Was ist das für 1 Sprache?

Von Anna Muhr

lol_roflIch geb’s eh zu: Ich habe nie Shakespeare gelesen. Nicht freiwillig jedenfalls. Goethe, Hesse und die meisten anderen Klassiker finde ich auch langweilig. Trotzdem habe ich großen Respekt vor der Leistung der genannten Herren im Dienste der Sprachentwicklung. Ich liebe Sprache und alles, was man damit anstellen kann. Lyrik, Prosa, Songtexte, Wortwitze, Dialektworte, Jugendsprache, von mir aus dadaistische Lautmalerei…wundervoll.

Zur Kultur wird Sprache in der Regel dann, wenn sie schriftlich festgehalten wird und man sie auch Jahrhunderte später noch lesen kann.

Schauen wir uns also kurz an, was es in der modernen Zeit in den Sphären der populären Kultur bisher an spannenden Sprachentwicklungen gab: J.R.R. Tolkien hat nicht nur gefühlte 100.000 Seiten über Hobbits, Zwerge und Zauberwesen geschrieben, er hat sich ganz nebenbei noch eine eigene Sprache für seine Elben einfallen lassen. Gleiches gilt für den Sprachwissenschaftler Marc Okrand, der in den 80ern für Star Trek das Klingonische entwickelt hat. George Orwell dachte sich für den Roman „1984“ die Kunstsprache „Neusprech“ aus.

Das waren nur ein paar Beispiele, die zeigen, mit wieviel intellektuellem Aufwand solche Sprachspielereien früher einhergingen.

Jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es das Internet.

Über Anglizismen und Akronyme à la „lol“ oder „rofl“ will ich an dieser Stelle gar nichts mehr sagen. Die sind längst total veraltet. Und Emojis schicken eigentlich nur noch meine Eltern im Familien-Chat auf WhatsApp.

Viel interessanter ist der Netzsprech, der sich über Facebook-Profile wie Nachdenkliche Sprüche mit Bilder und Was ist das für 1 Life? oder Twitter-Accounts wie @smoothandboring und dem des Wiener Rappers Money Boy (@YSLPlug) wie ein Lauffeuer unter den nativen Digitalen verbreitet hat. Um eine neue Sprache zu schaffen, muss man sich nämlich nicht mehr in einem langwierigen Prozess eine neue Sprache ausdenken. Man nimmt einfach die, die es schon gibt, und macht sie ein bisschen kaputt.

Für alle zum Mitschreiben – so funktioniert’s: Die Ziffer 1 wird benutzt, wann immer es geht. Nicht nur für das Wort „eins“ als Mengenangabe, sondern auch für den unbestimmten Artikel „ein/eine/einer“. Überhaupt kann man die 1 immer irgendwo unterbringen, notfalls als Ausrufezeichen am Ende einer ironischen Empörung („Lügenpresse !!1!11!!!“). Konjugiert wird prinzipiell falsch, um korrekte Beugung muss sich auch keiner Gedanken machen. Buchstabendreher sind Pflicht, nicht nur für Legastheniker. Sonstige Rechtschreibfehler werden nach dem Prinzip „je mehr, desto mehr“ drübergestreut.

Man kennt diese Art von Sprache aus dem Höllenschlund der Kommentarspalten in Foren oder auf Facebook-Seiten, in gesprochener Form vielleicht aus RTL2 Formaten wie „Frauentausch“ oder „Schwiegertochter gesucht“. Dazu gemischt haben sich ein bisschen Google Translate und die auf Twitter übliche Praxis der Verkürzung. Die Ziffer 1 braucht halt einfach weniger Platz als das geschriebene Wort.

Der heavy Twitterer Money Boy ist es übrigens auch, auf den man sich mangels konkret nachweisbarer Ursprünge als den Initiator der hippen Anti-Grammatik geeinigt hat.

In einem Email Statement hat er dem Jetzt Magazin der SZ auf die Frage nach dem Warum und Woher seiner sprachlichen Eigenheiten einmal geantwortet:

„Gibt keine Hintergründe (…) ausser die Sprache immer fresh und neu und different zu keepen.“

Eh ein feines Ansinnen vom Boy eigentlich. Und lustig ist es ja auch.

Ich gehöre selbst zu denen, die sich täglich kaputtlachen über diese Facebook Postings. Einige meiner Freunde schicken mir prinzipiell nur noch Nachrichten mit absichtlichen Fehlern und Ziffern an Stellen, wo sie nicht hingehören. Und ich habe sogar kurz überlegt, ob ich mir die Google Chrome Extension holen soll, mit der in Zukunft auch mein Browser konsequent die 1 statt des Artikels benutzt.

Ich bin also durchaus bereit, den Unterhaltungswert dieses Trends zu würdigen. Aber der Kulturpessimist in mir fragt sich dann halt doch das eine oder andere Mal: Von Shakespeare zu Money Boy – gehen uns da nicht langsam aber sicher ein paar Hirnzellen und über die Jahrhunderte mühsam erworbene Sprach- und Abstraktionsfähigkeiten verloren?

Ich mus diesen Frage vong Atnwort her nicht wissen weil ich bim nicht 1 Linguist noch 1 Neurowisensschaflter. Was ist das für 1 Glück!?!!

Und man könnte es schließlich auch so sehen: Die gesamte digitale Welt besteht im Grunde aus Binärcodes, aus 1 und 0 also. Die 1 drängt sich jetzt langsam an die sichtbare Oberfläche des Internets und wird vielleicht bald zur Standardsprache. Und Nullen gibt’s im Netz eh schon immer genug.

Foto: Netspeak inspired graffiti (Dirk Ingo Franke ; Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE); Titelbild: HD

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