Wie erkläre ich meinem Kind den Kapitalismus?

Jim Knopf und der Merger – Mit schönen Zeichnungen und netten Texten werden die Kleinen von vorne bis hinten für dumm verkauft

Von Michael Gruberbauer

Als Elternteil eines 13 Monate alten Sohnes hat man den Luxus, sich noch eine Weile mit wichtigen Fragen auseinanderzusetzen, die da einmal auf einen zukommen werden. Die Zeit vergeht wie im Flug, aber sie eilt noch nicht. Die Wochen rasen dahin, Monate vergehen; kaum ist für den Knirps aus einem Wachtraum aus Farben und Geräuschen eine handfeste Realität geworden, stellt er schon die Wohnung auf den Kopf und wir hecheln hinterher. Die ersten Zähne, die ersten Schritte, die ersten Wörter, das erste Lied – und kaum schaut man mal nicht hin, ist er wieder ein paar Zentimeter gewachsen. Aber die großen Fragen, bis die gestellt werden, das dauert noch. Darauf kann man sich vorbereiten.

Auf der Suche

Durchforstet man die einschlägigen Eltern-Webseiten, so gibt es heute einiges, über das sich viele Eltern den Kopf zerbrechen. »Darf mein Kind schon ein Handy haben?«, »Darf er im Freibad ohne Badehose rumlaufen?«, »Hilfe! Sie isst nur McDonald’s, was soll ich tun?«. Einig ist man sich freilich bei den Antworten nicht. Deshalb gibt es auch einen riesigen Markt an Elternratgebern, die da etwas aushelfen können – und damit viel Umsatz machen, wie man z. B. anhand der Amazon-Bestsellerliste erkennen kann. Das Tolle daran? Man suche sich einfach jene Ratgeber aus, die genau die Antworten liefern, die man sowieso für richtig hält, und empfehle sie weiter. Die Legitimation für das eigene Verhalten ergibt sich dabei ganz einfach aus dem Hype: »Ein völlig neuer Zugang!«, »Eine Revolution!«, »Eltern-Kind-Beziehung ganz neu gedacht!«.

Und so suche ich und suche ich nach einem passenden Ratgeber für mein Problem, aber ich finde nichts. Handy, Nackheit und McDonald’s, das sind nicht wirklich Dinge, die mich beschäftigen. Da kommt man auch mit etwas Nachdenken und Kompromissfähigkeit weiter. Die Frage, die ich mir stelle, ist folgende: Woher nehme ich mir eigentlich das Recht, mein Kind zu belügen?

»So erklären Sie Ihrem Kind den Kapitalismus!«

Ein kleiner Spaziergang vorbei am Kinderbuchregal hat mich nämlich ins Grübeln gebracht. Worüber kleine Kinder lesen sollen, das hat nichts mit der Welt zu tun, in der wir leben, mit der sich der liebe Nachwuchs später mal herumschlagen muss. Ob »Bernhard der Baggerfahrer«, »Lisa die Lokführerin«, »Felix der Feuerwehrmann«, »Petra die Polizistin«, »Sandro der Sanitäter« oder »Tina die Tierpflegerin« (Titel allesamt geändert), mit schönen Zeichnungen und netten Texten werden die Kleinen von vorne bis hinten für dumm verkauft. Die Frage »Was willst du denn mal werden?« muss halt irgendwie beantwortet werden. Da brauchen die Kids ein Repertoire.

Das war schon ein paar Generationen vorher eigentlich so. Ich kann mich noch erinnern, dass ich das damals so gelernt habe:

Aha, ein Bauer, der arbeitet also, um Milch und Eier, Fleisch und Getreide zu machen. Ach so, der Lehrer, der will, dass die Kinder viel lernen. Der Tischler macht die Kästen. Der Polizist sorgt dafür, dass niemandem etwas passiert. Und der Doktor macht die Leute wieder gesund.

Dass diese damaligen Gedanken viel zu naiv sind, ist selbstverständlich. Aber die ganze heutige Wahrheit ist noch viel schlimmer als ein frustrierter Lehrer oder ein inkompetenter Arzt: Berufe sind passé. Skills matter! Unsere Kinder sollen die besten und gescheitesten sein, von der ersten Klasse an mit Top-Noten, damit sie dann studieren können, um sich am Arbeitsmarkt vom Rest abzuheben, der genau das Gleiche versucht. Anstatt Fantasiegeschichten vom Bauernhof zu erzählen, bräuchte es heute eigentlich einen Kapitalismus-Ratgeber für Kinder. Damit sie was werden können! Tja, die Frage ist nur: Was wird man heute eigentlich, wenn man was werden will?

Beruf Söldner

Traumberuf Lokführer? (Foto: Mario Spann/flickr.com; Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Die Antwort, die ich meinem Sohn nicht zumuten kann: Man wird heute einfach das, was der Arbeitgeber von einem verlangt. Berufe sind die leidige Konsequenz der Arbeitsteilung, doch selbst die Arbeit ist heute zerteilt und zwar so, dass sie in kleinsten Einheiten zu den geringsten Kosten erledigt werden können – gerne auch über den ganzen Erdball verteilt. Die Aufgabe, die mein Sohn vielleicht einmal in einem Unternehmen übernehmen wird, entspricht mit großer Wahrscheinlichkeit keiner vollwertigen Rolle, die man ausfüllt, weil sie nun einmal notwendig ist und sich zumindest teilweise mit den eigenen Interessen und Neigungen überschneidet. Keine Rolle, in die man reinwächst und besser wird, Erfahrungen sammelt und diese an die nächste Generation dann weitergeben kann: kein Baggerfahrer, Lokführer, Feuerwehrmann, Sanitäter, Tierpfleger oder, wenn’s denn unbedingt sein muss, Polizist.

Die Rolle, die später mit ziemlicher Sicherheit von ihm gefordert wird, ist die eines Söldners, bereit, jeden noch so langweiligen Task zu übernehmen, damit der Profit stimmt. Gefragt ist jemand, der aktiv und commited ist, der sich mit seinem Unternehmen identifiziert, obwohl er wahrscheinlich nicht einmal weiß, was zum Teufel das Unternehmen überhaupt mit den Tasks zu tun hat, die er tagtäglich erledigen muss. Und er wird sich in seiner Freizeit weiterbilden und Skills aneignen, um für jede zukünftige Anforderung gewappnet zu sein.

Ich suche also weiter nach dem richtigen Ratgeber oder zumindest nach dem richtigen Kinderbuch: »Albert der Angestellte«, »Lisa die Leiharbeiterin«, »Berthold sammelt Berufserfahrung« und »Ewiges Lernen mit Elsa« …

Viel Glück

Es ist verständlich, dass wir unseren Kindern eine Fantasiewelt vorgaukeln wollen, damit ihnen diese fragwürdige Zukunft nicht auf die Psyche drückt. Als Eltern übernehmen wir gerne die Aufgabe, uns über diese Dinge Gedanken zu machen. Was daraus folgt, macht die Situation aber noch schlimmer. Denn die wenigsten fragen sich, was eigentlich in diesem System falsch läuft. Stattdessen erklären sie ihr Kind zu einem Projekt, dessen Ziel die zukünftige Karriere ist. Beruf und Berufung spielen dabei kaum eine Rolle, wichtig ist, dass das Kind den Anforderungen der Zukunft entspricht. Die Fantasiewelt ist nicht Hogwarts oder das Taka-Tuka-Land, sondern jene, in denen du, ja, du, wenn du nur hart genug an dir arbeitest, etwas werden kannst! Und so züchten wir uns erst recht eine Heerschar an Sölderinnen und Söldnern heran, planen ihre Freizeit durch und stecken sie von einem Förderungskurs in den nächsten. In den wenigen freien Momenten, die der Familie tagsüber so bleibt, müssen wir uns auch selbst regenerieren und delegieren die Kinder ans Fernsehen, ans Handy oder im besten Fall an ein Buch. Zum Beispiel: »Jim Knopf und der Lokführer Lukas machen einen Ausflug«.

Aber bei dem Titel kommt bei mir schon wieder dieses ungute Gefühl hoch. Denn eigentlich müsste es heute heißen: »Jim Knopf und Lukas der Senior Business Consultant Associate planen einen Merger«. Oder etwas realistischer »Jim Knopf und Lukas der Angestellte erledigen dröge Bürotätigkeiten«. Oder noch etwas näher der Realität: »Jim Knopf und Lukas der Arbeitslose beim AMS«. Aber irgendwie bleibt man dann doch lieber beim Original. Denn es ist wie mit der Frage: »Papa, was kann ich werden?« Man fragt unweigerlich: »Was willst du denn werden?«, und hört vielleicht: »Bauer … nein, Fußballer … nein, Astronaut!« Was soll man darauf schon antworten. »Viel Glück«?

Titelbild: Lernen (Foto: Mario Spann/flickr.com; Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Artikel teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.