„Wir sind nicht behindert – wir werden behindert“

Forschungsprojekt widmet sich der Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich – Von Hannah Wahl

Prof. i. R. Dr. Volker Schönwiese präsentiert das Projekt

Am Freitag wurde das Projekt „Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich“ im Salzburger Unipark präsentiert. Ein fünfköpfiges Forschungsteam begab sich dabei auf bislang weitestgehend unerforschtes Terrain. Diese relativ junge Soziale Bewegung entstand in den 1970er-Jahren mit einem selbstbewussten und kämpferischen Aktivistenkreis: Menschen mit Behinderungen fordern Rechte, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe – und das mit Nachdruck.

Die sich in einer Zeit von politischer Protest- und Aufbruchsstimmung formierte Behindertenbewegung trug, wie auch die Friedens- oder die Frauenbewegung, ihren Protest auf die Straße hinaus. Eine der ersten Demonstrationen fand 1974 am Wiener Ring statt. Man verwehrte SchülerInnen im Rollstuhl die Teilnahme an einem Popkonzert – angeblich aus Sicherheitsgründen. Die Jugendlichen reagierten mit einer Demonstration und forderten auf ihren Transparenten die Änderung des Theatergesetzes, auf das sich die Veranstalter des Konzertes beriefen.

Der Beginn der politischen Selbstvertretung begann 1976/77 mit der Gründung der Initiativgruppe-Behinderte-Nichtbehinderte (IBN) in Innsbruck. Gefordert wurden grundsätzliche bauliche Barrierefreiheit (Abflachung der Gehsteigkanten und behindertengerechte Zugänge zu öffentlichen Gebäuden), integratives Wohnen und öffentliche ambulante Dienste – die Zeit des Bettelns um Gleichberechtigung war vorbei.

Aus einem Flugblatt der IBN: „Wir haben lange geduldig gewartet und uns immer wieder vertrösten lassen. Es geht nicht um Almosen und Mitleid, sondern um Rechte und Gleichberechtigung“. In einem weiteren Flugblatt liest man: „Bedenkt: Wir sind schon zu oft verwaltet und befürsorgt worden, ohne die Freiheit der Entscheidung zu haben. Wenn uns nur die Wahl zwischen Alter/Pflegeheim oder Behindertendorf bleibt, bleibt uns nur die Wahl WIE wir ausgeschlossen werden.“

1981 blockierten RollstuhlfahrerInnen den Eingang zur Hofburg, in der, anlässlich des von der UNO ausgerufenen „Internationalen Jahres der Behinderten“, ein Festakt stattfand: „Wir empfinden es als eine Provokation und als eine Frechheit in einer derartig traurigen Situation, ein Fest zum Jahr der Behinderten zu veranstalten! ES GILT VERSÄUMTES NACHZUHOLEN! ZUM FESTE FEIERN BESTEHT WIRKLICH KEIN GRUND!“

Die für das Projekt zusammengetragenen Quellen aller Art machen einen Wandel hin zu einer selbstbewussten, fordernden und politisierten Gruppe ersichtlich, die mit ihrem Aktivismus den Grundstein für Selbstermächtigung, mehr Inklusion und mehr Barrierefreiheit legte.

ZeitzeugInnen und Quellen zur Rekonstruktion von Geschichte

Das vorgestellte Projekt, das durch bidok (behinderung inklusion dokumentation) der Öffentlichkeit online zugänglich ist, ermöglicht anhand einer Zeitleiste maßgebliche Ereignisse der Österreichischen Behindertenbewegung in Erfahrung zu bringen. Diese werden wiederum mit digitalisierten Quellen belegt. Besonders spannend sind auch die vierzehn Interviews mit ZeitzeugInnen, die im Gespräch ihre persönlichen Erfahrungen und ihre subjektiven Eindrücke schildern. Die behindertenpolitische Zeitschrift „LOS“ (1983-1991) ist als historische Quelle und ehemaliges „Organ der kritischen Behindertenbewegung“ ebenfalls zur Gänze abrufbar. Mit diesem Projekt wurde zweifelsfrei ein wichtiger Impuls für eine zukünftige, engagierte Forschergeneration gegeben.

„Objekte der Fürsorge“

Podiumsdiskussion mit ZeitzeugInnen und Projektmitgliedern (von links nach rechts: Christine Riegler, Ernst Schwanninger, Bernadette Feuerstein, Gunther Trübswasser, Herlinde Trager, Barbara Levc, Klaudia Karoliny und Volker Schönwiese)

Im Anschluss an den Vortrag des Forschungsmitglieds und „Urgesteins“ der Bewegung, Volker Schönwiese, fand eine angeregte Diskussion mit ZeitzeugInnen der Bewegung statt. Dabei wurden Fragen aufgeworfen, mit denen viele Neue Soziale Bewegungen zu kämpfen haben: Haben wir verabsäumt einen Nachwuchs heranzuziehen? Wie geht es weiter? Menschenrechtler und Aktivist Gunther Trübswasser betont die Notwendigkeit der Forderung, dass es in allen Lebensbereichen – in Politik, in der Öffentlichkeit und Institutionen etc. – Menschen mit Behinderungen geben muss. Der nächste Schritt sei jener in die entscheidungstragenden Ebenen. Menschen mit Behinderung seien auch heute noch Objekte der Fürsorge.

Viel erreicht und jetzt Stillstand?

Obwohl der Weg in Richtung inklusive Gesellschaft noch weiter beschritten werden muss, kann die Behindertenbewegung auf viele Erfolge zurückblicken, die wir immer mehr als festen Bestandteil unserer Umwelt wahrnehmen: behindertengerechte WCs, barrierefreie öffentliche Gebäude, das Bundespflegegeldgesetz (das jedoch nur einen finanziellen Zuschuss darstellt) oder die Verankerung eines Antidiskriminierungsparagraphen in der Verfassung: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nichtbehinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten.“ Der jüngste Meilenstein wurde mit der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 gelegt, deren konsequente Umsetzung die Politik bis heute nur zögerlich betreibt und damit verbindliche Ansprüche geschickt umgeht. Schönwiese hielt zudem fest, dass in den 1970er und 1980er Jahren das Thema Behinderung viel stärker medial diskutiert wurde. Dabei hätten sich die Diskussionen inhaltlich nicht maßgeblich von den aktuellen Themen unterschieden.

Aus der Geschichte lernen“

Das Projekt zur „Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich“ hat sich einer wichtigen Aufgabe gewidmet: Der Aufarbeitung einer Sozialen Bewegung in der jüngsten österreichischen Geschichte, die bislang nur ZeitzeugInnen und AktivistInnen in Erinnerungen zugänglich war. Besonders das Zusammentragen, Digitalisieren und Bereitstellen der verschiedenen Quellen stellt eine essentielle Basis zur weiteren Erforschung dar. Wünschenswert wäre eine breite Beteiligung von ehemaligen AktivistInnen, ZeitzeugInnen, ForscherInnen und InteressentInnen, damit wertvolle Zeugnisse historischer Prozesse und Ereignisse – Zeitungsartikel, Flugblätter, Sticker und Fotos – nicht in Vergessenheit geraten. Die Geschichte lehrt uns jedenfalls, dass soziale Protestbewegungen in der Lage sind, einen politischen und gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen.

Kommende Projektpräsentation in Wien:

13. Mai 2017
15 bis 18 Uhr,
Institut für Bildungswissenschaft
Hörsaal 1, Sensengasse 3a (1. Stock)
Barrierefreier Eingang über die Rückseite des Gebäudes

Fotos: Unsere Zeitung (Hannah Wahl)

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