Wasser wird zum Sorgenkind: Die Schweizer Bevölkerung zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Von der unerschöpflichen Ressource zum kostbaren Gold: Die Schweiz, das „Wasserschloss Europas“, beginnt an ihrem Selbstverständnis zu zweifeln. Eine neue, repräsentative Studie von Marketagent Schweiz zeichnet ein alarmierendes Bild: Fast die Hälfte der Bevölkerung fürchtet um die langfristige Wasserversorgung. Die idyllische Vorstellung von unendlicher Frische in Bergseen und sprudelnden Brunnen bekommt Risse – und die Sorgen der Menschen sind dabei so vielfältig wie berechtigt.
Von Urs Heinz Aerni
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser gilt hierzulande als heiliges Gut. Dass dieser Standard keine Selbstverständlichkeit mehr ist, ist längst in den Köpfen angekommen. Ganze 73 Prozent der Befragten stufen den Zugang zu sauberem Trink- und Quellwasser als die wertvollste Errungenschaft der Schweiz ein. Damit lässt das flüssige Gold selbst das renommierte Bildungssystem (65 Prozent) und die hohe Luftqualität (64 Prozent) hinter sich. Doch genau hier liegt das psychologische Dilemma: Je höher der Stellenwert, desto tiefer sitzt die Angst vor dem Verlust.
Der Klimawandel als sichtbare Realität
Dass diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen ist, verdeutlichen die Ergebnisse der Studie unter 1.000 Befragten aus der Deutsch- und Westschweiz. Wer in diesem Sommer auf trockene Wiesen blickt oder in die Schlagzeilen über sinkende Pegelstände schaut, sieht die Theorie bestätigt. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Bevölkerung nimmt die diesjährigen Niederschlagsmengen als deutlich geringer wahr als in den vorangegangenen fünf Jahren.
Besorgniserregender noch: 66 Prozent der Teilnehmenden betrachten diese Entwicklung nicht als flüchtiges Wetterphänomen, sondern als einen nachhaltigen, schleichenden Prozess. Die Sorge um die „normale“ Wasserverfügbarkeit schlägt in konkrete Zukunftsangst um. 60 Prozent der Befragten rechnen damit, dass es in der Schweiz innerhalb des kommenden Jahrzehnts zu ernsthaften Versorgungsproblemen kommen wird.

Wenn der Wald brennt und die Ernte dürstet
Die Angst vor dem Wassermangel ist keine abstrakte Sorge um den Wasserhahn in der Küche, sondern reicht tief in das ökologische und wirtschaftliche Fundament des Landes. Wenn das Wasser knapper wird, wächst die Gefahr für das Ökosystem Wald. 87 Prozent der Befragten erwarten eine steigende Waldbrandgefahr in den nächsten zehn Jahren. Dicht gefolgt wird dieses Szenario von der Landwirtschaft: 85 Prozent sehen hierin ein massives Risiko für die Nahrungsmittelproduktion.
Doch die Sorge geht noch weiter, bis hin zur persönlichen körperlichen Integrität. Über die Hälfte der Bevölkerung (57 Prozent) hält es für wahrscheinlich, dass die Trinkwasserknappheit mittelfristig sogar eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen darstellen könnte. Das einst als „unerschöpflich“ geltende Gut wandelt sich im Bewusstsein der Menschen zu einem existenziellen Risikofaktor.
Die Lücke zwischen Wahrnehmung und Verbrauch
Interessant ist der Blick auf das individuelle Handeln. Die Sensibilisierung der Bevölkerung ist hoch: 86 Prozent geben an, zumindest „ein wenig“ auf den eigenen Wasserverbrauch zu achten. Doch bei der Frage nach dem „Wie viel“ offenbart sich eine deutliche Diskrepanz zwischen gefühltem und tatsächlichem Verbrauch. Die Befragten schätzen ihren täglichen Pro-Kopf-Verbrauch auf durchschnittlich 79 Liter – ein Wert, der die Realität von rund 142 Litern pro Kopf und Tag (laut Schweizer Dachverband für Wasser, Gas und Wärme) drastisch unterschätzt.
Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass vielen Menschen die notwendige Datenbasis fehlt, um ihr eigenes Sparpotenzial überhaupt realistisch einschätzen zu können. Trotz dieser Fehleinschätzung ist die Bereitschaft zu Opfern groß. Autowaschverbote oder das Verbot, private Pools zu befüllen, stossen auf eine breite Zustimmung von über 80 beziehungsweise knapp 80 Prozent. Die Botschaft ist klar: Wenn es hart auf hart kommt, wird der private Luxus der öffentlichen Versorgung untergeordnet.
Ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt
Wer trägt die Verantwortung? 64 Prozent der Befragten sehen die Bürgerinnen und Bürger in der Pflicht. Dies signalisiert eine bemerkenswerte Handlungsbereitschaft. Doch die Schweizerinnen und Schweizer sind sich gleichzeitig bewusst, dass individuelle Sparmaßnahmen allein nicht ausreichen werden. 67 Prozent stufen die Wasserknappheit als eine weltweite Herausforderung ein, die weit über den eigenen Gartenzaun hinausgeht.
Roland Zeindler, Geschäftsführer der Marketagent Schweiz AG, bringt es auf den Punkt:
„Dass die Verantwortung zuerst bei den Bürgerinnen und Bürgern gesehen wird, ist ein starkes Zeichen für die grundsätzliche Handlungsbereitschaft. Gleichzeitig darf die Lösung nicht auf individuelles Verhalten reduziert werden. Eine resiliente Wasserversorgung braucht vorausschauende Infrastruktur, wirksamen Boden- und Grundwasserschutz, angepasste landwirtschaftliche Systeme und klare Prioritäten bei konkurrierenden Nutzungsinteressen.“
Die Schweizer Bevölkerung hat das Thema „Wasser“ aus dem unbewussten Bereich des Selbstverständlichen in den Fokus ihres politischen und gesellschaftlichen Interesses geholt. Die Studie zeigt ein Land, das bereit ist, den Gürtel enger zu schnallen, aber auch ein Land, das von der Politik und der Wirtschaft Antworten auf die drängenden Fragen der Zukunft fordert. Der Ruf nach einer sicheren Wasserversorgung ist ein Ruf nach einer proaktiven Strategie, die den Klimawandel nicht nur verwaltet, sondern aktiv gestaltet. Das „Wasserschloss“ muss renoviert werden – bevor die Quellen versiegen.
Der Beitrag basiert auf einer Studie von Marketagent Zürich, die in der Zeit zwischen 29. Juli und 7. August 2026 entstand mit einer Umfrage unter 1.000 Befragten im Alter von 17 und 75 Jahren aus der Deutsch- und Westschweiz.
Titelbild: Das „Wasserschloss Europas“: Ein Blick auf einen idyllischen Schweizer Bergsee, gespeist von einem Gletscherbach, umrahmt von blühenden Almwiesen und traditionellen Holzhäusern – Sinnbild der kostbaren Ressource, deren Verlust die Schweizer Bevölkerung fürchtet. (Unsere Zeitung / KI-generiert mit Flux 2 Pro)

