Tschernobyl ist unsexy

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 66]

4074984146_26f5138c49_bZehn Jahre Dancing Stars und GNTM, 100 Jahre Franz Josef: Das sind Daten scheinbarer Katastrophen, die der veröffentlichten Meinung nach eines ausgiebigen Gedenkens würdig sind. Bei den Formaten erklärt sich der Erfolg von selbst. Der Sex Appeal des toten Despoten ist von den Teutonen bis Tokio seit 1955 durch Böhm und Schneider geprägt. Fakten über den toten Pepi werden mancherorts menschelnd verbrämt. Jubiläen müssen sexy sein, um latent aktuell zu bleiben. Echte Katastrophen jedoch haben eine geringe Halbwertszeit, wie das Fernsehprogramm zeigt. Denkt wer hierzulande daran, dass wir noch Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende mit den Folgen von Atommüll, Fukushima und Tschernobyl leben müssen? Eben, der 1986 havarierte Meiler ist unsexy.

Am Dienstag machte tele (S.31) darauf aufmerksam, dass gerade mal vier Sender im deutschsprachigen Raum zur Primetime ihr Programm auf den Jahrestag des GAUs abstimmten. Universum zeigte eine deutsche Doku aus dem Jahre 2015, arte drei neue Info-Produktionen, 3sat eine und RTLII einen Spielfilm sowie eine Doku. PULS4 erwähnte das Unglück im Morgenmagazin und Nachrichtenüberblick, ServusTV in seinem journal um halb sieben. Für Mittwoch kürzte sich das Weltjournal einen arte-Film von 2013 zusammen, gefolgt von einem sehenswerten Film über Pensionistinnen, die in der Todeszone leben und kerngesund sind. Im Weltjournal geht es um das Schicksal von Arbeitern in AKW-Ruinen beiderseits des Eisernen Vorhangs. All das ist reichlich mager. Fairerweise sei erwähnt, dass darüber hinaus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Infoformate die ganze vergangene Woche ausgestrahlt wurden. Noch besser waren Web- wie Printmedien aufgestellt.

25764887914_77ae7e8318_kAm Gedenktag erschien auf den Seiten des ORF eine fundierte Werkschau zeitgenössischer Beiträge, in denen etwa die Informationspolitik Moskaus, Messungen in Skandinavien und beruhigende Expertisen aus dem Inland Thema waren. Krone.at berichtete erwartbar reißerisch, NEWS veröffentlichte eine REUTERS-Fotostrecke aus Pripyat. Der Standard, welcher dem Unglück bereits vor zwei Wochen zwei Seiten Reportage widmete, geizte auch nicht mit Features wie diesem. Überraschend gelungen – da eigentlich nicht Kernthema des Magazins – ist ein aus Agenturmeldungen zusammengebauter Online-Artikel im trend. Dieser enthält eine anschauliche Hintergrundgrafik zu gefährlichen AKW in ganz Europa. Die Karte wurde von GLOBAL 2000 zusammengestellt.

Die NGO hilft seit Jahren Kindern und Jugendlichen, die an den Folgen des GAUs von 1986 leiden. Das ist bitter nötig: Zehntausende sind seither gestorben und Schätzungen gehen von 40.000 Toten mehr in naher Zukunft aus. Allein die aktuelle Kampagne Glatze oder Spende wirkt sinnfrei aktionistisch. Sie erinnert an die Ice Bucket Challenge. Es ist bei ordentlichem Haarwuchs und guter Gesundheit eben nicht mutig, sich anstelle einer Spende für krebskranke Kinder den Schädel zu rasieren. Hier wirklich zu helfen muss eine solidarische Selbstverständlichkeit sein.

Fotos: Kyle TaylorChernobyl – 271.

EngylesPripyat school cafeteria (Lizenz: Beide CC BY 2.0).

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