Hier habe ich endlich erfahren, was Freiheit heißt

Ein Beispiel für Flüchtlingsbetreuung, wie sie funktionieren kann

In Österreich diskutiert derzeit jeder über Flüchtlinge. Mehr als 16.000 Asylanträge wurden dieses Jahr bereits gestellt und Gemeinden in allen Bundesländern verweigern die Aufnahme aus Angst vor Problemen. Oft mischen sich in die Diskussionen Polemik, rechte Propaganda und Unwissenheit. Eine gefährliche Mischung in einer Debatte, in der es um Menschen geht, die ihre Heimat verlassen mussten und nun nach einer neuen Zukunft suchen. Nur selten gibt es positive Berichte von Flüchtlingsbetreuung und kaum kommen eigentlich jene zu Wort, die es primär betrifft, die AsylwerberInnen selbst.

Auch in Weißenbach am Attersee in der Gemeinde Steinbach mit knapp 850 EinwohnerInnen waren anfangs Proteste zu hören, als das Europacamp in Kooperation mit der Volkshilfe Oberösterreich seine Türen für AsylwerberInnen öffnete. 78 Menschen aus 6 Nationen, alles Männer zwischen 18 und 50 Jahre bekamen für die ersten sieben Wochen eine sichere Unterkunft in der Jugendherberge. Dank der offenen und unvoreingenommenen Herangehensweise der MitarbeiterInnen und viel Unterstützung aus der Bevölkerung wurde dies zu einem positiven Beispiel für alle, wie es funktionieren kann und zu einer unbezahlbaren Erfahrung für alle Beteiligten.

Es waren vor allem die zwischenmenschlichen Erlebnisse, die Gespräche und die gemeinsamen Aktivitäten, die diese sieben Wochen besonders machten. Der Enthusiasmus und Eifer, den die Männer an den Tag legten um Deutsch zu lernen, war einzigartig. Sie bestanden darauf, dass mit ihnen Deutsch gesprochen wird und fragten immer wieder nach Vokabel. In den Pausen und ihrer Freizeit übten sie mit den MitarbeiterInnen. Eine Gästegruppe aus Bayern war überrascht, als sie erfuhren, dass es sich bei den Männern, die sie begrüßten nicht um Angestellte des Europacamps, sondern um AsylwerberInnen handelt. „Ich möchte hier arbeiten, und um eine gute Stelle zu bekommen, muss ich so schnell wie möglich die Sprache beherrschen“, erklärten einige.

Abends, in persönlichen Gesprächen gaben einige einen kleinen Einblick, wie schwer es war, nach Österreich zu kommen. Von Syrien ging es zu Fuß in den Libanon, von dort mit dem Schiff in die Türkei. „Als Kurde musste man dort vorsichtig sein, aber zum Glück spreche ich auch Arabisch. Türkisch habe ich innerhalb von drei Monaten gelernt“, erzählte einer der Bewohner. Drei Monate habe der Student der Medizin für einen Hungerlohn in der Türkei im Krankenhaus als Pfleger gearbeitet, danach gab es endlich eine Möglichkeit zur Überfahrt nach Griechenland. “An den Grenzen, egal ob Flughafen oder auf dem Landweg stehen auch deutsche Grenzbeamte, mit syrischen Pass hast du keine Chance weiter zu kommen, egal wie reich oder arm du bist, das geht nur illegal. Einige sind bei der Überfahrt ertrunken.“ Per Schlepper wurden sie dann zu Fuß über die Berge von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Österreich gebracht. Dauer der Reise 15 Tage, es gab aber auch Gruppen die 40 Tage und länger brauchten. 3.500,- Euro verlangte der Schlepper pro Person und nochmals 2.000,- Euro für Verpflegung. Oft schliefen sie ohne Schutz im Wald, denn sie durften nur abseits der großen Straßen gehen um nicht entdeckt zu werden. Tagelang waren sie ohne Wasser oder Nahrung unterwegs bis sie schließlich in Österreich ankamen. Auf die Frage warum, sie sich das angetan haben, antworteten sie: „Alles ist zerstört, wenn du der falschen Gruppe angehörst, wirst du auf der Straße erschossen.“ Vor allem aber, wollen sie nicht im Krieg kämpfen, für keine der Seiten. Die ganze Familie hatte zusammengelegt, Häuser und Besitz wurde verkauft, nur um zumindest einem die Möglichkeit zu geben, dort raus zu kommen und sich etwas aufzubauen.

Nach der anfänglichen Skepsis in der einheimischen Bevölkerung wandelte sich auch die Einstellung der Menschen von Angst in Solidarität. Nichts Schlimmes ist passiert, es sind ganz normale Menschen, die nach Österreich kommen, um der furchtbaren Realität in ihrer Heimat zu entfliehen. Es wurden Spendensammlungen organisiert, denn vor allem Jacken und gute Schuhe wurden gebraucht. Bergwanderungen, Ausflüge und gemeinsame Einkäufe wurden von den MitarbeiterInnen des Europacamps organisiert. Ein Gastwirt aus Unterach brachte regelmäßig Lebensmittel, die er nach der wetterbedingt schlechten Saison nicht mehr benötigte. Gruppen aus der Umgebung organisierten einen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen, setzten sich mit den Männern zusammen und plauderten. Zum islamischen Opferfest spendete ein Landwirt ein Schaf, das von allen gemeinsam zu ihren jeweiligen traditionellen Gerichten zubereitet wurde. Es wurde ein unvergessliches gemeinsames multikulturelles Fest. Zum Abschluss gab es für alle noch eine Atterseerundfahrt, ebenfalls gespendet. Internet, Kontakt mit ihren Familien, Fußball, Tischtennis und Tischfußball sind nicht genug, um 24 Stunden zu überbrücken und das täglich ohne zu wissen, wann und ob der Asylantrag nun bewilligt wird, daher waren die Aktionen willkommene Abwechslungen.

Das schlimmste ist das Nichtstun und die Unsicherheit. Die österreichische Gesetzgebung versperrt AsylwerberInnen im Moment den freien Zugang zum Arbeitsmarkt – lediglich als ErntehelferInnen oder im saisonalen Gewerbe kann für einen Hungerlohn eine Tätigkeit verrichtet werden. Dieser Zustand ist für fast alle kaum tragbar. In den ersten Tagen am Camp kamen täglich Menschen und fragten nach Arbeit, sie sind nicht hier her gekommen um den ganzen Tag herumzusitzen und zu warten. Je länger sich diese Warterei hinzieht, je mehr schlägt diese Situation auch auf die Psyche. Einer der Syrer meinte eines Abends: „Was soll das hier? Ich habe mein Haus verkauft, meine Familie verlassen, bin auf dem Weg hierher tagelang bei schlechtester Witterung durch die Berge gelaufen und habe mehr als eine Woche in einem serbischen Gefängnis verbracht, weil ich illegal eingereist bin und jetzt werde ich hier dazu verdonnert nichts zu tun? Ich will arbeiten, ich bin Tischler, ich will arbeiten, mir eine Familie aufbauen und was übrig ist nach Hause schicken zur Unterstützung und nicht irgendwem auf der Tasche liegen. Wir alle haben viel Geld gezahlt, um hierher zu kommen, das haben wir nicht aus Spaß gemacht“. Es wäre ein Einfaches den Arbeitsmarkt zu öffnen. Die meisten der Flüchtlinge haben gute Ausbildungen und die derzeitige Situation drängt österreichweit viele in den informellen Sektor. Alleine die Steuerersparnisse die sich viele Unternehmen durch diese Regelung leisten wird vom Verein „Asyl in Not“ auf ca. 65 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Trotz 78 unterschiedlicher Geschichten und Schicksale, sah man täglich die Gemeinschaft und Zusammenarbeit wachsen. Anfangs noch mit Vorbehalten untereinander, wurde am Ende gemeinsam Fußball gespielt, gekocht, gewandert und gefeiert. Alle halfen mit im Europacamp, sei es beim Putzen, bei der Essensausgabe oder beim Abwasch. „Hier habe ich endlich erfahren, was Freiheit heißt“, meinte ein Asylwerber aus Somalia und bedankte sich für die herzliche Aufnahme in Österreich. „Vor allem für die Sozialistische Jugend als Eigentümerin des Europacamps war dies eine selbstverständliche Maßnahme im Sinne von Solidarität und Menschlichkeit in dieser aufgeheizten Debatte um AsylwerberInnen und kein Akt der „Nächstenliebe“. Österreich als Mitglied der EU spielt in all den Konflikten, die Menschen zwingt ihre Heimat zu verlassen eine Mittäterrolle. Wir kaufen das Öl der IS, wir unterstützen indirekt Kriegseinsätze und beuten die Menschen in Afrika aus, daher ist es notwendig und eine Verpflichtung, die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen und diesen Menschen eine neue Heimat zu bieten. Kein Mensch ist illegal, dies sollte nicht nur ein Slogan sein, denn jeder hat das Recht dort zu leben wo er oder sie will, daher muss Österreich seine Verantwortung übernehmen und als eines der reichsten Länder der Welt, diesen Menschen eine neue Zukunft bieten“, betonte Siegfried Steiner, Geschäftsführer des Europacamps.

Text und Fotos: Cornelia Broos

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