AktuellAmerikaInternationalMedienZeitschrift International

Abelardo de la Espriella – Zurück zur harten Hand in Kolumbien?

Die Ausgangsposition vor der zweiten und entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien war ein Zeichen für die politische Polarisierung im Land. Abelardo de la Espriella gewann die erste Runde mit 43,7 % und rund 670.000 Stimmen vor Iván Cepeda mit 40,9 %. Fast 85 % entfielen daher auf Kandidaten, deren Profile und Programme unterschiedlicher nicht sein konnten. In den beiden letzten Wochen des Wahlkampfes wurde es jedoch noch einmal spannend.

Von Christian Wlaschütz, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)

Kolumbien lag wie viele andere Länder im WM-Fieber. Es fehlten ein paar Wochen bis zum ersten Spiel der Selección, die entsprechenden Fan-Trikots wurden bereits entstaubt, um – wie üblich – am Spieltag angezogen zu werden. Plötzlich wurde aus einem der wenigen integrierenden Symbole Kolumbiens ein Politikum. Abelardo de la Espriella, rechter Populist und Gewinner der ersten Runde, trug nach dem Beispiel Bolsonaros in Brasilien im Wahlkampf regelmäßig das Trikot der Selección. Iván Cepeda, der Kandidat des amtierenden linken Präsidenten Gustavo Petro, sah darin eine Politisierung eines nationalen Symbols und rief seine Anhänger auf, das Trikot nicht zu tragen.

Diese Szene zeigt deutlich, wie sehr die Polarisierung im Land Themen und Symbole erreicht hat, die bislang völlig außer Streit standen. Sie zeigt auch, dass die Linke im Wahlkampf nicht nur strategische Fehler machte, sondern auch willig in gestellte Fallen tappte. Die spanische Zeitung El País vom 10. Juni berichtete, wie Cepeda in den letzten Tagen den Wahlkampf noch herumreißen wollte. Nicht nur die Trikot-Frage stand ihm im Weg, sondern auch die beispiellose Behauptung Petros, dass der erste Wahlgang irregulär gewesen wäre, sowie dessen Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung – beides Themen, die keinerlei Mehrheiten in der Bevölkerung fanden. Cepeda wandte sich gegen Petro – allerdings zu spät.

Der zweite Wahlgang ging in einem packenden Endspurt an Abelardo de la Espriella; allerdings mit knapp einem Prozent Unterschied wesentlich enger als erwartet.

Die Ausgangslage

2016 wurde in Kolumbien zwischen der Regierung des damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos und der Guerilla FARC-EP ein Friedensvertrag geschlossen. Wie umstritten der Vertrag war, bewies ein Referendum, in dem er von der Bevölkerung abgelehnt wurde. Neben einer inhaltlich befremdlichen Anti-Gender-Propaganda von rechts gab es auch Ablehnung gegenüber den Bestimmungen zur politischen Teilnahme sowie den Maßnahmen zur Bestrafung der FARC für und deren Mitarbeit bei der Aufklärung von Verbrechen. Diese schienen vielen zu großzügig. Santos gelang es dennoch, eine leicht veränderte Version des Vertrags durch den Kongress zu bringen; die Standpunkte blieben allerdings unversöhnlich. Daher überraschte es nicht, dass sein Nachfolger Iván Duque, der Kandidat des ehemaligen Präsidenten und scharfen Kritikers des Friedensprozesses Álvaro Uribe, die Umsetzung des Vertrags boykottierte.

Die Präsidentschaft Gustavo Petros

2022 wurde der linke Kandidat und Ex-Guerillero Gustavo Petro zum Präsidenten gewählt. Neben der Inklusion von bisher weitgehend marginalisierten Gruppen zählten Sozialreformen sowie die Umsetzung des Friedensvertrags zu seinen Prioritäten. Daneben ließ er international auch mit seiner Strategie des paz total aufhorchen. Darunter verstand er Friedensverhandlungen nicht nur mit der verbliebenen Guerilla, der ELN, sondern auch mit Drogenkartellen mit dem Ziel der Abrüstung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Dies brachte ihm von Beginn an den Vorwurf ein, dass er politische und nicht-politische Akteure gleichsetzte, was er als Senator noch heftig kritisiert hatte, als Präsident Uribe ab 2002 das Gesetz Justicia y Paz (Gerechtigkeit und Frieden) einbrachte, das die Demobilisierung der Paramilitärs rechtlich absichern sollte. Diese vom Staat geförderten Gruppen bekämpften nicht nur die linke Guerilla, sondern kontrollierten auch weite Teile des Drogenhandels.

Im WOLA (Washington Office on Latin America)-Podcast Latin America Today vom 16. Juli fasst Gimena Sánchez-Garzoli den Hauptkritikpunkt an der Strategie so zusammen, dass ein Friedensprozess eben auch eine Sicherheitspolitik benötigt, die unter Petro offenbar gefehlt habe. Statistiken legen tatsächlich nahe, dass vor allem Entführungen und Erpressungen massiv angestiegen sind. Hinzu kommen die regelmäßigen bewaffneten Angriffe von illegalen Gruppen im ländlichen Raum. Das Sicherheitsempfinden hat sich also erheblich verschlechtert. Punkten konnte Petro mit der Förderung von bislang benachteiligten Gruppen, die er auch mit politischen Aufgaben betraute. Seine Vizepräsidentin Francia Márquez ist Afro-Kolumbianerin und ehemalige Umweltaktivistin und damit Symbol für eine multiple Inklusion (Frau, Afro, Zivilgesellschaft). Diese Gruppen waren es auch, die den harten Kern der Basis Petros ausmachten.

Kurzer Exkurs: Das Umfeld Kolumbiens

 Das Thema Sicherheit ist mittlerweile in Lateinamerika bei Wahlkämpfen omnipräsent und wird vor allem durch den Präsidenten El Salvadors Nayib Bukele symbolisch aufgeladen. Er ließ Hochsicherheitsgefängnisse bauen und junge Männer ohne Anklage inhaftieren, was zwar die Mordrate tatsächlich drastisch senkte, aber auch dazu führte, dass der Rechtsstaat ausgehöhlt wurde. Dadurch, dass Petro sich mediale Gefechte mit Bukele geliefert hatte, und de la Espriella versprach, Bukeles Politiken zu kopieren, war bei diesem Thema eine Polarisierung vorhersehbar.

Eine zweite Tendenz liegt im Rechtsruck auf dem Kontinent, wobei der Wahlsieg Donald Trumps trotz seiner Lateinamerika abwertenden Töne der Rechten nochmals Auftrieb gab. Vor nicht allzu langer Zeit schien diese in einer Serie von Niederlagen gefangen. Chile (Boric), Brasilien (Lula) und Kolumbien (Petro) waren nur einige der von linken Regierungen geführten Länder. Inzwischen hat sich das Panorama verändert. Donald Trump dient mit seiner MAGA-Bewegung als moralische Stärkung; die ideologische Grundlage war allerdings schon lange davor vorhanden. Evangelikale Gruppen etwa sind in Lateinamerika stark im Vormarsch und stärkten vor allem die Ablehnung von Homosexualität, Abtreibung und „Kommunismus“. Wesentlich in diesem Zusammenhang ist aber auch das Thema Venezuela. Die Regierung Maduro, der Exodus von Millionen Venezolaner:innen in die benachbarten Länder sowie der offensichtliche ökonomische Niedergang Venezuelas dienen als Argumente gegen links.

Abelardo de la Espriella – Presidente

In diesem Kontext war die Polarisierung zwischen links und rechts keine Überraschung.

Cepeda versprach Kontinuität, de la Espriella einen Politikwechsel.

Nicht nur das politische Zentrum rund um Sergio Fajardo (4 %), sondern auch die institutionalisierte Rechte des Centro Democrático mit seiner prominenten Kandidatin Paloma Valencia (7 %) wurden im ersten Wahlgang völlig aufgerieben.

Letztlich war es dann überraschend, dass Cepeda seinen Rückstand im zweiten Wahlgang deutlich reduzieren konnte, da doch Valencia de la Espriella direkt unterstützt hatte. 250.000 Stimmen fehlten ihm aber auf de la Espriella. Das Thema Sicherheit, das er selbst in den Mittelpunkt gestellt hat, wird wohl über die Akzeptanz de la Espriellas bei der Bevölkerung entscheiden. Gerade in einem Land mit einer Geschichte des bewaffneten Konflikts und der Privatisierung von Sicherheit muss beobachtet werden, inwieweit die Zivilgesellschaft nicht selbst (erneut) Opfer von staatlicher Gewalt wird.

Außenpolitisch wird sich Kolumbien an der Seite Donald Trumps positionieren, was sich auch im Beitritt zum „Shield of the Americas“, einer USA-geführten Initiative zur Bekämpfung von Kartellen und illegaler Migration, ausdrücken wird.

Im Wahlkampf trat de la Espriella oft aggressiv, sexistisch und vulgär auf. Diesen Stil wird er angesichts fehlender Unterstützung im Kongress ändern müssen. Die vielfachen Herausforderungen des Landes werden nur durch Allianzen zu bewältigen sein.


Christian Wlaschütz ist Politologe, selbstständiger Organisationsberater und lehrt Internationale Beziehungen. Er arbeitete in Lateinamerika, u. a. 10 Jahre in Kolumbien im Bereich „Peacebuilding“


Titelbild: Der kolumbianische Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella zeigt seinen charakteristischen Wahlkampf-Gruß, begleitet von dem Slogan „Standhaft für das Vaterland“. (Foto: gemeinfrei)

Artikel teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.