„Ich habe überlebt und möchte Mut machen“
Sonntag ist Büchertag: „Leben! – Wie ich ermordet wurde“ von Nicole Dill & Franziska K. Müller
Im Jahr 2007 wurde Nicole Dill von ihrem damaligen Partner entführt, vergewaltigt, stundenlang gefoltert und schließlich niedergeschossen. Sie hat überlebt. Erst als sie das Krankenhaus schwer traumatisiert verlassen hatte, erfuhr sie, dass ihr damaliger Partner ein verurteilter Mörder und Vergewaltiger war, der vorzeitig aus der Haft entlassen und danach mehrfach auffällig geworden war. Ihr wurde klar, dass der Täterschutz einmal mehr vor den Opferschutz gestellt worden war. Eine Tatsache, die sie nicht akzeptieren wollte. Ihr Buch „Leben!“ ist neu mit Aktualisierungen erschienen.
Urs Heinz Aerni stellte Nicole Dill dazu Fragen.
Urs Heinz Aerni: Frau Dill, dieser Satz ist für Sie, aber auch für die Leserschaft prägend: „Ich wurde in jener Nacht ermordet, das eigentliche Überleben begann erst danach.“ Welche wichtigsten Faktoren oder Gründe spielten für die Rückkehr ins Leben eine wichtige Rolle?
Nicole Dill: Mein Leben wurde durch diese grausame Tat vernichtet und ich musste wieder von vorne anfangen. Zuerst wieder Atmen lernen, auf meinen eigenen Beinen gehen lernen, mir selbst Vertrauen schenken und vor allem auch in andere Menschen. An mich glauben, dass ich es zurückschaffe. Für mich begann am 20. September 2007 ein neues Leben!
Aerni: Also ich kann mir vorstellen, dass ein solches Trauma das Vertrauen in andere Menschen eigentlich zerstören kann. Oder?
Dill: Wenn man zum überlebenden Gewaltopfer wird, erhält man auf allen Ebenen lebenslänglich. Das Urvertrauen, das mir aus dem Elternhaus auf den Weg gegeben wurde, wurde in jener Nacht ausgelöscht – nicht nur vorübergehend – für immer.
Aerni: In Ihrem Buch berichten Sie auch von Ihrem Versuch, mehr über Ihren damaligen und gefährlich werdenden Partner zu erfahren. Erfolglos bei Behörden und Ärzten, unter Berufung auf den Datenschutz. Was müsste heute eine Person in einer ähnlichen Lage tun, wie Sie es damals waren?
Dill: Mit dem Wissen von heute ist mir klar, dass ich mich damals nicht hätte auf die Polizei verlassen sollen. Obwohl sie die Pflicht haben, die Bürger zu schützen, weiß ich, dass das nicht gemacht wurde und auch immer noch nicht wirklich gemacht wird. Das erlebe ich immer wieder wenn ich mit potenziellen Opfern in Kontakt komme. In diesem Fall rate ich, sich und sein Leben zu schützen und in ein Frauenhaus zu gehen. Dann werden auch alle nötigen Schritte eingeleitet.
Aerni: Es besteht heute noch dringender Handlungsbedarf, was den Schutz vor gewalttätigen Partnern angeht. Welche dringenden Hausaufgaben müssten bei Behörden und bei der Politik angegangen werden?
Dill: Die Istanbul-Konvention wurde 2018 ratifiziert, ein rechtlich verbindliches Dokument, wo es darum geht, Gewalt zu verhindern. Es muss unbedingt umgesetzt werden und das seit 2018! Es wird zu viel geredet statt gehandelt. Debatten sind Streitgespräche, und Streitgespräche muss man nicht führen, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht! Warum tut man sich nur so schwer? Spanien, das als Vorreiter gilt in Sachen Gewaltschutz, warum kann das nicht adaptiert werden? Es wäre so einfach. Die Schweiz tut sich offenbar so schwer seit Jahren, die Abmachungen der Istanbul-Konvention umzusetzen. Und das sollte eigentlich auch strafbar sein! Ein Staat riskiert, wie in meinem Fall, dass er vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) verurteilt wird. Folglich ist für mich unerklärbar, warum ein Staat sich bewusst in eine solche Situation bringt. Das erzeugt schlussendlich für den Staat Mehrkosten in Bezug auf Genugtuungen, Gerichtsverfahren und im Umgang mit den Straftätern.
Aerni: Sie gründeten 2011 die Anlaufstelle Sprungtuch mit dem Ziel, Gewaltopfer zu unterstützen. Mit welchen Erfahrungen blicken Sie auf diese Tätigkeit zurück?
Dill: Sprungtuch ist einzigartig und wird auch so bleiben, da ich eine neutrale Anlaufstelle für Gewaltopfer bin. Ich habe weder mit dem Staat noch mit anderen Institutionen sogenannte Leistungsvereinbarungen. Es macht mich unabhängig. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich regelrecht mit Anfragen überrollt werde.
Aerni: Wann jeweils?
Dill: Nämlich dann primär, wenn wieder eine grausame Tat geschehen ist, in den Medien davon berichtet wird und sich die eine oder andere Frau bewusst wird, dass sie sich in Gefahr befindet. Mir geht die Arbeit nicht aus und das seit über 15 Jahren. Das zeigt mir, dass Sprungtuch eine Anlaufstelle ist, die gebraucht wird. Die Opfer oder auch Angehörigen von Opfern, welche es leider nicht überlebt haben, fühlen sich bei mir verstanden und aufgehoben, denn ich weiß, wovon sie sprechen, wenn es um Todesangst geht, um Vergewaltigung oder eingesperrt auf engstem Raum. Was es bedeutet, traumatisiert zu sein und damit leben zu müssen.
Aerni: Nun ist Ihr Buch neu erschienen, nach der Erstauflage 2010. Die war nötig, weil in der Zwischenzeit viel geschehen ist. Ihr Anwalt Atilay Ileri bewirkte in Ihrem Fall eine Verurteilung der Schweiz durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Und Ihr jetziger Ehemann schrieb ein Nachwort. Wie war das für Sie, das Buch nochmals zu überarbeiten und zu veröffentlichen?
Dill: Mit dem Urteil vom April 2025 in Straßburg haben wir, das heißt Rechtsanwalt Atilay Ileri und ich, Geschichte geschrieben und klar einen Meilenstein gesetzt. In meinen Augen ist in all den Jahren zu viel in die falsche Richtung passiert, denn, solange wir steigende Zahlen der Femizide verzeichnen, wird zu wenig gemacht und somit dringender Handlungsbedarf angezeigt. Da verweise ich wieder auf die Istanbul-Konvention. Mit diesem Urteil des höchsten Gerichts steigt der Druck und versetzt die Schweiz in einen Zugzwang. Ich habe es überlebt um Lärm zu machen und klar aufzuzeigen, was in unserem System schief läuft. Als wir Recht bedauerlicherweise erst im Ausland erhielten, war für mich klar, dass dies der Zeitpunkt ist für eine weitere Auflage von „Leben! Wie ich ermordet wurde“. Dass diese Ergänzung mit der Neuauflage mit Verlegerin Gaby Baumann vom Wörterseh Verlag und Franziska K. Müller als Autorin erfolgt, war für mich von Anfang an sonnenklar. Zudem gehören auch das wichtige Interview mit dem Rechtsanwalt Atilay Ileri und das Nachwort meines Ehemanns Andreas Hartmann dazu. Um auch dem Leser die Augen zu öffnen, dass es alleine mit diesem Urteil nicht erledigt ist und die Arbeit weiter geht.
Anlaufstelle „Sprungtuch“
Aerni: Sie haben sich entschieden, die Öffentlichkeit zu suchen. Mit der Gründung der Anlaufstelle „Sprungtuch“ unterstützen Sie heute andere Gewaltopfer. Wie würden Sie Ihre bisherigen Erfahrungen beschreiben?
Dill: Es gibt verschiedene Verhaltensmuster der Gewaltopfer, welche alle immer wieder mein Herz berühren. Ich habe auch lernen müssen, auch wenn ich sehe, in welche Richtung eine Situation geht, Entscheidungen zu respektieren. Auch eben solche, wo das Gewaltopfer sich gegen seinen Schutz entscheidet.
Aerni: Ihr Buch und Ihr Einsatz richten sich gegen frauenverachtende Strukturen und mangelnden Opferschutz. Welches Signal möchten Sie an Frauen senden, die sich in toxischen oder bedrohlichen Beziehungen befinden, sich aber vielleicht nicht trauen, Hilfe zu holen?
Dill: Wenn sich eine Frau in einer solchen Beziehung befindet, sind klare Grenzüberschreitungen gemacht worden. Auch wenn es unglaublich schwierig ist, eine Entscheidung zu treffen, um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen, sollen sie sich immer vor Augen halten, dass es nicht besser wird. Im Gegenteil, auch wenn es vielleicht immer wieder ruhige Zeiten gibt und einem das Gefühl, es könnte wieder besser werden. Es ist ein Trugschluss.
Aerni: Danke. Ihr Fazit bis jetzt?
Dill: Ich habe überlebt. Nicht nur den Mordversuch, sondern auch die letzten fast 19 Jahre, um auch dafür zu kämpfen, Mut zu machen und nicht erst versuchen zu handeln, wenn man vielleicht mit dem eigenen Leben bezahlen muss. Wenn es zu spät ist.
Weitere Informationen und Kontakt zu „Sprungtuch„: www.sprungtuch.ch
Das Buch:
„Leben! – Wie ich ermordet wurde.
Verraten vom System, verteidigt in Straßburg.
von Nicole Dill und Franziska K. Müller,
Wörterseh Verlag, 208 Seiten,
ISBN: 978-3-03763-170-6
Nicole Dill lebte glücklich – bis zu jener Nacht im Jahr 2007, in der ihr damaliger Partner versuchte, sie mit der Armbrust zu töten, und beinahe Erfolg hatte. Dass sie überlebte, grenzt an ein Wunder. Seit ihrer körperlichen Genesung setzt sie sich unermüdlich und mit viel Überzeugungskraft für einen besseren Opferschutz ein. Nicole Dill lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn im Kanton Luzern.
Franziska K. Müller ist selbständige Journalistin und Autorin. Für die Neuauflage ihres Bestsellers »Leben!« führte sie erneut Gespräche mit Nicole Dill, interviewte deren Rechtsberater Atilay Ileri und bezog auch Nicole Dills Ehemann ein. Für Menschen, die ihre Lebensgeschichten schriftlich festhalten oder ein erzählendes Sachbuch realisieren möchten, hat Franziska K. Müller das Angebot »Privatbiografie« geschaffen. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Wien.
Titelbild: Nicole Dill (moniquewittwer.ch)

