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Über den Niedergang der SPÖ

Sonntag ist Büchertag: „Die verlorene Arbeiterpartei. Die SPÖ von Kreisky bis zur Gegenwart“ von Hermann Winkler

Rezension von Michael Wögerer

Hermann Winkler (geboren 1957 in Hall bei Admont), ein langjähriger Polizeijurist mit universitären Abschlüssen in Rechtswissenschaften sowie Diplomen in Europäischer Integration, Politischer Bildung und Verwaltungsmodernisierung, legt mit Die verlorene Arbeiterpartei eine zeitgeschichtliche Analyse vor. Das Werk ist dem Andenken Bruno Kreiskys (1911–1990) gewidmet und befasst sich mit der Frage, wie sich die österreichische Sozialdemokratie von einer prägenden, staatstragenden Bewegung zu einer organisatorisch wie inhaltlich festgefahrenen Partei entwickeln konnte. Neben eigenen Recherchen stützt sich die Darstellung auf Hintergrundgespräche mit Zeitzeugen, ehemaligen Funktionären und politischen Netzwerkern.

Vom sozialen Versprechen zur strukturellen Entfremdung

Winkler gliedert seine Arbeit in 20 Kapitel. Er beschreibt den historischen Aufstieg der SPÖ aus der Not des 19. Jahrhunderts und ihre Blütezeit in den 1970er-Jahren unter Bruno Kreisky, in der die Partei für breite Bevölkerungsschichten als Schutzmacht verankert war. Der Niedergang wird als langfristiger Prozess ab den späten 1980er-Jahren und in den 1990er-Jahren in folgenden Schritten charakterisiert:

  • Strukturwandel: Globalisierung, der EU-Beitritt und das Schwinden klassischer Industriebetriebe lösten traditionelle Arbeiterwelt-Milieus auf.
  • Orientierungskrise: In Alltagsfragen wie der Migration und der gesellschaftlichen Öffnung geriet die Partei in einen Zwiespalt zwischen internationaler Solidarität und den Schutzbedürfnissen ihrer angestammten Wählerschaft.
  • Diffuses Profil: Der Versuch, städtisch-akademische Milieus einzubinden, führte ohne klare Prioritäten zur Verwässerung des Markenkerns.

Ein wesentlicher Abschnitt kontrastiert die Methoden der politischen Konkurrenz mit der Reaktion der SPÖ:

  • Der ICG-Komplex (2017): Am Beispiel von Abläufen im Bundesfinanzministerium im Vorfeld der Nationalratswahl 2017 (Projekt Ballhausplatz, Beteiligung von Thomas Schmid, Eduard Müller und der Beratungsgruppe ICG) verdeutlicht der Autor, wie die Gegenseite Macht strategisch in Prozessdesigns und Tabellen vorbereitete.
  • Aufdeckung als Ersatzpolitik: Nach dem Abdrängen in die Opposition übernahm die SPÖ unter Koordinatoren wie Kai Jan Krainer die Rolle einer forensischen Kontroll- und Aufklärerpartei in Untersuchungsausschüssen. Winkler attestiert dieser Arbeit zwar rechtsstaatliche Notwendigkeit, kritisiert jedoch, dass die Routine der Enthüllung und das „politische Theater“ im Ausschuss das Fehlen eines eigenen gestaltenden Gesellschaftskonzepts verdeckten.

In den Kapiteln über die „Stimmen aus dem Land“ analysiert Winkler die Entkopplung der Wiener Parteizentrale von den Lebensrealitäten in den Bundesländern:

  • Burgenland: Hans Peter Doskozil wird als Chiffre für das Verlangen nach sozialer Lesbarkeit und politischem Instinkt beschrieben.
  • Salzburg: Symbolhandlungen wie das Fastenbrechen von Bürgermeister Bernhard Auinger im Schloss Mirabell erzeugten Wahrnehmungsprobleme in der Migrationsfrage.
  • St. Pölten: Bei der Gemeinderatswahl am 25. Jänner 2026 erlitt die SPÖ mit dem Absturz auf 42,5 % den Verlust ihrer 61 Jahre gehaltenen absoluten Mehrheit.
  • Linz: Die Brucknerhaus-Affäre um Ex-Bürgermeister Klaus Luger hinterließ nachhaltige Glaubwürdigkeitsschäden.
  • Tirol: Der Fall Georg Dornauer (Causa Jagdfoto, spätere Auseinandersetzungen um TIWAG-Übergewinne und Klub- bzw. Parteiausschluss) illustriert die Verwandlung von Inhaltsdebatten in disziplinäre Verfahren.

Der Parteitag 2026 und die Standortbestimmung

Das Buch gipfelt in der Schilderung des Bundesparteitags am 7. März 2026 unter dem Motto „Ordnen statt Spalten“. Das Ergebnis von 81,51 % für Parteichef Andreas Babler wird als pragmatische Einheitsgeste eines verunsicherten Apparats gewertet, der das Risiko einer echten Richtungsentscheidung scheut.

Winkler zeichnet die SPÖ als eine von technokratischer Vorsicht geprägte Partei. Er stellt das Parteiestablishment vor die Wahl zwischen zwei Pfaden: Eine mutige Neuausrichtung hin zur prioritären Schutzfunktion für die arbeitende Mitte oder das fortgesetzte Einnisten in einem „Museum mit laufendem Betrieb“.

Fazit

Hermann Winklers Die verlorene Arbeiterpartei liefert eine nüchterne, sachbezogene Bestandsaufnahme der SPÖ und ihres anhaltenden Niedergangs. Auf Pathos wird weitgehend verzichtet; stattdessen bietet das Werk eine strukturierte Zerlegung organisatorischer und inhaltlicher Fehlentwicklungen. Winkler liefert eine fesselnde und analytisch gewinnbringende Lektüre für alle, die tiefer in die Dynamiken der heimischen Politik- und Parteienlandschaft eintauchen möchten.


Veranstaltung zum Buch:

„Die verlorene Arbeiterpartei. Die SPÖ von Kreisky bis zur Gegenwart“
10. November 2026, 19 Uhr
Das Freie Wort (Rögergasse 24-26, 1090 Wien)

Zu seinem Buch und zu aktuellen Entwicklungen in der SPÖ diskutieren Hermann Winkler & Michael Wögerer (Unsere Zeitung)


Hermann Winkler:
Die verlorene Arbeiterpartei.
Die SPÖ von Kreisky bis zur Gegenwart.

Promedia Verlag, Wien 2026, 203 Seiten,
ISBN: 978-3-85371-566-6.


Titelbild: „Die verlorene Arbeiterpartei. Die SPÖ von Kreisky bis zur Gegenwart“ (Promedia Verlag)

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