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Der Dalai Lama und die Weltpolitik

Ozean der Weisheit oder gut geölte Propaganda-Institution?

Von Agnes Kurtz, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)

Pilgerpfad beim Heinrich Harrer Museum in Hüttenberg, Kärnten (Foto: Agnes Kurtz, 26.6.2006)

Der Dalai Lama (DL), Tenzin Gyatso, ist vor einem Jahr 90 Jahre alt geworden, und es findet schon seit längerem ein Rätselraten um seine Nachfolge bzw. seine „Reinkarnation“ statt. Er hat mehr Facetten als gemeinhin bekannt, über sein politisches und historisches Umfeld wird kaum berichtet. Heinrich Harrer, der berühmte Lehrer des DL, hat mit seinem Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“ viel zu dessen Popularität und Mystifizierung beigetragen. Das steigerte sich noch nach dem Welterfolg des gleichnamigen Hollywoodfilms mit Brad Pitt. Der Skandal um Heinrich Harrers verschwiegene SS-Vergangenheit tat dem Ganzen keinen Abbruch. Im Gegenteil: Das Leben im feudalen Lhasa vor der Machtübernahme der chinesischen Volksarmee 1951 wurde als farbenfrohe Idylle geschildert – und in scharfem Kontrast dazu Maos Armee als plumpe und brutale Invasoren dargestellt, die diese Idylle zerstörten. Auf diese Weise bekommt das Publikum die gewohnte ideologische Botschaft im Propagandaformat des Kalten Krieges vermittelt.

Der DL wird im Westen als bescheidener, weiser Gottkönig verehrt und wurde mehrfach zur beliebtesten Person weltweit gekürt. Er genoss die Wertschätzung der Mächtigen, angefangen von US-Präsident George W. Bush bis Jörg Haider und dem Bundesland Kärnten, das ihm das Goldene Ehrenzeichen verlieh. (1) Der DL wurde mit Ehrentiteln überhäuft und erhielt, wahrscheinlich nicht zufällig, 1989 (im Jahr der Unruhen am Tiananmen-Platz) den Friedensnobelpreis. Über ihn gibt es eine Unzahl von Büchern, Filmen, TV-Shows und Dokumentationen. Er war der Liebling unserer Medien und ein wichtiges Propagandainstrument des Westens gegen das kommunistische China. (2)

Der Mythos vom friedlichen Shangri-La

Dorf in Tibet, unterwegs von Nyingchi nach Lhasa (Foto: Helena C., 2026)

Der Personenkult um den DL verdeckt die historischen Tatsachen der feudalen Mönchstheokratie in Tibet vor 1951. Das bebaubare Land war zu 90 % im Herrschaftsbesitz der Klöster und Adeligen, bearbeitet von Sklaven und Leibeigenen. Die Familie des DL gehörte zu dieser Herrenschicht. Es gab neun verschiedene Kasten, die Angehörigen der niedrigsten konnten verkauft werden wie Vieh. Die Gutsherren und Klöster erpressten neben der unbezahlten Arbeit noch eine Unzahl an Abgaben von den Bauern. Wenn diese nicht zahlen konnten, verliehen ihnen die Klöster Kredite mit bis zu 50 % Zinsen. Bei Zahlungsunfähigkeit wurden sie versklavt, die Schuld auf die Kinder und Kindeskinder vererbt. Bei Widerstand oder Flucht gab es unvorstellbar abschreckende Strafen: Augen ausschneiden oder ausdrücken, Amputation und Versengen der Gliedmaßen, Herausschneiden der Zunge, Durchtrennen von Sehnen, Häutung, Auspeitschungen und erfrieren lassen. In jedem Kloster gab es Kammern mit einem Arsenal an Folterinstrumenten.

Die Bevölkerung lebte in großer Armut und Unwissenheit, die Säuglings- und Müttersterblichkeit war extrem hoch. Die Lebenserwartung lag bei 30 Jahren. Die Frauen mussten oft mehrere Männer (die Brüder ihrer Ehegatten) heiraten. Knaben ab drei Jahren wurden von den Klöstern konfisziert, oft auch sexuell missbraucht. Auch junge Frauen waren vor den Mönchen nicht sicher und berichteten von exzessiven Ausschweifungen in manchen Klöstern. (3) Der DL schwieg zu diesen Vorwürfen.

Der Teilnehmer der deutschen Tibet-Expedition Ende der 1930er-Jahre, der SS-Mann Bruno Beger, ein später verurteilter Kriegsverbrecher, hat diese Gesellschaft als „die letzte alte Kultur auf dieser Erde“ gerühmt, die man unberührt lassen sollte.

Viele Anhänger des tibetischen Buddhismus teilen diese Sichtweise von einem allseits friedlichen Leben im alten Tibet noch heute, wohl aus Unwissenheit über die wirklichen historischen Zustände.

Kontakte zu Faschisten und zur CIA

Der DL wich sozial und politisch relevanten Fragen aus und distanzierte sich nie von seiner Freundschaft mit Nazis – etwa von seiner Nähe zum oben erwähnten Bruno Beger, zu Miguel Serrano, dem chilenischen Begründer des „Esoterischen Hitlerismus“, von seiner Unterstützung für Pinochet und dem japanischen Sektenführer Shōkō Asahara, den späteren Massenmörder von Tokio. (4)

Bereits in den 1930er-Jahren gab es freundschaftliche Beziehungen zwischen der tibetischen Oberschicht und den Nazis Deutschlands sowie dem imperialen Japan.

Sie teilten ähnliche Interessen: Die Briten aus Nordindien bzw. Asien zu vertreiben und gemeinsam gegen die Kommunisten zu kämpfen. Nachdem 1951 die Volksarmee Chinas in Tibet von den Briten die Macht übernommen hatte, kooperierte der DL noch mit der Zentralregierung. Er unterzeichnete das 17-Punkte-Abkommen, in dem er die politische Hegemonie der Zentralregierung anerkannte. Ab Beginn der 1950er-Jahre unterstützte die CIA einen von Adeligen und den Lamas angeführten blutigen Bürgerkrieg. „Heinrich Harrer hat im Auftrag amerikanischer Offizieller in Indien eine Reihe von wichtigen Missionen in Zusammenhang mit dem Dalai Lama diskret und erfolgreich erfüllt“, schrieb ein CIA-Offizier an das Außenministerium in Washington. (5) Guerillakämpfer, Nomaden und Bergbauern wurden mit dem Segen des jungen DL in den USA ausgebildet und Hilfscamps sowie Luftbrücken für den Nachschub organisiert. Auch die beiden älteren Brüder des DL waren darin stark verwickelt. Die Freischärler spielten für die USA eine wichtige Rolle im Stellvertreterkrieg gegen das kommunistische China. Ohne diese Einmischung von außen wäre dieser Krieg niemals so grausam geworden. (6)

Am Höhepunkt des Aufstands flüchtete der DL mit einer Karawane aus 800 Packtieren, beladen mit einem Gold- und Silberschatz im Wert von vielen Millionen, nach Indien. Das Tibet-Operation-Programm der CIA, durch das auch der DL alimentiert wurde, lief bis in die 1970er-Jahre. Auch danach bekam die Exilregierung in Dharamsala Gelder von anderen Regierungen und Stiftungen wie National Endowment for Democracy, Soros u. a. – es gab in den Folgejahren immer wieder blutige Unruhen, Klöster waren Zentren des Nationalismus und Separatismus.

Komplizierte Suche nach dem nächsten DL

Seit dem 18. Jahrhundert hat China die Oberhoheit über Tibet und beteiligt sich vereinbarungsgemäß am Prozess zur Findung des nächsten DL, der als Reinkarnation des Vorgängers gilt. Das Prozedere ist intransparent und äußerst manipulationsanfällig. Je nach Methode müssen dabei Gegenstände, die dem Vorgänger gehörten, erkannt, Lose gezogen und Orakel befragt werden. Außerdem hängt es auch vom Willen des noch lebenden DL ab, in welcher Frau er wiedergeboren wird. Nach der bürgerlichen Kuomintang-Revolution von 1912 erklärte sich der damalige 13. Dalai Lama, der Vorgänger des jetzigen, als von China unabhängig. Weder die neue bürgerliche Republik China noch ein anderes Land hat die völkerrechtliche Unabhängigkeit Tibets je anerkannt. Die Suche nach dem Nachfolger des DL ist deswegen kompliziert und politisch heikel, als der DL per Definition nicht nur als das spirituelle, sondern auch als das politische Oberhaupt von Tibet gilt. Er persönlich hat die Regierungsgeschäfte 2011 zwar an einen weltlichen Vertreter abgegeben, beansprucht aber das Recht, seinen Nachfolger zu bestimmen. Er hat auch eine ehrenamtliche politische Position in der chinesischen Regierung abgelehnt. Die Nachfolgeregelung ist also nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Angelegenheit. Aufgrund dieser Doppelrolle besteht Peking auf einer transparenten Vorgangsweise und Mitsprache, wogegen die Exilregierung das als Beweis der Einmischung in ihre religiösen Rechte ablehnt.

Außerdem gibt es in Tibet vier weitere buddhistische Schulen, die den DL nicht als ihren Führer anerkennen. Die Gleichsetzung von religiöser und weltlicher Macht ist anachronistisch und undemokratisch: Wenn der amerikanische Präsident sich als „Führer der freien Welt“ ausgibt, heißt das auch nicht, dass er über alle diese Länder herrschen kann. Der DL weiß, dass die Tradition der Reinkarnation höchst unzeitgemäß ist, und machte dazu schon verschiedene Andeutungen: Dass es vielleicht keinen Nachfolger mehr gibt, dass er in einer Frau wiedergeboren wird, … aber auf jeden Fall in einem „freien Land“. Das würde bedeuten, dass die Zentralregierung einen Regierungschef für Tibet anerkennen müsste, der vom Ausland aus bestimmt worden ist. Der jetzige Regent heißt Penpa Tsering und könnte ein möglicher Kandidat für die Reinkarnation des nächsten DL sein. (7)

Prunksessel im Thronraum im Heinrich Harrer Museum in Hüttenberg, Kärnten (Foto: Agnes Kurtz, 26.6.2006)

Spagat zwischen Tradition und Moderne

Der DL äußerte sich zum Thema Unabhängigkeit immer wieder mit gespaltener Zunge. In einer TV-Show meinte er, dass Absichten wichtiger seien als Taten, wenn die Absichten gut sind, sei auch Gewalt o.k. Aus der nationalistischen Ecke gibt es auch immer wieder entsprechende Drohungen. (8)

Tibet ist eine Autonome Provinz innerhalb der Volksrepublik China. Die Exilregierung verlangt keine Unabhängigkeit mehr, aber eine weitgehende Autonomie, die über die derzeitige weit hinausgeht. Ein weiteres Problem ist die immer wieder auftauchende Forderung nach einem Groß-Tibet, welches auch die Gebiete von anderen Provinzen, in denen Tibeter wohnen, umfassen soll. (9)

Fakt ist: Der Analphabetismus in Tibet betrug vor 1951 etwa 95 %, heute gehen Kinder durchschnittlich 15 Jahre in die Schule. Die Hardliner werfen der Zentralregierung (kulturellen) Genozid vor, weil die tibetischen Kinder zusätzlich zu ihrer eigenen Sprache auch Mandarin, die gesamtchinesische Hochsprache, lernen müssen. Und weil die Kinder erst mit 15 statt mit drei Jahren in ein Kloster aufgenommen werden dürfen. Die Säuglingssterblichkeit ist zwischen 1951 und 2024 von 430 auf 4,32 pro 1.000 Geburten gesunken. Das ist nur möglich, weil China das Gesundheitssystem, die Hygiene, aber auch das Bildungssystem und die Infrastruktur in nur wenigen Jahrzehnten kontinuierlich und mit viel Anstrengung aufgebaut hat. Die Zentralregierung entwickelt laufend Programme zum Ausgleich zwischen den reicheren und den ärmeren Regionen, die viele Privilegien genießen. Anerkannte Minderheiten waren von der Ein-Kind-Politik ausgenommen. Es fließen überproportional mehr Subventionen und Investitionen in die ärmeren Provinzen, auch das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ist dort höher als in den Provinzen mit mehrheitlicher Han-Bevölkerung (im Osten).

Der technische und ökonomische Fortschritt bringt – wie überall – eine Schwächung der traditionellen kulturellen Identitäten mit sich. Tibet scheint die Spannung zwischen Tradition und Moderne gut zu bewältigen: Der Lebensstandard der Bevölkerung ist stark gestiegen. Auch das kulturelle und religiöse Leben blüht entgegen den Behauptungen der Revanchisten. Die Bevölkerung des heutigen Tibet wünscht sich einen religiösen Führer, will aber nicht zur alten Herrschaftsform zurückkehren.


Agnes Kurtz ist Psychologin und hat u. a. im Büro von Johanna Dohnal und im Sozialministerium gearbeitet.

Fußnoten und Quellen


Titelbild: Potala-Palast bei Nacht, Foto: Helena C., 2026

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