Muhammad Ali (1942-2016)

Ali_fistEin etwas anderer Nachruf auf einen bemerkenswerten Mann

Von Tibor Zenker

Geboren am 17. Januar 1942 in Louisville, Kentucky, wurde Muhammad Ali auf den Namen Cassius Marcellus Clay getauft. So hieß schon Alis Vater – und das nicht zufällig, denn auch der wurde bereits nach einer einst recht bekannten Persönlichkeit benannt: Der historische Namenspatron Cassius Marcellus Clay (1810-1903) war ein – natürlich weißer – republikanischer Politiker, ebenfalls aus Kentucky stammend, und ein verdienter Vorkämpfer für die Abschaffung der Sklaverei in den USA.

Muhammad Ali legte seinen Geburtsnamen, unter dem er 1960 in Rom als moderner Gladiator Box-Olympiasieger im Halbschwergewicht geworden war, 1964 ab. Er sei sein „Sklavenname“ – und nicht der Name eines freien Mannes. Tatsächlich ist es so, dass die meisten afrikanischstämmigen Sklaven in den USA willkürliche Namen verpasst bekamen: Nach dem (ehemaligen) Eigentümer (d.h. Sklavenhalter), nach dem Ort der Sklavenarbeit, nach Art der Sklavenarbeit, nach einem angeblich passenden Merkmal der Person etc. – Freigelassene bzw. befreite Afroamerikaner wählten oft neue Namen, nach einem historischen Vorbild (z.B. Washington) oder nach der neuen Selbstbeschreibung (z.B. Freeman). Ali, der richtig erkannt hatte, dass die Afroamerikaner auch in den 1960er Jahren, beinahe 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, noch von den Weißen massiv unterdrückt wurden, entschied sich für einen radikalen Bruch, der seiner religösen Überzeugung entsprach: Er übernahm seinen ersten Namensteil vom Propheten, den zweiten von dessen Schwiegersohn und Cousin. Ein damals berühmter – und umstrittener – politischer Mentor Alis, ein gewisser Malcolm Little, ersetzte seinen Nachnamen einfach durch ein großes X.

Gleichzeitig bekannte sich der zuvor baptistische Christ Ali nun ganz offiziell zur Bewegung „Nation of Islam“ („Black Muslims“). Diese ist, gelinde gesagt, zwiespältig zu sehen. Der radikale Kampf für die vollständige Befreiung der Afroamerikaner, der höchst notwendig war, erfuhr in dieser Bewegung eine religiös-idealistische Grundlage, die mehr Esoterik als Islam beinhaltete, er wurde z.T. von einem gewendeten, weißen- und judenfeindlichen Rassismus inspiriert und orientierte auf eine separatistische Lösung, also eine staatlich-geografische Trennung weißer und schwarzer Amerikaner. Malcolm X hat diesen Irrweg später erkannt, diese Erkenntnis aber nicht überlebt – indirekt beförderte dies jedoch den Aufstieg der revolutionären „Black Panther Party“ als tauglicherer Variante des Befreiungskampfes. Muhammad Ali trennte sich 1974 endgültig von der „Nation of Islam“, nachdem er bereits 1969 formell ausgeschlossen worden war, und war fortan sunnitischer Muslim im Rahmen anerkannter Strukturen.

Ali bereute es öffentlich, beim Bruch zwischen Elijah Muhammads „Nation of Islam“ und Malcolm X 1964 nicht zu letzterem gestanden zu haben, wie er generell die Anschauungen der „Black Muslim“-Bewegung in der Praxis ohnedies unterlief, in weiterer Folge zunehmend in Zweifel zog und schließlich ablehnte. Ali meinte einmal, er habe ja lediglich behauptet „the greatest“ zu sein, nicht „the smartest“. Tatsächlich dürfte Elijah Muhammad zumindest zwischenzeitlich doch erheblichen Einfluss auf den – zwangsläufig – wenig gebildeten und aufgrund eines zu niedrigen IQ-Wertes zunächst von der US-Army als militärisch „untauglich“ eingestuften Ali gehabt haben. Ali selbst räumte diesbezüglich später eine Fehlorientierung seinerseits ein.

Dennoch führten ihn diese Verbindungen über seine eigenen persönlichen und nationalen Unterdrückungserfahrungen und -erkenntnisse hinaus: Die Kriegsdienstverweigerung 1967 (die Armee hatte die IQ-Anforderungen inzwischen gesenkt) war wohl begründet. Ali lehnte es ab, für den weißen, westlichen Imperialismus in Asien zu töten. Er lehnte es ab, gegen das vietnamesische Volk ins Feld zu ziehen, das selbst unterdrückt war und für die eigene Befreiung kämpfte. Dies kostete Ali seinen Weltmeistertitel und die wohl besten Jahre seiner aktiven Zeit als Profiboxer, die somit schlichtweg nicht stattfanden. In den drei Jahren bis 1970, als Ali wieder boxen durfte, wurde er in den USA zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung und der Antikriegsbewegung, global gesehen auch der Entkolonialisierungsbewegung. 1971 hob der Oberste Gerichtshof als letzte Instanz die fünfjährige Gefängnisstrafe über Ali, die 1967 in einem Schnellverfahren binnen 20 Minuten verhängt worden war, endgültig auf. Ein großer Sieg, der es wert war, zu kämpfen.

Fidel Castro jokes with Muhammad Ali as Teofilo Stevenson looks on. Havana, Cuba, 1996
Fidel Castro scherzt mit Muhammad Ali und Teófilo Stevenson in Havanna, 1996

Ali war oft (aber keineswegs immer) unbequem für das US-amerikanische Establishment, v.a. für dessen rechten Teil, und dies mitunter in bekannt provokanter Weise. Er begleitete, der Blockade zum Trotz, eine große Hilfslieferung nach Kuba und umarmte Fidel Castro. Er unterstützte Nelson Mandela. Er forderte die Akzeptanz des Islam in den USA, erklärte den Unterschied zum „Islamismus“. Und zuletzt, bereits schwer krank, wandte er sich noch entschieden gegen Donald Trump. – Nur ein paar Schlaglichter.

Ali hat die mächtigsten Politiker der Welt herausgefordert, die größte Militärmaschinerie und eine gigantische Medien- und Meinungsindustrie. Ali ist unbeirrbar für Gerechtigkeit und Frieden eingetreten, als Diskriminierung und Krieg auf der staatlichen und weltpolitischen Agenda standen. Ali hat sich weder kaufen noch brechen lassen, niemals hätte er aufgegeben, sondern er stand zu seinen Meinungen und Überzeugungen, selbst auf die Gefahr hin, alles bereits Errungene zu verlieren. Ali stand für Unbeugsamkeit, Aufbegehren, Selbstsicherheit, Selbstbestimmung und Siegeswillen. Damit hat er schließlich alles gewonnen. Damit ist er ein Vorbild für alle Unterdrückten, für alle, die für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten.

Ein bemerkenswerter Mann ist am 3. Juni 2016 in Scottsdale, Arizona, gestorben.

Ach ja, noch etwas! Muhammad Ali war 1964-1978 dreimal Weltmeister im Schwergewicht und zweifellos der größte Boxer aller Zeiten. Sorry, beinahe wäre das jetzt unter den Tisch gefallen.

 

Fotos: youtube.com; cubadebate.cu; Titelbild: Muhammad Ali, 1966 (Lizenz: CC BY-SA 3.0 NL)

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