Akadämlich

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 38]Wahlrecht_-_Das_Illustrierte_Blatt_-_Januar_1919

ORF-Debakel bei der Wien-Wahl“; „Wien-Wahl: Meinungsforscher als große Verlierer?“; „SORA erklärt ‚Prognosefehler‘ bei Wahl-Poll“. So oder ähnlich lauteten am Montag die Schlagzeilen zum Urnengang vom Vortag. Damit machen es sich die Leitmedien aber zu einfach. Alle nutzten sie Meinungsumfragen durch die Bank, um Stimmung zu machen, nicht einzufangen. Manche Umfrage wurde gleich doppelt genutzt, um ein Duell zu konstruieren. Manche Schreibstube wollte so Heinz-Christian Strache krönen, die meisten anderen stürzen. Thronanwärter Strache duellierte sich gerne – freilich nicht mit Beate Meinl-Reisinger von den NEOS, die ihn schon im Juli herausforderte.

Christoph Zotters Häme gegen die Wahlumfrage war die gescheiteste. Er kritisierte auf NZZ.at nicht direkt das Werkzeug, sondern den Umgang des ORF mit ihm. Medien sollten eigentlich in der Lage sein, die Logik hinter Umfragen und statistischen Schwankungen zu erklären. Derart wäre die Kritik begründet, stichhaltig gar. Doch dies ist schwieriger, als die Forschung niederzumachen. Dafür müsste man ja ins Detail gehen.

Das heißt nicht, dass die Meinungsforschungs-Branche ohne Fehler ist. Sie konterte die medialen Attacken jedoch mehr schlecht als recht. Manche Institute prügelten lieber auf die Konkurrenz ein, anstatt sich zu erklären. Das wiederum bot der Journaille eine Steilvorlage für Spott. Der Fachidiotie fehlte rasch das Fach: von der Forscherin bis zum Redakteur haben fast alle dämlich gehandelt, nicht akademisch. Hier bietet sich ein neues Wort an: akadämlich.

Am Wochenende war dann alles wieder vergessen: statt Hohn erwachte neuerlich uneingeschränkter Glaube. Die Oberösterreichischen Nachrichten zitierten etwa eine Studie „zu Reizthemen“. Demnach befänden 86 Prozent der 1006 Befragten, „es solle stärkere Spielregeln für Zuwanderer geben“. Und Die Presse ließ eine Wählerstromanalyse unhinterfragt. AkademikerInnen seien „Die untypischen Wähler der FPÖ“. Dabei sind AkademikerInnen für die Blauen alles andere als untypisch, wenngleich ungewohnt akadämlich. Ganz zu schweigen davon, dass sie keine „soziale Heimatpartei“ sind, noch „niemanden“ ausgrenzen. So ergeben Berechnungen, die auf Informationen der Homepage des FPÖ-Klubs und des Parlaments basieren, folgendes Bild: 17 von 38 Nationalratsabgeordneten (oder 44,74 Prozent) haben mindestens ein Studium abgeschlossen. Die Freiheitlichen sind also ein elitärer Haufen. Doch gusch! Das muss ja niemanden interessieren, jetzt, da dieser wundervoll oberflächliche Wahlkampf aus ist. Was gäbe es auch schon wichtiges zu besprechen? Jobs? Öffis?

Nun, da wäre etwa das geplante Staatsschutzgesetz (PStSG). Es wird in der Öffentlichkeit momentan kaum thematisiert, wenngleich Spartenmedien berichten. KritikerInnen sehen nicht nur die Rückkehr der Vorratsdatenspeicherung nach Österreich, sondern auch eine Aufweichung des Redaktionsgeheimnisses und die Gefährdung anderer Menschenrechte. Gegen das PStSG weht sich insbesondere der AKVorrat mit einer Petition.

Beitragsbild: William StarkeyElection Campaigning (Lizenz: CC BY SA 2.0)

Bild oben: wikipediaDas illustrierte Blatt (Lizenz: Public Domain)

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