Sonntag ist Büchertag (16)

implex„Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee“ (Dietmar Dath & Barbara Kirchner)
vorgestellt von Robert Krotzer

Weil ich unlängst mit den Studierenden meiner Lehrveranstaltung „Schule. Macht. Herrschaft.“ eine recht spannende Diskussion darüber hatte, ob zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen und die Liebe im Speziellen unter kapitalistischen Bedingungen die einzigen Bereiche sein können, die ohne Macht und Herrschaft auskommen könn(t)en, hab ich mich an das kluge Buch von Dietmar Dath und Barbara Kirchner namens „Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee“ erinnert. Und daran, dass dort neben vielen anderen klugen Dingen auch mitunter die klügsten Sätze stehen, die über die Liebe geschrieben worden sind. Die Sätze liefere ich untenstehend nach, davor noch ein paar Worte zu „Der Implex“, das die marxistische Naturwissenschafterin Barbara Kirchner und der bekennende Leninist Dietmar Dath gemeinsam verfasst haben. Auf über 800 Seiten lassen sie unter originellen Kapitelüberschriften wie „Hippies im Mietrückstand“, „Untaten in Unstaaten“ oder „Kritische Kunstspießer und eine Fabrik namens Dickens“ kein Thema aus und beschäftigen sich neben der Liebe mit (Lohn-)Arbeit, Krieg und Frieden, Naturwissenschaft, Kunst, Kultur, Science-Fiction, Literatur, Rechtswissenschaft, der Postmoderne und selbst die „antideutsche“ Strömung kriegt in einem eigenen Kapitel eine ordentliche Breitseite ab. Einende Klammer ist dabei die Frage, wie technische Entwicklung und sozialer Fortschritt miteinander verbunden werden können und durch die Überwindung von Kapitalismus und Imperialismus in den Dienst der Menschen gesetzt werden können. Oder, mit Karl Marx gesprochen, „…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Und nun zu den versprochenen klugen Sätzen über die Liebe:

„Oh l’amour
I. Hippies im Mietrückstand

Nichts ängstigt schlimmer, nicht stiftet mehr Hoffnung als die Liebe. Ohne sie will man nicht sein. Aber wie soll das gehen: mit Liebe, in Liebe? Du machst etwas anderes als ich, aber keiner von uns beiden ist der Boss oder la reine. Soll nicht einmal Liebe das sein, was endlich alles ändern würde: Das Zusammenleben von Leuten ohne Macht übereinander?
[…]
Die Frage, ob Liebe im empathischen Sinn überhaupt möglich ist, wo Leute Miete zahlen müssen und Objekte von Kriegen sind, ist keine dumme. Daß Liebe nicht nur als poetisches Bild, sondern als konkrete Praxis und Hexis lebendiger Menschen ein herrschaftsbrechendes, Entfremdung aufhebendes soziales Wunder ist, ohne das man nicht leben möchte, hat als epipanische Urerleuchtung nicht nur in Kunstwerken, in denen Individuen mit der etablierten Gesellschaft um der Liebe willen Kämpfe ausfechten und mal unterliegen, mal siegen, sondern auch in der öffentlichen Wirklichkeit unverächtliche Widerstandsformen gegen die Zug- und Druckkräfte von Vermassung und Vereinzelung, Verkümmerung öffentlichen Lebens und privater Vereinzelung genährt.
[…]
Kälte, Hörigkeit, Sprachlosigkeit, Unfähigkeit zur gegenseitigen Wertschätzung aus heimlicher Selbstverachtung, Achtlosigkeit, Grausamkeit, Scheußlichkeit, Verdruckstheit, Vorteilsnahme – das sind unpolitische Schattenseiten der Liebe, die von politischen mächtige Nahrung erhalten können, aber Glück, Nähe, gegenseitige Hilfe, Gerechtigkeit, wirkliche Kommunikation und Schönheit sind das, was man in der Liebe findet und suchen sollte.“

PS: Die Zwischenüberschrift „Hippies im Mietrückstand“ bezieht sich im Übrigen auf einen Kommentar von Mick Jagger, der über „All you need is love“ von den Beatles gesagt haben soll: „Und wie soll ich meine Scheiß-Miete davon bezahlen?“.

Bisher:

Foto: suhrkamp.de ; Titelbild: Ich liebe die Liebe 9/366 (Dennis Skley ; Lizenz: CC BY-ND 2.0)

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1 Kommentar

  1. Der Kommentar zu „All you need is love “ stammt zwar von einem Mitglied der Stones, aber nicht von Mick Jagger, sondern von Keith Richards. Etwas mehr Exaktheit hat sich dieses wertvolle Werk von Dietmar Dath & Barbara Kirchner schon verdient, zumal es sich hierbei um eine – keineswegs im negativen Sinne – der leichter verdaulichen Stellen handelt.

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