Wie Tom Johanna und Hans-Jörg half

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 26]

8668843978_ba80f245db_zViele sehnen sich nach dem Sommer, wenn es kalt und eisig ist. Und wenn es heiß ist, wenn der laufende Monat der heißeste der Messgeschichte werden könnte, wenn bereits der Vormonat der heißeste seit 1880 war, dann bringt das Fernsehen die Weihnachtsfolgen der Quotenknüller. Da rollte die erste Hitzewelle, hier „rollt die nächste Hitzewelle an“, dort auch. Mal ebbt sie ab – „aber wir schwitzen weiter“.

Zu allem Überfluss heizt uns auch noch ein Mime von Weltrang ein. Die Stadt leidet am „Cruise-Fieber“! Das Fieber ist gar eine Manie! Hollywood in Wien! Das ist sogar für den Star der „eleganteste Abend seines Lebens“. Superlative wie Hitzewellen. Die Meute: aus dem Häuschen, genau wie die Kurier-Redakteurin. Im ORF tragen ein paar peinliche Fans die Titelmelodie der Mission Impossible-Reihe vor. Wenn ein historisches Abkommen im Palais Coburg geschlossen wird, ist nur die Journaille vor Ort. Wenn Tom Cruise dort absteigt, ist der Vorplatz voll, die Masse umso glücklicher, denn er „schwärmt von Wien“. PULS4 bringt an drei Tagen gut zwei Dutzend Meldungen rund um die Weltpremiere. Zwei Dutzend! Und dann macht er auch noch alles selbst, der alte Sack! Da kann Daniel Craig sein Tiroler Modellflugzeug einpacken.

Nach den Ampelpärchen macht endlich wieder ein richtiger Kerl Werbung für Wien. Toll, oder? Fehlen nur noch „Ich will ein Kind von dir“-Pappschilder.


Kritik

Da ist es schon echt ironisch, dass Wolfgang Fellner den Aufklärer macht. Drei Tage lang – Mittwoch, Donnerstag und Freitag – zehrte seine Gratisgazette wie die meisten anderen vom Wien-Besuch von Cruise und Konsorten. Schließlich titelt er auf Seite vier: „Absurde Show für Scientology-Propagandisten“. Fellner regt sich darüber auf, dass (SPOILER!) „’unser‘ Kanzler“ im neuen Ethan-Hunt-Film abgemurkst wird. Wirklich witzig ist dann sein Plädoyer für den Pluralismus: „Österreich muss sich der weltweiten Medienindustrie viel stärker öffnen. Dort, im digitalen Medien-Business, liegt das Wachstum der Zukunft.“

Ihn störe nicht die Sperre der Ringstraße, sondern – siehe Titel – die Scientology-Mitgliedschaft von Tom Cruise. Das führt zur absurden Einschätzung, der Schauspieler könnte daheim aufgrund der Mitgliedschaft „so eine Filmpremiere nicht mehr inszenieren.“


Fakten

Das ist Topfen. Denn Herr Cruise ist laut einem Artikel von 2003 bereits seit 1986 Mitglied der weltweit operierenden Sekte. Im selben Jahr feierte er mit Top Gun seinen Durchbruch. Darauf folgten andere Kassenschlager wie Rain Man (1988) und Die Firma (1993). Zuletzt feierte Oblivion seine Premiere 2013 in Los Angeles. Man kann und muss Scientology und seine Jünger wie Prediger kritisieren. Dann aber richtig.

Trotz alledem hallt das Fieber nach, womit Tom Cruise gleich zwei Leuten Schützenhilfe leistete. Wer dennoch Johanna Mikl-Leitners dumme und menschenfeindliche Ansage mitbekam, war entweder zu erfreut oder schockiert, um Hans-Jörg Schellings sozialdarwinistische Äußerungen im STANDARD zu notieren.


Beitragsbild: Tony WebsterScientology Under Siege / Tom Cruise’s Cult (Lizenz: CC BY 2.0). Das Foto zeigt einen lesenden Aktivisten bei einer Anonymous-Demo gegen Scientology in Minneapolis 2008.

Foto: Darren ForemanScientology (Lizenz: CC BY 2.0). Es zeigt ein Anti-Scientology-Plakat in London 2013. Kritik wird ironisch durch positive Begriffe ersetzt, was sie zu einer Pseudowerbung für die Sekte macht.

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