Klimaschutz: Vom Plan zur Wirklichkeit

Eine neue Studie quantifiziert erstmals Österreichs verbleibendes CO2-Budget, um den Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzvertrag nachzukommen. Maximal 1.500 Mio t CO2 Äquivalente sind „noch drin“ bis 2050. Angesichts der soeben weltweit kartierten Rekordwerte an CO2 in der Atmosphäre sehen die Autoren des Wegener Center der Uni Graz dringenden Handlungsbedarf in mehreren Bereichen. – Von Robert Manoutschehri

„Es ist wie bei einem (Familien-) Haushalt, der mit seinem Einkommen auskommen muss: Wir haben nur noch eine begrenzte Menge an Treibhausgasen, die wir emittieren dürfen, um das Mindestziel des Pariser Klimaschutzabkommens zu schaffen, die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter 2°C. Überziehen wir unser Treibhausgas-Budget, verfehlen wir nicht nur diese Ziele, wir machen auch Schulden auf Kosten der zukünftigen Generationen, die die Zeche in Form von Klimaschäden zahlen müssen“, erklärt Hildegard Aichberger, Geschäftsführerin der Initiative Mutter Erde und Initiatorin der Studie.
 
„Derzeit ist in Österreich aber eine Weichenstellung in die falsche Richtung sichtbar, da die Treibhausgasemissionen seit 2015 wieder steigen und deutlich über dem Niveau von 1990 liegen“, so Johannes Wahlmüller von GLOBAL 2000.
 

Noch 33 Jahre bis zur „Stunde Null“ (wenn überhaupt …)

Nach naturwissenschaftlichem Konsens ist es für die Eindämmung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter 2°C unerlässlich, aus der Nutzung fossiler Energieträger bis Mitte des Jahrhunderts auszusteigen, sowie die nicht-energetischen Emissionen (etwa aus chemischen Prozessen oder der Landnutzung) netto global auf annähernd Null zu reduzieren. Bedingt durch die lange Verweildauer von Treibhausgasen in der Atmosphäre (CO2 z.B. mehrere hundert Jahre), ist der Effekt der kumulierten Emissionen über eine Zeitspanne von Bedeutung. Zur Sichtbarmachung dieses Effekts eignet sich das Konzept des Treibhausgasbudgets – jene Menge der THGs aus anthropogenen Quellen, die seit Beginn der Industrialisierung freigesetzt wurden bzw. noch freigesetzt werden können, um eine Temperaturerhöhung über 1,5 °C mit einer Wahrscheinlichkeit von zumindest zwei Drittel zu vermeiden.
 
Aus dem global ab 2017 noch verfügbaren Treibhausgasbudget von rund 800 Mrd. Tonnen CO2 lässt sich jenes für Österreich ableiten: Maximal rund 1.500 Mio t CO2äqu für den Zeitraum 2017 – 2050. Der aktuelle Wissensstand geht davon aus, dass mit dem hier zugrunde gelegten globalen Budget eine Begrenzung innerhalb 2 Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gewährleistet ist. Eine Erhöhung im globalen Schnitt um zwei Grad bedeutet für Österreich nämlich eine Temperaturerhöhung im Bereich von 4,5 bis 6,6 Grad Celsius!!!
 
Zwischen 1990 und 2015 lagen die Emission aggregiert bei knapp 2.700 Mio t CO2 äqu. Mit dem noch verfügbaren, deutlich geringeren Budget gilt es nicht nur für die verbleibende längere Zeitspanne von 33 Jahren auszukommen, sondern zugleich auch die Netto-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte auf nahe Null zu senken. Eine Beibehaltung heutiger Emissionsniveaus braucht das Budget Österreichs bereits deutlich früher auf (bereits 2035), ebenso wie auch eine zu geringe Senkung derselben es vor 2050 aufbraucht.

Umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nötig

„Mit diesem Budget auszukommen erfordert daher tiefgreifende Änderungen in unserem Wirtschaftsstil. Ein solcher Weg kann nur durch umgehende und tiefgreifende Neuorientierung und politisches Handeln in allen Bereichen Wirklichkeit werden“, so Lukas Meyer und Karl Steininger, die Studienautoren der Uni Graz, über die nötige umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft.
 
Für ein Industrieland wie Österreich gilt es daher bis 2030 die Nahrungsmittelversorgung auf nachhaltige Lebensmittel umzugestalten, bei gleichzeitiger Emissionsreduktion und Ökosystemerhaltung (Biodiversität). Die erste Welle smarter und disruptiver Veränderungen soll Platz greifen, von Energie-Effizienzmaßnahmen allein wird in vielen Bereichen (Haushalte, Industrie) eine Emissionsreduktion bis zu 50 Prozent erwartet. Im Verkehrsbereich kann das Beispiel anderer Länder Schule machen, die ein Auslaufen der Zulassung von Verbrennungskraftmotoren in Fahrzeugen bis 2030 beschlossen haben. Auch der Übergang zu treibhausgasfreiem Fernverkehr ist wichtig – durch erneuerbare Treibstoffe, Elektrifizierung und Substitution von Kurzstreckenflügen durch Intercity-Bahnverbindungen.
 
Bis 2040 wird erwartet, dass Öl aus dem Energiemix weltweit verdrängt wird, auch im Flugverkehr soll die vollständige Umstellung auf treibhausgasneutrale Treibstoffe abgeschlossen sein. Alle Gebäude werden mit treibhausgasneutralen Baustoffen errichtet – emissionsfreier Zement und Stahl oder Null-Emissionsbaustoffen wie Holz, Stein oder Karbonfaser.
 
Von den europäischen Ländern wird jedenfalls erwartet, dass sie ihre Treibhausgasneutralität im Wesentlichen in den frühen 2040er Jahren erreichen. Bis 2050 sind weltweit netto Nullemissionen von CO2 erreicht – bei einer globalen Wirtschaft, die auf kohlenstofffreier Energie basiert, und Ernährung aus kohlenstoffbindender nachhaltiger Landwirtschaft. Mit dem Pariser Klimaschutz-Abkommen von 2016 haben sich bereits 49 Länder zur Kohlenstoffneutralität bis 2050 verpflichtet (darunter europäische Länder wie Norwegen oder Schweden), Österreich hat aktuell nur Ziele für 2020 festgelegt (Klimaschutzgesetz), jedoch noch keine konkreten Ziele über diesen Zeitraum hinaus…
 

Der Status quo bei CO2

Laut jüngst veröffentlichtem Bericht der österreichischen Luftschadstoff- und Treibhausgas-Inventur des Umweltbundesamts und Statistik Austria haben wir zwischen 1995 und 2015 zwar laufend weniger Schadstoffe und THGs freigesetzt, die CO2-Emissionen nahmen jedoch um insgesamt 4,6 Prozent zu, wobei 2015 erstmals wieder ein deutlicher Anstieg bei den CO2-Emissionen verzeichnet wurde. Der bisherige Höchstwert wurde mit rund 74 Millionen Tonnen im Jahr 2005 erreicht. In den vergangenen 30 Jahren ist also kein einziges Gramm CO2 eingespart worden, es ist sogar ein weiterer, ungebremster Anstieg festzustellen.
 
Laut eben erschienenem Jahresbericht der Europäischen Kommission und Satelliten-gestütztem, globalen Monitoring der fossilen Treibhausgase Kohlenstoffdioxid (CO2), Methan (CH4) and Lachgas (N2O) sowie Luftschadstoffen sind die Emissionen EU-weit seit drei Jahren relativ konstant. Die CO2 Emissionen in Österreich sind jedoch weiter im Steigen begriffen, ebenso in Indien. Die Werte in Russland, China, USA und Japan sinken hingegen sogar leicht.
 
In dem umfassenden Bericht ist die Entwicklung der Treibhausgase im Zeitraum zwischen 1990 und 2016 in einzelnen Länderkarten von insgesamt 216 Nationen einzusehen. Das Pariser Klimaabkommen sieht jedenfalls vor, dass Österreich seinen CO2-Ausstoß bei Verkehr und Landwirtschaft von 2021 bis 2030 um ganze 36 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 senken muss. Die EU als gesamter Staatenbund hat 30 Prozent der Treibhausgase abzubauen. Insgesamt hat sich die EU verpflichtet, ihren CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren.
 
Diese wohl wichtigste Herausforderung unserer Zivilisation wird auch auf der 23. Weltklimakonferenz in Bonn vom 6. – 17. November in hoffentlich detaillierte und einheitliche Maßnahmen für alle 195 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention münden.
 
Titelbild: Klimawandel (pixabay.com; public domain)
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