Zerschlagene Eier ohne Omelette

von Mladen Savić

Der Kapitalismus hat bei seinen sozialen Ansprüchen versagt, weil er die Erde ausquetscht wie eine Zitrone und Menschen wie Sägespäne verheizt. Sein Versagen liegt darin, dass er persönliche Schicksale und Lebensraum zerstört. Hier hat er die rote Linie schon überschritten. Nun gilt es, sich damit auseinanderzusetzen, auf eine Weise, die den subjektiven Protest zum Widerstand macht, den Widerstand objektiv zum Fortschritt und diesen zu einem Verbündeten im Kampf – jenseits reiner Absichtserklärungen und frommer Wünsche.

Man kennt das Gestammel: Kann es nicht, statt gleich gerecht, ein bisschen fairer werden? Wer gewinnt diesmal die Wahlen, nach denen wieder einmal alles hätte anders werden sollen? Kommt wirklich kein Krieg, wenn man Pazifist ist? Soll man nicht möglichst im Kleinen etwas verändern, zur Beruhigung des Gewissens? Zu viel Zeit ist mit Scharaden wie diesen vergeudet worden, zu viel Kraft verschlissen mit Kleinprojekten, Beistandsfesten und Spaziergangdemos.

Die sogenannte Politik der ersten Person, ein Begriff aus der Frauenbewegung, demnach das Persönliche politisch sei und Stellvertreterei im Zusammenleben abzulehnen, hat heutzutage eine Schwächung erlitten. Eine Revolutionierung des Denkens lässt auf sich warten. Im Kontext neoliberaler Selbstvermarktung generiert der Individualismus, im Gegenteil, eine Gesellschaft voller narzisstisch gestörter Individuen, deren Gemeinsinn stetig verkümmert. Der Kulturindustrie ist es zudem gelungen, die Fantasie in Massenproduktion zu schicken. Man ist systemkonformer und orientierungsloser denn je.

Den Herausforderungen des modernen Nationalismus, Klerikalismus und Militarismus oder gar eines möglichen Neofaschismus begegnet man insgesamt wehrlos, ratlos und planlos. Die linken Bewegungen, gefangen im Modus bloßen Reagierens, hinken den Entwicklungen hinterher. Wie paarweise denn Bürokratie und Migration, Säkularismus und Religionsfreiheit, Marktgesetze und Arbeitslosigkeit, Finanz- und Realwirtschaft zu vereinbaren wären, überschaut man auch sonst nicht so recht.

Wenn wahrlich Neues wachsen soll, kommt man nicht umhin, den autoritären Charakter von Person und Masse an seiner Ausbreitung zu hindern, indem man den Umgang untereinander charakterlich fixiert. Auf diesem Gedanken fußen, gewollt oder ungewollt, auch die frühen feministischen Forderungen, dass die Demokratie doch daheim beginnen müsse. Egomanen, Instrumentalisten und Opportunisten, das, was man ansonsten Charakterschweine nennt, verkörpern von innen her zersetzende Elemente jeder Emanzipation. Eine grundlegend neue Gesellschaft sollte mehr sein als nur Rationalisierung des Bestehenden bzw. Reproduktion des Bekannten.

Praxis ist die wichtigste Schule und Theorie die schärfste Waffe. Die Geschichte von Aufruhr und Aufstand hat da gewiss einigen Erfahrungswert. Jenseits des Angstbilds vom wütenden Mob, der seinen niederen Instinkten folgt, befindet sich nämlich – die Erfahrung als Quelle von Wissen, und gerade geschichtliche Erfahrungen zeichnen sich durch die Qualität aus, bei längerer Beachtung ein Niveau an Bewusstheit zu generieren, von dem aus man erlernen kann, den Fehlern vergangener Generationen zu entgehen. Es ist von Vorteil, die Kämpfe von gestern, ihre Argumente und Methoden, die Gründe für ihre Erfolge und Misserfolge zu kennen, primär zu dem Zweck, die Kämpfe von morgen führen zu können.

Die interne Dialektik sozialer Systeme soll dabei nicht unterschlagen werden. So wie dem repressiven Apparat stets ein ideologischer zur Seite steht, der ihn stützt, indem er private Interessen zu objektiven aufbauscht, noch bevor sie sich dann gegen jene der Mehrheit durchsetzen, so ergänzen und bereichern Kritik und Theorie die Abwehr gegen den Einflussbereich selbiger Apparate – als theoretische Praxis. Sie setzt sich zusammen aus Bewusstmachung und Dekonditionierung, Kritik und Selbstkritik, Empirie und Rehistorisierung, kurz, aus Wissen und Lehre von den Bedingungen der eigenen Befreiung. Im Widerstand bietet sie eine Orientierungshilfe und einende Idee. Organisation ist zweifellos der Schlüssel und ihre Zielsetzung ein Wegweiser für jene Handlungsspielräume, die sich dadurch entweder eröffnen oder verschließen.

Nicht jede beliebige Aktion trägt dazu bei, eine gesellschaftliche Form durch eine geschichtlich fortschrittlichere zu ersetzen. Bei spontanem bis partiellem Aktivismus, der seine eigentliche Aufgabe verfehlt, den Benachteiligten nachhaltig Gehör zu verschaffen und die Unzufriedenen zu sammeln, sind die Betroffenen oft nicht im Entferntesten davon betroffen und die Herrschenden davon gänzlich unbeeindruckt – soweit die Bilanz der sogenannten Bindestrich-Ethiken.

Bei direkt institutionellen Kampfformen wie Parlamentswahlen wiederum, was einen Willen zur Machtübernahme impliziert, beugen sich einstmals rebellische Politiker meist den Sachzwängen und Spielregeln derer, die sie unlängst noch kritisiert haben. Siehe: Syriza gegen das Volksvotum. Bürokratisch, juristisch und existenziell verbleibt alles beim Alten, mit Ausnahme der Demoralisierung, die auf den ersten Blick zugenommen hat.

Während diese Realsatire jedes Kabarett zu übertreffen droht, ist die Planlosigkeit in jeder Hinsicht groß. Nicht nur die Distanz zwischen Regierenden und Regierten vergrößert sich derweil, sondern auch die Zwietracht zwischen den diversen sozialen Gruppen. Konfrontationen aus widersprüchlichen Bedürfnissen heraus nehmen zu. Diffuse Haltungen und unreflektierte Strategien scheinen zu überwiegen. Es ist, alles in allem, nicht unbemerkt geblieben und facht, so unbewusst die Stimmung auch sein mag, die allgemeine Nervosität an. Ihr trauriges Kennzeichen, die Gewöhnung an den rauen Ton, signalisiert einen bedenklichen Trend, und zwar nach rechts.

Indes, ein Schwenk hin zu sachkundiger, auf wissenschaftlichen Evidenzen basierender Politik tut Not, wie schon der institutionelle Umgang mit Umweltschutz und humanitären Katastrophen veranschaulicht. Für die von Armut Betroffenen am schlimmsten ist die Entwürdigung, die ihre hilflose Situation säumt. Sie sind nicht nur arm, sondern leiden und entbehren tatsächlich!

Historisch reicht derlei an eine beispiellose Aggressionsleistung heran und kulturell an einen Affront auf den sozialen Instinkt. Als fortwirkende Mechanismen gleichen sie einem ständig tickenden Delikt an der Humanität, das dadurch nie und nimmer stufenweise aufgehoben werden kann, etwa durch eine Verminderung des Ausbeutungsgrades oder durch Abkommen mit der anonymen Ausbeuterklasse, in leicht verdaulichen Portionen, Stück für Stück. Die Menschheit ist nur eine, und sie hat auch nicht ewig Zeit.

Neue Konzepte dessen wären angesagt, was als Sozialtechnik, zumindest unter kapitalistischem Vorzeichen, einen erbärmlichen Ruf erworben hat. Es braucht, bevor man praktische Hürden überwindet, eine Befreiungstheorie abseits etablierter Werte und Schemata, die auch als Anleitung zum Handeln dienlich wäre. Pädagogisch gesprochen: Druck von unten hätte dort eine Wirkung, wo er die Oberen das Fürchten lehrte, und Fokus auf das Wesentliche hieße in so einem Fall die Dinge von den Bedingungen her zu beurteilen.

Bedauerlich ist, dass sich die Menschen in einem System passiver Ambivalenz, in der niemand aus der Masse mehr weiß, an wen man sich mit seinen Anliegen wenden und was man noch denken soll, vor einem Modus der Eindeutigkeit und Zielgerichtetheit mehr fürchten als vor den Abgründen internationaler Beziehungen und ihren Aussichten auf thermonuklearen Holocaust. Das gilt auch für die Intellektuellen.

Man muss sich endlich bewegen und den Fortgang vom Protest zum Widerstand wagen. Was dem entgegenwirkt, ist nicht nur ein Mangel an konkreten Alternativen, sondern die teils infantile Hoffnung auf eine bestehende Ordnung ohne ihre Schattenseiten – gewiss, ein Produkt der Autozensur und bequemen Naivität.

Die widerständige Vorgangsweise, ganz anders gestrickt, liegt in einer Zone der Unentscheidbarkeit, in der trotzdem Entscheidungen fallen, und umfasst die Klärung der Frage, was in rückständigen Zeiten faktisch zu tun wäre. Verschiedene Optionen schweben da vor. Erstens: den sozialen Reifegrad abzuwarten. Zweitens: Parallelstrukturen vorzubereiten. Drittens: theoretische Bildungsarbeit zu leisten. Viertens: alternative Ökonomien aufzubauen. Fünftens: physischen Widerstand zu leisten. Einiges schließt sich gegenseitig aus, manches lässt sich durchaus kombinieren.

Gesetzt, dass den geeigneten Grad der Reife gesellschaftlicher Entwicklungen abzuwarten mehr sein soll als nur eine Ausrede für Nichtstun, muss eine nähere Bestimmung des Begriffs der Reife selbst vorgenommen werden. Wovon hängen reife Bedingungen also ab? Wie lange soll man bei einer begrenzten Lebensspanne warten? Und was sagen die verschrienen Klassiker dazu? Der Begründer der Internationale mahnt: „Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Bedingungen aufgenommen würde.“ Gegebenenfalls sollte man den Spieß vielleicht umdrehen und die Notwendigkeit zu handeln vom Grad der Unreife abhängig machen.

Die Eier sind zerschlagen, und vom Omelette – nicht die Spur. Die Erdbevölkerung stampft arbeitend eine Welt aus dem Boden; ihre Ernte aber sind Staub und Steine, nicht die Früchte ihrer Arbeit. Als Dankeschön verdummt und verhöhnt man sie obendrein, und die Menschen, versteht sich, lassen es notgedrungen zu. Diese Negativbilanz von Klassengesellschaft und Marktwirtschaft nicht für die linke Praxis in Rechnung zu stellen, wäre blanker Hohn. Schließlich muss man nicht zum Notar der Katastrophen werden, damit konstruktive Kritik zustande kommt.

Der Glaube an eine irgendwie relevante Reform der Verhältnisse ist in der Mehrheit jedenfalls dahin. Nach der Stoppuhr produzierend, die im Rhythmus der Börsenkurse rennt, wie im Hamsterrad, importierend, exportierend, bis zur Ressourcenknappheit und zum Krieg, schafft sich die Gattung selber ab. Mit diesem Bewusstsein ist man nunmehr nicht allein, die Sache hat sich herumgesprochen. Jetzt ist es an der Zeit, eine widerständigere Sprache zu sprechen, die sich am Widerspruch stößt, und durch sie Worte in Taten zu verwandeln. Genau darum geht es nämlich: Wie kann man vom Bürdenträger wieder zum Handlungsträger werden?

Mladen Savić, geb. 1979 in Zagreb, ist Philosoph und freier Autor („Mücken und Elefanten“, Drava-Verlag, 2016). Sein Blog: umainsensible.blogspot.co.at

Foto: Mladen Savić/textfeldsuedost.com; Titelbild: Unsere Zeitung

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