monetär wertvollsten Teilindustrie der Erde. Damit rechnen heute alle großen Mächte. Das lässt sich aus Trumps Sicht am besten aus einer Dominanzstellung an den Schnittstellen der Weltressourcenwirtschaft angehen. Die Epoche des Auslaufens des Ölzeitalters bis 2050 ist dafür nur die Durchgangsphase, nicht Selbstzweck. Schließlich wird das Öl bald der Vergangenheit angehören. Wer glaubt, die USA oder China würden so kurzfristig denken, nur am Öl interessiert zu sein, der irrt.

INTERNATIONAL: Ist der jetzt hohe Ölpreis wegen des Kriegs nicht trotzdem ein Problem für Trump – sowohl innen- wie außenpolitisch?

Benedikter: Doch, innenpolitisch durchaus. Aber Trumps Selbstdarstellung ist immer die eines Gewinners. Das passt gut zu seinem weltpolitischen Narzissmus, der politische Ökonomie durch ökonomische Geopolitik abgelöst hat. Trump gibt sich da schlau und „flexibel“. Ist der Ölpreis hoch, sagt Trump, die USA seien der eigentliche Gewinner. Denn sie würden damit eine Menge Geld verdienen, weil sie unter ihm seit 2023 zum größten Leichtöl- und Energieproduzent der Erde vor Saudi-Arabien, Russland und Kanada geworden sind. Ein hoher Ölpreis irritiert zwar die US-Verbraucher zeitweise, wird aber im Ganzen die US-Staatsschulden reduzieren und die US-Wirtschaft antreiben, was laut Trump allen zugutekommt.

INTERNATIONAL: Und wenn der Ölpreis nach dem Krieg im Gefolge der Freigabe großer, während des Kriegs gestauter Mengen sinkt?

Benedikter: Dann sagt Trump, das sei sein Verdienst und er habe den Iran-Krieg eben deshalb geführt, um den Ölpreis zu senken. Bereits in seinem Treffen mit dem deutschen Kanzler Merz zu Beginn des Kriegs meinte Trump, der Krieg werde zwar kurzfristig die Ölpreise steigen lassen. Langfristig würden sie aber sinken, weil der wichtigste Störfaktor am Öl-Schifffahrtsnadelöhr, der Straße von Hormus, beseitigt wurde: nämlich das iranische Mullah-Regime, und zwar dauerhaft. Es sei ihm, Trump, so wird er sagen, immer schon um die Senkung der Ölpreise gegangen, weil er dem US-Mittelstand und der US-Arbeiterschaft, also seinen wichtigsten Wählern, versprochen habe, ihr Leben billiger zu machen – und damit ein „goldenes Zeitalter“ auszulösen. Mit dem Hebel Ölpreis tue er das, denn wenn Öl billiger würde, würden auch die meisten anderen Produkte billiger und die Lebenskosten für seine Wähler also sinken.

INTERNATIONAL: Wie ist das zu bewerten?

Benedikter: Je nach Entwicklung und Ausgang des Kriegs wird Trump eine der beiden Darstellungen in den Mittelpunkt rücken. Das nennt man Gebrauch von Weltwirtschafts- und Weltressourcenpolitik für Politik und Propaganda im eigenen Interesse.


Roland Benedikter ist Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, UNESCO Chair in Interdisciplinary Anticipation and Global-Local Transformation, Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, der UNESCO-Lehrstuhlvereinigung Italiens (ReCUI), der UNESCO Media and Information Literacy Alliance (MIL) sowie Kuratoriumsmitglied des Forums Nachhaltig Wirtschaften München und der Toynbee Prize Foundation für globale Geschichte Boston.


Titelbild: Nicht Besetzung, sondern Beherrschung der Knotenpunkte: Donald Trumps Strategie im Umgang mit dem Iran. (Grafik: Unsere Zeitung / KI-generiert)

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