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Die Zeitschrift INTERNATIONAL: Weltpolitischer Spiegel in turbulenten Zeiten (1979-2025)

Über 45 Jahre kritische Weltpolitik: Die Zeitschrift INTERNATIONAL wagte, was andere Medien mieden – vom Plädoyer für palästinensische Rechte über die Verteidigung österreichischer Neutralität bis zur Mahnung, in Kriegszeiten über Frieden zu sprechen.

Von Heinz Gärtner, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)

Der Gründer und Chefredakteur von INTERNATIONAL, Fritz Edlinger, lieferte mit der Zeitschrift umfassende und gewissenhafte Information und Analysen über weltpolitische Entwicklungen.

INTERNATIONAL erschien pünktlich wie das Schlagen einer Uhr mit stets aktuellen Beiträgen.

Die Zeitschrift zeichnete große Linien ebenso vor, wie es aktuelle Ereignisse einfing. INTERNATIONAL brachte auch immer Beiträge, die in den dominanten Medien nicht oder kaum Berücksichtigung fanden. Weil INTERNATIONAL oft von diesen Trends abwich, warfen Kritiker ihr oft „Einseitigkeit“ vor, nicht bedenkend, dass sie dies gerade von einer Position der Einseitigkeit taten.

Das Gründungsjahr

Die erste Ausgabe der Zeitschrift INTERNATIONAL im Jahr 1979

Die Gründung der Zeitschrift INTERNATIONAL fiel in das global turbulente Jahr von 1979: Die iranische Revolution und die Beendigung der Monarchie im Iran. Schah Mohammad Reza Pahlavi war ein unbequemer Verbündeter der USA, aber ein Bollwerk gegen die Machtbestrebungen der Sowjetunion. Diese versuchte den islamischen Einfluss mit der Intervention in Afghanistan einzudämmen. Ein anderes autoritäres und US-freundliches Regime wurde in Nicaragua durch eine Revolution gestürzt. Vietnamesische Truppen beendeten das Regime der Roten Khmer in Kambodscha. Tansania beendete die Diktatur von Idi Amin in Uganda. Margaret Thatcher leitete in Großbritannien eine globale neoliberale Wende ein. In den USA folgte ihr Ronald Reagan 1980 auf dem Fuße. Die zweite Ölkrise begann.

 

Europa in Bewegung

 Die achtziger Jahre wurden vom Thema Europa beherrscht. Es gab durchaus ein pluralistisches Meinungsbild. Schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden europäische Vorstellungen und insbesondere europäische Sicherheit intensiv diskutiert. Danach wurden Analysen jedes einzelnen vormals kommunistischen Landes vorgelegt. „Europa in Bewegung“ hieß der Titel eines Hefts von 1990. Einzelberichte gab es dann häufig aus den Ländern Asiens und Afrikas. Besondere Berücksichtigung fand die wirtschaftliche Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping seit 1979. 1994 übertitelte INTERNATIONAL eine Ausgabe mit dem „Weg in das pazifische Jahrhundert“, wobei nicht nur China, sondern auch die kleineren asiatischen Staaten gemeint waren. 2012 machte sich mehr Pessimismus breit, als man den US-China-Konflikt immer stärker am Horizont aufkommen sah.

Der Mittlere Osten

Zentrales Anliegen von Fritz Edlinger waren die Rechte der Palästinenser. Er selbst bereiste den Mittleren Osten häufig. Bezugnehmend auf die Besetzungen nach dem israelisch-arabischen Krieg 1948, fasste INTERNATIONAL diese Position 2008 mit der Überschrift „60 Jahre Unterdrückung“ zusammen. Vor- und Nachteile von Ein- und Zweistaatenlösungen wurden diskutiert. Fritz Edlinger wollte aber vor allem die Europäische Union beim Wort nehmen, weil sie keinerlei Bemühungen unternahm, ihre schönen Pläne einer Zweistaatenlösung auch gegen rechtsgerichtete israelische Regierungen durchzusetzen.

Die US-Intervention der USA mit Präsident George W. Bush im Irak 2003 ohne UN-Autorisierung wurde heftig verurteilt, was INTERNATIONAL den Vorwurf des „Antiamerikanismus“ eintrug. Es war aber gerade der US-amerikanische Präsident Barack Obama, der mit dem Versprechen, diesen Krieg zu beenden, 2008 die Wahlen gewann.

Danach war INTERNATIONAL durchaus hoffnungsvoll, wenn es eine Nummer von 2008 überschrieb: „Neuer Präsident, neue Welt!“ Optimistisch waren auch einige Artikel, die in den Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm, das zum Abkommen von 2015 (JCPOA) führte, eine Verbesserung der iranisch-amerikanischen Beziehungen kommen sahen. Diesen Hoffnungen setzte Präsident Donald Trump 2018 ein Ende, als er das Übereinkommen einseitig aufkündigte. Hier hatte wohl der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu mit Hilfe seiner Lobbygruppe, den Neokonservativen in den USA, einen Erfolg zu verbuchen.

Viele Hefte widmeten sich seit 2011 mit ausführlichen Länderanalysen dem Arabischen Frühling. Die Intervention in Libyen 2011 von Präsident Obama wurde vor allem wegen der Überschreitung des Mandats der UN-Sicherheitsratsresolution 1973, die keinen gewaltsamen Sturz von Muammar Gaddafi vorsah, verurteilt.

Sowohl die terroristischen Angriffe der Hamas am 7. Oktober 2023 mit 1.200 getöteten israelischen Bürgerinnen und Bürgern als auch die darauffolgenden Bombardierungen des Gazastreifens durch Israel mit zigtausenden getöteten Palästinenser:innen kamen wie ein Schock für alle Friedensbemühungen im Mittleren Osten, für die sich die Zeitschrift INTERNATIONAL seit ihrer Gründung einsetzte.

Neutralität und Sicherheit

Neutralität als immer wiederkehrendes Thema – INTERNATIONAL Heft 1/2023

Seit dem Fukuyama-Moment zu Beginn der neunziger Jahre, der eine einheitliche Welt der Marktwirtschaft ohne große globale Konflikte voraussah, gab es in Österreich Angriffe auf den Status der Neutralität. Das „Ende der Geschichte“ bedeute das „Ende der Neutralität“. Es gab kein Ende der Geschichte, aber die Neutralität wurde von diskreten Atlantikern, die eine NATO-Mitgliedschaft wünschen, aber es nicht zu sagen wagen, weiterhin in Frage gestellt. INTERNATIONAL griff diese Debatte auf und publizierte seit Mitte der neunziger Jahre eine Reihe von Artikeln, die auch die Vorteile der Neutralität betonten. Vor allem behält sich der neutrale Staat das Recht vor, „nein“ sagen zu können, wenn es zweifelhafte Verpflichtungen zu Kriegsbeteiligungen von Bündnissen gibt. Nuklearwaffenfreiheit und Bündnisfreiheit verbinden Österreich im Unterschied zu den NATO-Mitgliedern in der EU mit den meisten Ländern des globalen Südens. Es kamen übrigens auch Kritiker:innen zu Wort.

2013 gab sich Österreich eine neue Sicherheitsstrategie. Schon 2010 hatte INTERNATIONAL eine Diskussion darüber begonnen; mit einer Veranstaltung und einem Interview mit dem damaligen Verteidigungsminister Norbert Darabos. Letztlich wurde die Neutralität in dieser Sicherheitsdoktrin auch relativ prominent betont.

Linke Perspektive für Europa?

 INTERNATIONAL nahm die Jahrestage immer wieder zum Anlass, Bilanz zu ziehen und Perspektiven auszuleuchten. So stellte das Gründungsmitglied der Zeitschrift Albrecht K. Konecny zum 30-jährigen Bestehen 2009 in einem Leitartikel die Frage, ob die europäische Linke nach einigen Wahlniederlagen der europäischen Sozialdemokraten in Frankreich, Skandinavien, Großbritannien, Ungarn und Bulgarien noch eine Zukunft hätte. Griechenland, Malta und die iberische Halbinsel waren Ausnahmen. Konecny schlug eine soziale Erneuerung ohne Radikalismus vor. Seit damals hat sich die europäische Sozialdemokratie nicht erholt.

Nukleare Abrüstung

INTERNATIONAL kritisierte globale Aufrüstungsprozesse und veröffentlichte in regelmäßigen Abständen Beiträge zur nuklearen Abrüstung und Rüstungskontrolle. Die Nichterfüllung von Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags, der glaubhafte Abrüstungsmaßnahmen verlangt, wird immer wieder eingemahnt. Der Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen von 2022 wurde begrüßt. Zum fünfundsiebzigsten Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 stellte ein Beitrag, die US-amerikanische Rechtfertigung, diese seien zur Beendigung des Kriegs in Asien unerlässlich gewesen, infrage. Der eigentliche Grund war wohl, eine Teilbesetzung Japans durch die Sowjetunion zu verhindern. Der Kalte Krieg und damit das nukleare Wettrüsten hatten begonnen.

Krieg kennt keine Sieger – Frieden als Chance

Immer gegen den Krieg – INTERNATIONAL Heft 2/2022

Nach den Unruhen am Maidan 2014 in der Ukraine publizierte INTERNATIONAL bereits einen Kommentar, der eine permanente Neutralität der Ukraine nach österreichischem Vorbild vorschlug, um einen Krieg und eine dauerhafte Teilung der Ukraine zu verhindern. INTERNATIONAL nahm die russische Intervention 2022 zum Anlass, Kriege als Lösungen prinzipiell in Frage zu stellen. Das Heft „Wahnsinn kennt keine Sieger“ analysierte Kriegsnarrative und die dahinterstehenden Interessen. Es stellte die allgemeine Aufrüstungseuphorie infrage und forderte eine Friedensarchitektur. Friede war in der vorherrschenden Berichterstattung damals bereits aber zu einem Unwort geworden. In Kriegszeiten wurde es immer schwieriger, über diesen zu reden. Vier Jahre später sprachen alle Beteiligten nach einigen hunderttausend Getöteten von Frieden. Ein Jahr nach der russischen Invasion stellte die Zeitschrift vierzehn Experten ebenso viele Fragen, ob der Frieden eine Chance hätte. Schon die Tatsache, dass INTERNATIONAL ein relatives Meinungsspektrum präsentieren konnte, demonstrierte, dass eine gewisse Dialogbereitschaft Einzug gehalten hat. Europas Handlungsunfähigkeit wurde aber allseits beklagt.

Die große Geopolitik

Die großen geopolitischen Fragen wurden anlässlich des Ablebens der bedeutenden US-amerikanischen Politiker und Analytiker, Zbigniew Brzeziński und Henry Kissinger, in den Heften von 2017 und 2024 diskutiert. Brzeziński kann wohl als Vater einer neuen Geopolitik bezeichnet werden, die nach den beiden Weltkriegen etwas in Verruf geraten war. Brzeziński entwarf eine Welt mit Einflusssphären. In einem seiner bekanntesten Bücher „The Grand Chessboard“ (1997) skizzierte er eine neue Weltordnung nach Ende des Kalten Kriegs. Er sah in Europa einen selbstbewusst gewordenen, aber immer noch natürlichen Verbündeten der USA. Gemeinsam sollen sie verhindern, dass auf dem eurasischen Kontinent neue Feinde entstehen. Brzeziński befürchtete globales Chaos, wenn die USA die Rolle als weltweite Führungsmacht verlieren würden.

Zum Ableben von Henry Kissinger würdigte ihn INTERNATIONAL als „weitsichtigen strategischen Denker mit dunklen kurzsichtigen Flecken.“ Er war ein Spiegel US-amerikanischer Widersprüchlichkeiten: Ein großartiger strategischer Denker verbunden mit besessenem politischem Egozentrismus. Kissinger stellte moralische Ansprüche, während er humanitäre Überlegungen verwarf und Menschenrechte ignorierte. Er wusste geopolitische Macht einzusetzen, fürchtete aber Ideen, die, wie er glaubte, gefährlich wären und die nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Kissingers Versuche, Stabilitäten für die USA zu schaffen, schlossen die Unterstützung von Staatsstreichen – ungeachtet davon, ob es sich dabei um Demokratien handelte – und die Akzeptanz von massenhaften zivilen Opfern ein. Kissinger hat schon in den siebziger Jahren vorausgesehen, dass die USA nicht mehr die alleinige Weltmacht sein können. Er hat nach dem Vorbild des Wiener Kongresses eine Pentagonale der Weltmächte, bestehend aus den USA, Europas, der Sowjetunion, Chinas und Japans vorgeschlagen. Die USA wären allerdings der Primus inter Pares. Das Ergebnis sei aber nicht einfach Multipolarität, sondern wachsende, einander widersprechende Realitäten.

Und Multilateralismus

INTERNATIONAL stellte diesen geopolitisch-militärischen Betrachtungen die wichtige Rolle von internationalen Organisationen und das Konzept des Multilateralismus als Alternativen gegenüber. „We need the UN more than ever” übertitelte die Zeitschrift 2020 ein Interview mit Mohamed ElBaradai, dem früheren Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO). Das war angesichts der darauf völkerrechtswidrigen Interventionen Russlands in der Ukraine 2022 und der USA in Venezuela 2026 eine sehr vorausschauende Warnung.

Das Vermächtnis von INTERNATIONAL

Obwohl das Projekt der Zeitschrift glücklicherweise unter neuer Führung fortgesetzt wird, hat INTERNATIONAL schon jetzt ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen. Sie ist die einzige Zeitschrift in Österreich, die internationale Beziehungen und Politik in das Zentrum einer breiten Debatte stellt, sich aber gleichzeitig nicht scheut, Autorinnen und Autoren zu erlauben, Positionen zu beziehen. Sie gibt diesen die Möglichkeit, auch Ideen und Analysen vorzustellen, die von der realen Politik oft als „unrealistisch“ abgewiesen wurden. Die österreichische Außenpolitik wurde kritisch beleuchtet, dennoch kamen die österreichischen Außenministerinnen und Außenminister regelmäßig zu Wort. INTERNATIONAL ist ein Leuchtturm in der österreichischen Medienlandschaft.


Heinz Gärtner ist Professor an der Universität Wien und Vorsitzender des Beirats des International Institute for Peace (IIP). Internationale Forschungs- und Lehrtätigkeit u.a. an den Universitäten Stanford, Oxford und Johns Hopkins.

Titelbild: Heinz Gärtner beim Festakt 45 Jahre Zeitschrift INTERNATIONAL am 12. März 2026, Foto: Dolf Andel

 

 

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