„Wahnsinnsmutter Nacht, du bist nun über mir….“
Sonntag ist Büchertag: „Dichter – Roman einer Freundschaft“ von Katrin Askan – Gastrezension von Burkhard Jahn
Keine Figur in diesem Roman ist erfunden. Und selten ist ein Roman so sehr darauf bedacht, sich streng an die erlebte Wirklichkeit seiner Protagonisten zu halten.
Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen. Die beiden zentralen sind am Ende tot. Nach einer fünfundsiebzig Jahre währenden Freundschaft. Und diese Freundschaft hat den vielleicht sensibelsten deutschen Dichter des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts aus der Hölle seiner Verzweiflung, aus Mißachtung und Verkennung letztlich ins Licht, ja zu Weltruhm gebracht: Johannes Kühn. Sein getreuer Freund und Beschützer: Benno Rech.
Katrin Askan, die die realen Vorbilder ihrer Hauptfiguren in den Neunzigerjahren bei einer Tagung von Literaten kennenlernte, versichert sich immer wieder in Gesprächen und langen Telephonaten mit den neu gewonnenen Freunden der tatsächlichen Begebenheiten. Und weil im Zentrum ein wirklicher Dichter steht, dominiert kontrapunktisch in diesem Buch der Ton eines klaren Erzählens. Dem folgt man gebannt, fasziniert und passagenweise tief erschüttert.
Geschickt ist die Dramaturgie:
Drei Ebenen wechseln sich ab. Einmal die Schilderung des realen Geschehens jeweils unter der Jahreszahl von 1948 bis 1993. Dann in Ich-Form jeweils unter dem Titel „Jetzt“ Reflexionen der Autorin, während der Roman entsteht. Da hat Bennos Sterben bereits begonnen, und das Erinnern der Autorin verknüpft ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Eltern in der DDR mit den Geschehnissen im Saarland.
Und dann die dritte Ebene: fünfzehn Mal behandelt eine vorgebliche KI Sachgebiete wie historische Fakten oder neurologische Belange in kurzen Abhandlungen. Kein schlechter Witz! Denn jene KI-Beiträge sind – zumindest in schneller Recherche – im Netz nicht zu finden. Die reale Autorin imitiert offenbar die KI. – Wo doch sonst vor dem Umgekehrten nicht ganz grundlos die Furcht grassiert.
Nebenbei: Einen Namen eines wahrscheinlich nur zu bekannten Mannes im Literaturbetrieb nennt die Autorin nicht, den Urheber einer sie prägenden Demütigung. Zu vermuten ist, dass die Nennung des Anonymus einen Skandal auslösen würde. Was freilich nie geschehen wird. Eine kleine klandestine Denksportaufgabe für Aficionados.
Dreizehn, vierzehn Jahre alt sind die beiden Männer zu Beginn ihrer Freundschaft. Fast neunzig, wenn sie sterben. Der Ältere, Johannes Kühn, zuerst, elf Monate später der um ein Jahr jüngere Benno Rech, der den Freund nun nicht mehr beschützen muß.
Am Ende tragen beide den Titel Professor. Der Dichter und Dr. Benno Rech, der Pädagoge, der dem Ersten durch all die Jahrzehnte mehr als nur ein Freund bleibt. So treu und geduldig wie einstmals der Tübinger Schreinermeister Zimmer mit dem tobenden Hölderlin, als dessen Wiedergänger sich Johannes Kühn – und sicherlich nicht ohne Berechtigung – empfindet. Benno Rech bleibt seiner selbstauferlegten Pflicht treu, den Jugendfreund auch in dessen dunkelsten Stunden nie zu verlassen.
Letztlich unterstützt von der dritten im Bunde: Von Irmgard Rech. Als Benno sie heiratet, erklärt er ihr, dass sein Schützling und Freund, für den er längst die Verantwortung übernommen hat, ihn immer brauchen wird. Das ist lange Zeit nicht gerade leicht für die junge Frau. Und doch gelingt dem Paar, ein Leben lang eine ungewöhnlich glückliche Ehe zu führen, samt der liebevollen Erziehung der Kinder. Auch wenn Irmgard zu Beginn der Ehe kaum ahnen konnte, welchen Herausforderungen die Familie sich zu stellen haben würde. Lebenslang.
Über all die Jahrzehnte bleiben höhnische Kommentare und mehr als dumme Beargwöhnungen seitens der Mitwelt nicht aus.
Beide Rechs sind herausragende Pädagogen am Gymnasium. Dafür verzichtet Benno auf eine ihm schon früh winkende Karriere an der Universität. Beide sind einem fortschrittlichen Katholizismus verbunden, Irmgard wird die erste Frau, die als Katholikin im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“ spricht, insgesamt vierzehnmal in vielen Jahren verhelfen ihr zu einer gewissen bundesweiten Prominenz.
Die letztlich lebenslangen Freunde Benno und Johannes, beide Söhne von mehr oder weniger „bildungsfernen“ Bergarbeitern, besuchen in der Kargheit der Nachkriegszeit die Missionsschule. In der zugehörigen Buchhandlung lernen sie sich kennen. Vor sich sehen sie eine Zukunft als katholische Missionare. Bis sie sich schließlich dagegen entscheiden werden.
Sie entdecken die Dichtung, begeistern sich dafür, sparen die Groschen zusammen für das Reclamheft des Eichendorff’schen „Taugenichts“. In heimlichen Waldwanderungen, in verbotenen Erkundungen des Nachbardorfes praktizieren sie eine andere Frömmigkeit, eine jenseits der strengen Erziehung mit rigiden Regeln samt Schweigegebot. Sie bleiben miteinander verbunden, als der eine – Benno – auf ein Gymnasium wechselt.
Wie dann das Lebensdrama des Dichters in seinen Stationen vorgestellt wird, entfaltet sich in brillanter Komposition: Der lebensfrohe, ja extrovertierte Johannes verpuppt sich vom selbstbewußten Epheben, der tanzt und raucht und gern und viel trinkt, gar eine Schauspielausbildung absolviert, in den lernhungrigen inoffiziellen Studenten – denn das Geld für die Gebühren fehlt ihm, – dazu in den manischen Durchwanderer seiner saarländischen Heimat. Dann erfährt er vorübergehend in Salzburg Anerkennung als Jungdramatiker, verpuppt sich wiederum, diesmal in den zu primitiver Brotarbeit genötigten Bauarbeiter und Fleischtransport-Beifahrer und gleichzeitig in den besessenen Verfasser Tausender von Gedichten.
Und mit aufflammender Seelenkrankheit im Weiteren in einen gespensterhaften Psychopathen, der, gepeinigt von Verfolgungswahn und der Verzweiflung des verkannten, des nicht genügend beachteten Dichters, in ein jahrelanges Verstummen versinkt.
Er zieht sich zurück in ultimative Verweigerung minimalsten Austausches. Er verkommt. Er wäscht sich nicht mehr. Er trinkt. Er wird zum Schreckgespenst seiner Region, zum so ängstlich wie haßerfüllt Betrachteten, wenn er im Café vor sich hinstiert. In jenem Café, das ihm dann eines Tages mit Rücksicht auf andere Gäste Hausverbot erteilt. Immer wieder wird der zutiefst aus der Bahn Geworfene ins Landeskrankenhaus in Merzig gebracht, – vulgo: in die IRRENANSTALT.
„Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.“
Und letztlich dann doch die Erlösung die sich zeigt als gelinde Gesundung bei aufstrahlendem internationalem Erfolg.
Immer an seiner Seite Benno, ohne den Johannes auch als Gefeierter bis an sein Lebensende nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Immer ist er umrahmt, beschützt und abgeschirmt von Benno und Irmgard.
Der Lebensfreund ist Korrektor, Lektor, Sekretär, Agent. Kein Buch von Johannes erscheint, dessen Herausgeber nicht Benno und Irmgard Rech sind.
In all den Facetten folgt Katrin Askan – streng bedacht, nichts zu erfinden – den Realitäten und ergreift zutiefst ihre Leserschaft mit der fulminanten Passage des dramatischen Sterbens von Bennos Schwester Martina, das im Eisenbahnzug von Pilgern auf der Rückfahrt von Lourdes mit einem Blutsturz beginnt und gleich nach der Rückkehr im Krankenhaus in Saarbrücken endet. 1959. Die letzten Worte der Sterbenden sind: „Ich bin doch noch so jung.“
Noch eine Szene nimmt einem den Atem. Die ist von derart schockierender Brutalität, dass ein Hoffnungsrest des erschütterten Verfassers dieser Zeilen bleibt, es könne vielleicht „nur“ eine brillante literarische Erfindung im als Roman deklarierten Buch sein.
Wenn das Geschehnis aber wahr ist, dieser grauenhafte Schock für den hilflos um seine zärtliche Liebe Gebrachten, dieser so kühle wie virtuose Bericht horribler Bestialität, dann, ja dann ist die Metzelung der hauchdünnen Membrane der Dichterseele allein schon triftigster Grund zum jahrelangen Verstummen.
Kein Zweifel. – Wer es liest, mag sich selbst überzeugen.
Johannes Kühn schweigt von dem Tag an. Schweigt in Wort und Blick und Schrift. Für annähernd ein Jahrzehnt.
Vor jener Katastrophe war gerade der „verrückte Dichter“ zu einer gewissen Bekanntheit in seiner Heimat gekommen, da allerdings war der „Durchbruch“ noch fern gewesen.
Es hatten sich – den Geist von 1968 auf Gesichtern und im trotzigen Denken – im Rausch des Neuen jene begeistert, die sich zur Avantgarde aufgerufen fühlten und drängten zur Gleichschaltung des Elitären, des Herausragenden.
Aus dem Spirit solcher Verbrüder- und Verschwisterung entsteht 1978 das „Gedicht“ der Felicitas Frischmuth, das den Hauptteil der Nennungen jener Dichterin im Internet einnimmt: “Lauf/ Spring doch/Spring/Geh/Bleib“
In zukunftsbetörter, vielleicht überhitzterer Evokation solcher Dichtkunst mußte ein Dichter einer alten Vorstellung von beseelter Inspiration dann wahrlich schlechte Karten haben:
“Ich fand für mein Herz einen Mittag. Libellen, die blauen Nadeln der Luft, über den Wiesen lautlos nähten.“
In der kollektiven Trunkenheit über die allseits nun propagierte „Lauf-Spring doch-Spring-Lyrik“ galt es ab da, kunstvollerer Poesie den Mund..… nein, nicht einmal zu verbieten. – Sondern zu lähmen per Hohngelächter.
Wo der Zeitgeist zuschlägt, da wächst kein Gras mehr. Am wenigsten das „Grasland Glück“ des Dichters Johannes Kühn.
Immerhin: Der Dichter läßt sich anregen und schreibt auch Gedichte aus der Welt der Arbeiter, die er nach kaum freiwilligen Jahren als Bauarbeiter wohl besser kennt als mancher schulterklopfende Animator. Und beherzt tritt er als Rezitator seiner Gedichte auf vor den fortschrittsbewegten Kiffern in den Afghanenmänteln.
Bis die genannte Katastrophe geschieht. Das Schweigen. Das Sich-Selbst-Totschweigen.
Die Zeiten aber wandeln sich. Ihr Strom und mit ihr wohl auch die geruhsam fließende Saar nahmen die Grotesken mit sich. Und endlich entdecken Peter Handke, Peter Rühmkorf, Reiner Kunze und Michael Krüger den Dichter Johannes Kühn. Um den wichtigsten Kontakt, den zum Verleger des Hanser Verlags, macht sich besonders der Freund Ludwig Harig, Hanser-Autor und „Star“ der saarländischen Literatur, verdient.
Die Seele des Verwundeten, betreut vom Seelenarzt Prof. Dr. Wolfgang Werner, gesundet.
„Dichter“ – Der Roman von Katrin Askan ist atemberaubend.
Und atemberaubend aufs Neue: Johannes Kühn.
„Wenn Du geboren bist unter Handwerkern, wo der eingeschlagene Nagel gilt, dann wag kein Gedicht zu schreiben – oder du wirst in ein Lager gesperrt, umzäunt von Hohngelächter.
Was einer auch über mich geschüttet, Spott. Ich ging in die grüne Fährte der Sommerwetter und atmete mich frei.“
Katrin Askan
Dichter – Roman einer Freundschaft
Elsinor Verlag, 400 Seiten
ISBN 978-3-942788-91-5
39,90 Fr / 26,90 Euro
Burkhard Jahn ist Schauspieler, Regisseur und Autor und lebt in der Nähe von Zürich.
Titelbild: Coverausschnitt aus „Dichter – Roman einer Freundschaft“ (Elsinor Verlag)

