Aufgewärmtes muss nicht fad schmecken

Rezension der Neuübersetzung von Frans Eemil Sillanpääs „Frommes Elend“.

Sillanpäää_Geburtshaus (Foto:Petritap)Im vergangenen Jahr war Finnland Gastland der Frankfurter Buchmesse. Naturgemäß gingen damit auch zahlreiche Erstübersetzungen aus dem Finnischen einher, die Absatz auf dem deutschsprachigen Buchmarkt finden sollten. Der kurze Hype an finnischer Literatur brachte einiges Erfrischendes – wenngleich wenig Bleibendes – und die Neuübersetzung eines ganz großen Romans: Frans Eemil Sillanpääs „Frommes Elend“.

„Frommes Elend“ handelt vom Leben des Bauernsohnes Toivola-Jussi, von seiner Mutter, der ehemaligen Magd, die sich im Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg einem Säufer (aber Hofbesitzer) zur Frau gibt, und von seinen Kindern, deren Schicksal schon vor ihrer Geburt vorgezeichnet scheint. Über all dem schwebt stetig das Bemühen, sich eine halbwegs menschenwürdige Existenz aufzubauen. Der Toivola-Jussi scheitert, muss daran scheitern. Eine Cinderella-Story spielt eben bestenfalls in Hollywood, aber nicht am finnischen Land des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Frans Eemil SillanpääSillanpää erzählt den 1919 erstmals veröffentlichten Roman dabei in einem geradezu modernen Stil. Tempuswechsel zwischen Präteritum und Präsens und teils lyrisch anmutende Exkurse, die einem die Weltsicht der damaligen LandarbeiterInnen näher bringen, machen die Lektüre erstaunlich kurzweilig. Dazu trägt auch bei, dass „Frommes Elend“ ein naturalistisches Werk im besten Sinne ist. Leid und Elend der Landbevölkerung werden vom späteren Literaturnobelpreisträger (1939) weder inszeniert, noch als Hebel der Geschichte eingesetzt, sondern schlicht und fast schon dokumentarisch als gesellschaftliche Realität wiedergegeben.

In diesem Sinne sind auch Tiefe und Ironie, die sich in einem der Kernzitate des Romans wiederfinden, zu verstehen:

(Keine Angst, kein Spoiler! Schon auf Seite 7 erfahren wir, dass es mit dem Toivola-Jussi nicht gut ausgehen wird.)

„Der Feldjäger hat Jussi irgendwo in einer klaren Nacht einmal erschossen. Das passierte bestimmt ganz nebenbei, weil er damals überhaupt nicht bemerkte, was für ein bedeutender Mann Jussi in Wirklichkeit war.“

Eines ist Sillanpääs Protagonist nämlich zu keiner Zeit: ein bedeutender Mann. Zumindest nicht unter heutigen Kriterien eines postmodernen Individualismus. Jeder Versuch des Aufstiegs misslingt ihm, auch ist der Toivola-Jussi keine Erscheinung, mit der man sich identifiziert – ein überhöhtes Maß an Sympathie wird man ihm beim Lesen kaum entgegenbringen, eher schon Mitleid. Kaum reicht es zum Antihelden. Bedeutend ist Jussi aber als paradigmatische Figur seiner Schicht, der mittellosen LandarbeiterInnen um die Jahrhundertwende, der seiner Determiniertheit weder als Holzarbeiter oder Kätner, noch als Kämpfer für die Sache der ArbeiterInnen im Finnischen Bürgerkrieg entfliehen kann und schließlich als Bauernopfer im wahrsten Sinne des Wortes endet.

Fast 100 Jahre ist es her, seit „Frommes Elend“ das erste Mal erschien. Dank der Neuübersetzung kommt der Roman aber nicht nur sprachlich aktuell daher, auch die Thematik lässt in Zeiten von unbezahlten Praktika und Teilzeitjobstress darüber nachdenken, ob der Weg der Menschheit hin zum schönen Leben nicht doch ein wenig ins Stocken geraten ist.

Text: Alexander Melinz
Fotos: Petritap bzw. gemeinfrei

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