Das Patriarchat im österreichischen Fußball

Von Noah Krügl

Niederlande 2017, Fußballeuropameisterschaft der Frauen. Das österreichische Nationalteam hat sich erstmals für die Endrunde qualifiziert und geht als klarer Außenseiter ins Turnier. Ein Überstehen der mit Frankreich, Island und der Schweiz stark besetzten Gruppe würde einer Sensation gleichen.

Sarah Puntigam, Österreich, FIFA Women’s World Cup 2015, Qualifying (Ailura ; Lizenz: CC BY-SA 3.0 AT)

Während Frankreich, das auf 14 Spielerinnen in seinem Kader verweisen kann, welche noch am 1. Juni im CL-Finale zwischen Olympique Lyon und PSG (7:6 i.E.) auf dem Platz standen und mit nicht weniger als acht Spielerinnen anreist, die bereits mehr als 100 Länderspiele in den Beinen haben (vgl.: Österreichs Rekordspieler der Männer, Andreas Herzog, kam auf 103 Einsätze), als Titelfavorit gehandelt wird, muss das isländische Team zwar verletzungsbedingt drei Stammspielerinnen vorgeben, kann bei seiner vierten EM-Teilnahme aber dennoch bereits zwei Viertelfinaleinzüge verbuchen. Die Schweiz wiederum ist zwar wie Österreich ebenfalls Debütantin bei einer Euro-Endrunde, aufgrund der Erfolge der „Nati“ der jüngeren Vergangenheit (WM-Achtelfinaleinzug 2015, sowie der Sieg beim heurigen Zypern-Cup) gegenüber dem österreichischen Team allerdings klar zu favorisieren. Soviel zur Ausgangslage des österreichischen Teams bei der diesjährigen EM.

Doch wie steht es mit dem Frauenfußball in Österreich grundsätzlich? Wie kommt es, dass das österreichische Frauenfußballteam in der FIFA-Weltrangliste seit geraumer Zeit vor ihren männlichen Kollegen gelistet wird (Platz 24 vs. 37), Frauenfußball aber dennoch unter der medialen Wahrnehmungsschwelle sein Dasein fristet?

Eine historische Einordnung

Am 12. Oktober 1902 fand in Wien das erste als offiziell gewertete Länderspiel Österreichs statt. Das Kaisertum Österreich bezwang Ungarn mit 5:0.

Am 12. November 1918 beschloss die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich das allgemeine Wahlrecht für Frauen – ein Meilenstein in der (nationalen) Frauenpolitik, bei welchem alleine es allerdings für viele Jahrzehnte bleiben wird. Erst 1975 – fast 60 Jahre später – wurden mit der Fristenlösung und der rechtlichen Möglichkeit auch ohne Zustimmung der (Ehe-)Männer Beruf, Wohnsitz und Familiennamen zu wählen zwei zentrale Themen frauenrechtlicher Selbstbestimmung legalisiert bzw. außer Strafe gestellt. Noch einmal 14 Jahre später, 1989, wird Vergewaltigung in der Partnerschaft strafbar.

Am 25. August 1990, 88 Jahre nach dem ersten Spiel der Männer, bestritt das österreichische Nationalteam der Frauen mit einer 5:1-Niederlage gegen die Schweiz sein erstes offizielles Länderspiel.

Wobei die Betonung hier auf offiziell liegen muss. Frauenfußball wurde in Österreich nämlich spätestens seit 1924 vereinsmäßig praktiziert: Die Wochenzeitung „Der Montag mit dem Sportmontag“ rief im Dezember 1923 zur Teilnahme an einem ersten Fußballtraining für Frauen auf, woraufhin sich rund 150 Interessierte beim „Wochenblatt“ meldeten. Dieses berichtete bereits am 24. Dezember 1923 vom großen Erfolg des Aufrufs und organisierte nun gemeinsam mit Ferdinand Swatosch, seinerzeit Stürmerstar der Wiener Amateure, einen zweiwöchigen Theoriekurs. Voraussetzung hierfür war das Bestehen eines ärztlichen Leistungstests, zu welchem sich im Februar 1924 rund 60 Interessierte einfanden. Für 43, die den Test positiv absolvieren konnten, begann am 13. April 1924 der Theoriekurs im Hotel Métropole am Wiener Morzinplatz in dessen Zuge auch der erste Damenfußballclub Österreichs gegründet wurde – der 1.DFC Diana. Trainer wurde Swatosch.

Der österreichische Frauenfußball erlebte – trotz des massiven Widerstands des ÖFB, welcher seinen zugehörigen Mannschaften verbot, ihre Plätze an Frauenteams zu vermieten und somit eine Richtlinie des Weltverbands FIFA umsetzte – einen vorläufigen Höhepunkt. Mehrere tausend Fans verfolgten regelmäßig die Spiele des DFC Diana.

Mit einem abrupten Ende der Berichterstattung im „Wochenblatt“ – Druck vonseiten des Verbands ist hier zwar naheliegend, lässt sich heute allerdings nicht mehr belegen und bleibt somit Spekulation – und den strukturellen Schwierigkeiten, vor welche die Spielerinnen vonseiten des ÖFB gestellt wurden, ebbte der Frauenfußball kurzfristig ab bis 1935 auf Initiative von Alice Maibaum und Ella Zirner-Zwieback die Österreichische Damenfußball-Union gegründet wurde. Aus der DFU heraus entstanden erste Vereine und bereits 1936 konnte die erste Meisterschaft mit sieben Teams ausgetragen werden.

Auch wenn der Frauenfußball bereits zur Zeit der Ersten Republik und im darauf folgenden Austrofaschismus auf immer breiter werdenden gesellschaftlichen Widerstand traf, wurde er erst 1938 mit der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich endgültig verboten.

Nachkriegsjahre und „wilde“ Spiele

Die verheerenden Auswirkungen des Krieges und die demographischen Strukturen der Nachkriegsjahre verunmöglichten in den ersten Jahren nach Kriegsende eine Wiederaufnahme des Fußballbetriebs nahezu vollends. Zwar fanden bereits 1948 wieder Frauenfußballspiele in Wien statt, das offizielle Verbot zur Gründung von Frauenabteilungen aus der NS-Zeit blieb allerdings aufrecht. Die kritische Akzeptanz des Frauenfußballs zu Zeiten der Ersten Republik, wie auch noch im österreichischen Ständestaat, wurde von gesellschaftlicher Verachtung abgelöst: die mediale Berichterstattung stellte sich nun ausnahmslos negativ dar und Spielerinnen wurden öffentlich angefeindet.

Der Frauenfußball organisierte sich zu diesem Zeitpunkt ausschließlich „wild“, das heißt autonom und abseits der nationalen und von der FIFA anerkannten Verbände. Im Sommer 1957 wurden Vereine, welche sich nicht an die Verbote des ÖFB hielten, mit hohen Geldstrafen belegt, was wohl mit ein Grund war, warum sich die österreichischen Spielerinnen der im August geründeten International Ladies Football Association als eines der vier Gründungsmitglieder (AUT, BRD, ENG und NED) anschlossen. Noch im Herbst desselben Jahres organisierte die ILFA ein als Europameisterschaft tituliertes Turnier in Berlin, welches England mit 4:0 gegen Westdeutschland gewann. Österreich ging gegen die Niederlande im Spiel um Platz 3 mit 8:1 unter.

USC Landhaus und der WFV

Danach wurde es für rund ein Jahrzehnt wieder ruhig um den österreichischen Frauenfußball, bis sich 1968 in Floridsdorf der USC Landhaus gründete, der bis heute eine fixe Größe im österreichischen Frauenfußball einnimmt. Aufgrund mangelnder gegnerischer Vereine in Österreich wurden die meisten Spiele der Anfangsjahre allerdings in der CSSR ausgetragen – die Initialzündung für die Gründung weiterer Frauenteams wurde dennoch gesetzt und so entstanden vor allem rund um Wien in den darauf folgenden Jahren zahlreiche Frauensektionen und -vereine. 1971 wurde der USC Landhaus als erstes Frauenteam in den Wiener Fußball-Verband aufgenommen und 1972 folgte die erste vom WFV ausgerichtete Meisterschaft, an der sechs Teams teilnahmen. Während der Favoritner AC die Meisterschaft für sich entscheiden konnte, sicherte sich Landhaus den im selben Jahr ebenfalls erstmals ausgetragenen Cup.

FIEFF vs UEFA

Parallel zu den Entwicklungen in Österreich gründete sich 1969 in Turin mit der Federation Internationale et Europenne de Football Feminin (FIEFF) der erste internationale Frauenfußballverband, der noch im selben Jahr die erste Weltmeisterschaft in Italien organsierte, an der auch Österreich teilnahm. Das Finale am 15. Juli in Rom, welches Dänemark 2:0 gegen Italien gewann, wurde von 40.000 Fans verfolgt. Die UEFA, Dachverband der Nationalverbände Europas, erhöhte daraufhin massiv den Druck auf seine Mitglieder, wie auch direkt auf den Frauenverband FIEFF eingewirkt wurde, was in dessen Auflösung 1972 resultierte.

Wesentliche gesellschaftspolitische und frauenrechtliche Veränderungen in den 70er-Jahren veranlassten jedoch die nationalen Verbände zusehends ihre Verbotsbestimmungen hinsichtlich Frauenfußball aufzuheben, was auch beim ÖFB dafür sorgte, ab 1982 die Schirmherrschaft über die Frauenbundesliga zu übernehmen.

1984 letztlich veranstaltete die UEFA ihre erste Frauen-EM, Schweden gewann gegen England 4:3 i.E. (1:1). Konsequenterweise scheinen keinerlei Länderspiele in den Geschichtsbüchern der UEFA vor 1984 auf – 60 Jahre österreichischer (und europäischer) Frauenfußball existieren für den größten Fußballkonzern der Welt schlicht und einfach nicht.

Und heute?

Dass sich seither vieles zum Positiven entwickelt hat, bestätigen sowohl Nicole Billa und Laura Feiersinger im aktuellen ballesterer wie auch Virginia Kirchberger im Interview mit 12termann. Vor allem die Schaffung des Nationalen Zentrums für Frauenfußball in St. Pölten 2011, an dem Talente neben intensiven Trainingseinheiten auch einen AHS- bzw. HAK-Abschluss erhalten, gilt als Meilenstein. Im Männerfußball (und auch im Skisport) seit Jahrzehnten Standard, wurde somit endlich auch im Frauenfußball jene Lücke geschlossen, welche vielen jungen Fußballerinnen Probleme bereitete: ab 14 Jahren ist das gemeinsame Training mit Burschen verboten. Ist also kein Frauenteam in unmittelbarer Wohnortsnähe, bleiben fußballbegeisterten Mädchen zwei Möglichkeiten – das Nationale Zentrum oder das Aufgeben ihres Hobbys.

Dass der FSK St. Pölten den langjährigen Serienmeister und mehrfachen Champions League-Teilnehmer SV Neulengbach (2003-14) als seither neuer Serienmeister abgelöst hat, liegt allerdings nicht nur an der Nähe zur Ausbildungsstätte. Der österreichische Frauenfußball ist hemmungslos unterfinanziert, was sich auch dadurch zeigt, dass Neulengbach seit dem Ausstieg des Hauptsponsors nach der Saison 14/15 den Betrieb nur dadurch aufrecht erhalten konnte, indem die zweite Mannschaft aufgelöst wurde. Von Profiverträgen kann sowieso keine Rede sein. Kirchberger, die seit acht Jahren in der deutschen Bundesliga – eine der „besser“ bezahlten Ligen Europas – spielt, bestätigt, dass für die meisten Frauen ein Nebeneinkommen notwendig ist. Neben den fünf bis sieben Trainingseinheiten und dem Spiel am Wochenende.

Der ÖFB stellt seit 1990 ein Frauenteam – Frankreich übrigens seit 1971, die Schweiz seit 1972 und Island seit 1981.

Quellen und weiterführende Literatur:

Titelbild: Die BSG Post Rostock im Juni 1975 im Rostocker Ostseestadion (selbst fotografiert, Lizenz: CC-by-sa 3.0/de)

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