Vernunft aus der Asche

Zum 84. Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen – Von Patricia Wolf

Denkt man an Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten, sieht man sich automatisch mit folgendem Heine-Zitat konfrontiert: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Nicht selten ist es auf Gedenkstätten zu finden, die an jenes Jahr 1933 erinnern sollen, in dem so viel Wahrheit und Kultur im Rahmen einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ in Flammen aufging – unter dem johlenden Gelächter brauner Studenten. Abkömmlinge des Volkes der Dichter und Denker, das im Handumdrehen (und Handheben) zum Volk der Richter und Henker werden sollte.

Heinrich Heines Zitat stammt aus der Tragödie Almansor von 1821, in der ein gewisser Hassan sich zu den Maßnahmen der Christen äußert, die nach der Eroberung von Granada den Koran massenhaft verbrannt hatten. Beispiele für Bücherverbrennungen gibt es viele im Lauf der Geschichte, oft aus religiösen oder völkischen und zumeist nebenher auch noch antisemitischen Motiven. So wurden schon im Oktober 1817 nach dem offiziellen Ende des Wartburgfestes mehrere Dutzend als reaktionär, antinational oder undeutsch eingestufte Bücher und militärische Gegenstände symbolisch verbrannt – von kecken Burschen, Brandreden haltenden alten Herren und Schlägern, die einige der Autoren erschießen oder in den Freitod treiben sollten.

Beim Symbolismus allein, der abstrusen Theorien von Ausgrenzung und absurden Konstruktionen von engstirnigen Weltbildern folgte, blieb es selten. Tod und Vertreibung waren die Folgen des Versuchs, alles „Unpassende“ aus dem Gedächtnis der Welt zu löschen.

Heutzutage verschwinden in den USA immer mehr Daten zum Klimawandel aus dem Internet, sodass beherzte Wissenschaftler Datenrettungsmaßnahmen ergreifen müssen. In so vielen Ländern werden aktuell systemkritische Autoren und Journalisten durch Zensur und Vertreibung derart bedrängt, dass ein Verbrennen ihrer Bücher nicht notwendig ist, weil selbige gar nicht in Druck gehen können.

Wenn Schriften dann dennoch im Ausland erscheinen, am Fluchtort, im Exil, dann finden sie oft den Weg auf den Schwarzmarkt in der ursprünglichen Heimat – so wie auch damals Erich Kästners Werke in Nazi-Deutschland. Kästner selbst, der bei der Verbrennung seiner Bücher incognito anwesend war, blieb nichts anderes übrig, als die Hände in der Hosentasche klammheimlich zur Faust zu ballen.

Und auch, wenn man Gedanken nicht per Dekret verbieten kann, gerieten viele Werke namhafter AutorInnen in Vergessenheit, weil man im Rahmen gescheiterter Entnazifizierung eine überholte und deutsch-national geprägte, akademische Kanonisierung nur allzu lang übernommen hatte.

Aber: Viele AutorInnen, die es ins Exil geschafft hatten, zählen heute zu den Großmeistern deutscher Literatur, viele unter ihnen sind Jüdinnen und Juden.

Bücherverbrennung durch die Hitlerfaschisten am 10.5.1933 (Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776; Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Es sei in Folge ein Beispiel wider das Vergessen gegeben, ein Beispiel für die Brandreden, welche 1933 in Deutschland und Österreich gehalten wurden, als die Freiheit des Denkens unter Feuerholz beerdigt werden sollte:

  1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.
  2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.
  3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster.
  4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.
  5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
  6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.
  7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.
  8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!
    Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
  9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!
    Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!

Quelle: „Neuköllner Tageblatt“, Freitag, den 12. Mai 1933, Nr. 111

Es sind aber so viel mehr Autorinnen und Autoren, die hier nicht aufgeführt wurden und die ebenfalls ihren Weg auf den Scheiterhaufen der „teutschen Unkultur“ fanden: Max Brod, Maxim Gorki, Karl Kraus, Jaroslav Hasek, Wilhelm Reich, Jack London, Arthur Schnitzler, Ernest Hemingway, Gina Kaus und, und, und…

Gerade die Studenten beraubten sich damals eines Quells modernen Wissens, bahnbrechender Wissenschaft, lebenserfrischender Satire, Kunst und Literatur, um den Weg anzutreten in eine martialische Welt von Blut, Schweiß, Tränen und Krieg.

Nutzen wir also die alten Brandreden und aktuellen Verbotslisten jener religiöser und politischer Führer als Werbung, just jene Werke zu lesen, die sie so gerne aus dem kollektiven Gedächtnis löschen möchten. Es ist ein Gütesiegel der Vernunft, aus verbrannten Büchern zu lernen. Die beste Bestseller-Liste trägt Brandflecken und schwarze Balken.

Und auch, wenn man nicht mechanisch allem zustimmen sollte, was gemeinhin verboten wird, so ist es doch ein Zeichen von Offenheit, diese Werke bewusst zu lesen und sich zu fragen, warum jemand nicht will, dass man das tut. Diktatoren und Demagogen haben selten dieselben Gründe für Ablehnung wie man selbst.

Titelbild: Plakette zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 in Erlangen (Masteraah aus der deutschsprachigen Wikipedia; Lizenz: CC BY-SA 3.0)

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