Enough is enough!

Die Gewerkschaften in ganz Großbritannien kämpfen gegen den Ausverkauf des Landes unter der konservativen Tories-Regierung. So auch die Communication Workers Union (CWU).

Luca Tschiderer im Gespräch mit CWU-Präsidentin Jane Loftus

Die britische Post- und Telekommunikations-Gewerkschaft CWU repräsentiert um die 200.000 ArbeiterInnen, davon 111.000 in der ehemals staatlichen Post Royal Mail. Nach der Privatisierung von Royal Mail 2013 startete die Firma ein hartes Programm der Kostenreduzierung, zunehmend werden Betriebsvereinbarungen attackiert oder überhaupt ignoriert und damit reiht sich nun auch die traditionell starke Royal Mail ins „race to the bottom“ bei Sozialstandards, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen ein. Währenddessen macht Royal Mail aber große Profite, alleine in den letzten vier Jahren wurden immerhin auch 800 Millionen Pfund (rund 900 Mio. Euro) an Dividenden ausgezahlt.

Jane Loftus, Präsidentin der britischen Communication Workers Union (CWU)

In diesem Kontext begann CWU mit einer Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen bei Royal Mail. Die vier Grundpfeiler zielen auf eine Verbesserung der Altersversorgung, kürzere Wochenarbeitszeiten, eine bessere rechtliche Absicherung und bessere Arbeitsverträge ab, darüber hinaus wird eine Lohnsteigerung gefordert die einmal nicht durch die Inflation wieder zur Gänze aufgefressen wird. Die Postgewerkschaft will diese Zustände nicht mehr akzeptieren und lies in einer Urabstimmung Anfang Oktober über Kampfmaßnahmen abstimmen. Im Interview mit Unsere Zeitung nimmt Jane Loftus, Präsidentin der CWU (links), dazu und zur Situation der britischen Gewerkschaften im Allgemeinen Stellung:

Unsere Zeitung: Heute haben sich 89,1 Prozent der ArbeiterInnen von Royal Mail für gewerkschaftliche Kampfhandlungen entschieden, was sind eure nächsten Schritte?

Jane Loftus: Seit der Einführung des neuen Gewerkschaftsgesetzes sind wir dazu verpflichtet zwei Wochen vorher einen Streik anzukündigen, wir werden das noch diese Woche machen. Bis dorthin gehen die Verhandlungen mit dem Management weiter, das starke Ergebnis hilft uns hierbei natürlich und wir hoffen dadurch ein Ergebnis zu erzielen, falls nicht müssen eben Streiks folgen.

Unsere Zeitung: Die Verhandlungen mit Royal Mail dauern mittlerweile schon über ein Jahr an, wie habt ihr die MitarbeiterInnen in eure Aktionen einbezogen, was hat zu diesem Ergebnis geführt?

Jane Loftus: Royal Mail hat bis zum Ergebnis der Urabstimmung die Verhandlungen nicht ernst genommen. Es gab zwar viele Gespräche, aber ohne Beteiligung der zentralen EntscheidungsträgerInnen. Die wichtigen Punkte wie die Absicherung der Altersversorgung, Lohnerhöhungen und die zukünftige Jobsicherheit konnten nicht sinnvoll gelöst werden. Wir haben versucht diesen Prozess so transparent wie möglich zu gestalten, es gab wöchentliche Briefings von unserer Seite und eine starke Einbindung der MitarbeiterInnen in unsere Social Media Aktivitäten. Der Punkt ist, wir haben unsere Kampagne klar gemacht und das Referendum zeigt eindeutig, die Menschen stehen hinter der Gewerkschaft und nicht hinter Royal Mail.

Unsere Zeitung: Was hat sich seit der Privatisierung von Royal Mail für euch als Gewerkschaft verändert, welche Probleme ergeben sich aus der Liberalisierung des Postmarktes?

Jane Loftus: Vor der Privatisierung gab es starke Abkommen mit Royal Mail. Das Unternehmen war verpflichtet ordentliche Arbeitsverträge auszustellen und die Arbeit konnte auch nicht ausgelagert werden. Mittlerweile stehen diese Abkommen aber auf der Kippe, die Angestellten müssen um ihre Pensionen bangen, die Arbeit wird prekärer und Arbeitsplätze werden eingespart. Das Problem ist, in derselben Zeit wird Geld aus dem Unternehmen genommen um Dividenden an die Aktionäre auszuzahlen. Dies kann nur erzielt werden wenn gleichzeitig die Rechte der MitarbeiterInnen beschnitten werden. Es ist die Natur kapitalistischen Wirtschaftens die betriebliche Demokratie zu untergraben.

Unsere Zeitung: Vor einigen Wochen beschloss der britische Gewerkschaftsbund (TUC) vor allem gegen die Deckelung der Lohnerhöhungen von 1 Prozent im öffentlichen Sektor aktiv zu werden, welche Auswirkungen hat euer Votum auf andere Gewerkschaften im Vereinigten Königreich?

Labour-Chef Jeremy Corbyn, rechts neben CWU-Präsidentin Jane Loftus, unterstützt die Postarbeiter

Jane Loftus: Krankenschwestern, Feuerwehrleute und andere öffentlich Bedienstete müssen seit 7 Jahren mit dieser faktischen Lohnkürzung leben, das ist ein harter Kampf. Im selben Zeitraum wurden auch noch 100.000 Stellen in diesem Bereich abgebaut. Was die konservative Regierung Austerität nennt ist im Grunde genommen folgendes: Wir zahlen für die Bankenkrise, die sie verursacht haben.
Die öffentliche Meinung und auch in den Betrieben ändert sich aber gerade stark, es gibt viele die jetzt einfach sagen „enough is enough“! Unser Votum hilft dabei viele in dieser Bewegung mitzunehmen, wir müssen aber weiterhin viel in die Betriebe gehen und versuchen vor allem auch lokal Betriebsräte aufzubauen die alltäglich helfen können den Arbeitsalltag zu verbessern.

Unsere Zeitung: Ihr beschreibt das neue Gewerkschaftsgesetz als drakonisch, was hat sich für eure Arbeit verändert?

Jane Loftus: Es gibt jetzt noch größere Hürden für Arbeitskämpfe, es wird also immer schwieriger unsere Forderungen auch mit starken Kampfmitteln wie Streiks umzusetzen. Denn meiner Erfahrung nach war es in den letzten Jahrzehnten immer so, dass auch wenn sich nicht alle an den Urabstimmungen beteiligt haben, wenn wir dann gestreikt haben, waren immer 100 Prozent dabei. Solche Maßnahmen werden in Zukunft schwieriger.

Unsere Zeitung: Der Postsektor hat sich in den letzten Jahren stark verändert, es werden immer weniger Briefe geschrieben dafür hat der Paketmarkt massiv zugenommen. Zusätzlich dazu steigen immer mehr Anbieter in den Markt ein, wie begegnet ihr diesen Entwicklungen?

Jane Loftus: Ja, vieles hat sich verändert, aber in vielerlei Hinsicht auch zum Positiven. Es gibt jetzt mehr Menschen die zu ihrer Haustüre kommen und etwas zustellen, das heißt, es gibt mehr Arbeit für die Post und das ist gut. Allerdings passiert diese Entwicklung in einem deregulierten Markt mit vielen Anbietern. Der Prozess der Modernisierung, auch mit Automatisierungen, wird auch bei Royal Mail weitergehen, wir haben auch kein Problem mit der Änderung der Zustellungen einmal morgens und einmal abends. Wichtig ist es aber in diesem Prozess sicherzustellen, dass gute Arbeitsverträge und geregelte Arbeitszeiten beibehalten werden, denn am Ende des Tages wird es immer jemanden brauchen der die Post bis zur Haustüre liefert.

Unsere Zeitung: CWU fordert die Renationalisierung von Royal Mail als staatlichen Dienstleister, welche Forderungen stellt ihr im Bereich der Regulierung des Postsektors?

Jane Loftus: Wir verstehen die Post als eine öffentliche Dienstleistung, das bedeutet der freie Markt funktioniert hier nicht. Was die Liberalisierung im Postmarkt bewiesen hat ist vor allem eines, in vielen Bereichen braucht es mehr denn je ein nationales Monopol. Volkswirtschaftlich gesehen müssen wir zugeben, dass es schlichtweg keinen Sinn macht wenn fünf verschiedene Unternehmen das ganze Land auf und ab fahren um Dinge zuzustellen. Was funktioniert ist ein nationaler Zusteller und in meinen Augen ist das Royal Mail.

Alle Fotos: Jane Loftus/CWU

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