100 Jahre Oktoberrevolution – 100 Jahre Acht-Stunden-Tag

Anlässlich des des sich am 7. November (oder nach im damaligen Russland noch herrschenden Julianischen Kalender 25. Oktober) jährenden 100. Jahrestags des Roten Oktober:

Um 1830 forderte der utopische Sozialist Robert Owen unter der Losung: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“, als Erster den 8-Stunden-Tag. 

Der von Marx gerne herangezogene englische Ökonom Nassau William Senior erklärte in einem „Sachgutachten“ gegen die Agitation für die Verkürzung des 12-Stunden-Tags: Wenn die tägliche Arbeitszeit um nur 1 Stunde reduziert würde, verschwänden die Reingewinne, bei Verkürzung um 1,5 Stunden auch die Bruttogewinne. Der weitere Geschichtsverlauf blamierte die Propaganda und den ökonomischen Analphabetismus dieses Lohnschreibers der Herrschenden bis auf die Knochen. 

Die „Marxschen Hieroglyphen“

So kam es denn auch gegen die – bis heute von der Mainstreamökonomie – an die Wand gemalten Schreckgespenste 1833 in England zur ersten teilweisen Normierungen der Höchstarbeitszeit (verbindlich zunächst für die Textilindustrie). Errungen auf Druck der Arbeitenden wie des Umstands, dass die Rekruten der Industriebezirke immer weniger „indientauglich“, also für die englische Krone aufgrund der katastrophalen Arbeitsverhältnisse immer weniger militärtauglich wurden, gelang es so, die erste Schranke gegen die hemmungslose Ausbeutung des Kapitals aufzurichten. „Erst seit dem Fabrikgesetz von 1833 … datiert für die moderne Industrie ein Normalarbeitstag“ – so Karl Marx im „Kapital“. 

Wichtige Zwischenschritte

1847 wiederum legte auf dem Hintergrund des Drucks der Chartistenbewegung dann das Fabrikgesetz Englands (die Ten Hours Bill) – als Etappenziel auf dem beschwerlichen Weg zur Durchsetzung des 8-Stunden-Tages – erstmals verbindlich fest, dass in Großbritannien ab 1. Mai 1848 der 10-Stunden-Tag eingeführt wird und die Arbeitszeit pro Woche 58 Stunden nicht überschreiten darf.

Die englischen Kämpfe strahlten über die Grenzen aus und verhalfen den französischen ArbeiterInnen das Gesetz über den 12-Stunden-Tag als wesentliches Ergebnis der Februar-Revolution 1848 zu erzwingen. Allerdings, was sowohl bei diesen frühen, wie auch späteren Errungenschaften im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung mitbedacht werden muss, verblieb die häusliche und familiäre Reproduktionsarbeit weitestgehend ungebrochen auf den Schultern der weiblichen Werktätigen, so dass der abschließende Aspekt der Losung Owens: „acht Stunden Freizeit und Erholung“ für die weibliche Hälfte der Arbeitenden bis in unsere Tage nur eingeschränkt zum Tragen kam und kommt.

1849 wurde die Grenze der wöchentlichen Arbeitszeit in England – in einer Gegenoffensive der Industriellen – (wieder) auf 60 Stunden angehoben. (Ein Markstein, der mehr als eineinhalb Jahrhunderte danach, im zurückliegenden rot-schwarzen Regierungsprogramm wieder aus der Mottenkiste der Geschichte gekramt wurde.)

1850 gelang es dennoch, den 10-Stunden-Tag (der zunächst nur für Frauen und Jugendliche galt), für alle Arbeiter (wenn auch zunächst nur in der Textilbranche) gesetzlich zu verankern.

Ähnlich gelagert gelang es in Kombination des Drucks von unten und taktischer wie kriegsbezogener Interessenslagen der herrschenden Klasse, später auch in Österreich den 12-Stunden-Tag einzuschränken. 1885 wurde dieser unter Kaiser Franz Joseph wegen seiner gesundheitsschädigenden Auswirkungen in seinerzeitiger Form in Fabriken abgeschafft.

Der Kampf um den 8-Stunden-Tag und erste Teilerfolge

Demonstration der Schweizer Jungsozialisten für den 8-Stunden-Tag (public domain)

1866 forderte der Genfer Kongress der (kurz zuvor gegründeten) I. Internationale, anknüpfend an die Bewegungen rund um den Globus, seinerseits den 8-Stunden-Tag und erhob diesen damit zugleich “zur allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der gesamten Welt“.

Bedeutete die 10-Stunden-Bill in England für Marx einen ersten „Sieg der politischen Ökonomie der arbeitenden Klassen“, so charakterisierte er den 8-Stunden-Tag zusätzlich als die „bescheidene Magna Charta“ der Arbeitenden. Der 8-Stunden-Tag avancierte daraufhin zur wichtigsten unmittelbaren sozialen Forderung der internationalen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung.

1889 beschloss die II. Internationale auf ihrem Gründungskongress, dass alle ArbeiterInnen am 1. Mai 1890 für diesen international auf die Straße gehen sollten. Die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag stand so zugleich an der Wiege des 1. Mai. Weltweit gingen die Arbeitenden unter dem Motto “8 Std. Arbeit – 8 Std. Freizeit – 8 Std. Schlaf” auf die Straßen, um dessen Einführung zu erkämpfen.

Der erste Teilerfolg im Kampf um den 8-Stunden-Tag gelang jedoch (bereits zuvor) in Australien. Die Minenarbeiter im australischen Victoria erkämpften sich 1856 in Melbourne erstmals den 8-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich. (Ihre Kollegen in Sydney hatten diesen sogar schon ein Jahr zuvor, 1855, allerdings mit Lohneinbußen, errungen.) Auf diesen frühen Ersterfolg folgten, mit seiner Erhebung zur zentralen internationalen Forderung, auf Druck der Massenbewegungen und harter Kämpfe, weitere Teilerfolge. Nächste Etappensteine markieren darin beispielsweise die Einführung des 8-Stunden-Tags für die englischen Staatswerkstätten 1894 oder das Inkrafttreten des Achtstundengesetzes für die Eisenbahnangestellten in den USA 1916. Aber auch für die rd. 35.000 Arbeiter der Staatsbetriebe Frankreichs galt 1914 bereits ein 8-Stunden-Tag. Allerdings waren damit noch nicht mehr als erste bescheidene Vorreiterpositionen errungen. Das Kapital und seine politischen Gewährsmänner sträubten sich weiterhin vehement gegen diese Arbeitszeitverkürzung.

Die russische Revolution: der Durchbruch – im umkämpften Zickzack bis zum Roten Oktober

Der Durchbruch gelang schließlich im Zuge der russischen Revolution. Im Zarenreich herrschte neben den ungemein harten Arbeitsbedingungen und der strengen Arbeitsdisziplin zunächst auch lange Zeit zugleich noch ein 12-Stunden-Arbeitstag vor. Entsprechend enthielt denn auch bereits die am „Blutsonntag“ des Jahres 1905 im wahrsten Sinn des Wortes im Blut des friedlichen Massenzugs ertränkte Petition der Petersburger ArbeiterInnen an den Zaren (neben der Forderung nach Betriebsräten, u.a.), die Forderung auf Einführung des 8-Stunden-Tages. Die dadurch ausgelöste revolutionäre Erhebung konnte vom Zarismus zunächst noch ebenso blutig niedergeschlagen werden.

Infolge der Kriegs-Erschütterungen des 1. Weltkriegs befand sich der Kapitalismus für Lenin darauf jedoch in einer revolutionären Situation. Und tatsächlich reifte im zaristischen Russland eine solchemehr und mehr heran. Bereits im Sommer 1916 kam es im Vielvölkerstaat und zaristischen Völkerkerker zu einem antikolonialen Aufstand in Zentralasien. An der Front nahmen parallel die Soldatenunruhen zu. Die Bauern wiederum wandten sich in immer größerer Zahl gegen die Gutsbesitzer. Und im Herbst kam es aufgrund der zunehmenden Verschlechterung der Lebensmittelversorgung dazu noch zu massiven erneuten Streikwellen in den Städten.

Zu Beginn des Jahres 1917 wuchs die revolutionäre Bewegung im ganzen Land rasch weiter an. Am 9. Jänner, dem Jahrestag des „Blutsonntags“ von 1905, fanden in vielen Teilen Russlands, allem voran in Moskau und Petrograd, Massendemonstrationen statt, die in den folgenden Wochen nicht abebbten, sondern sich zu Streiks und Hungermärschen anwuchsen. Am 18. Februar 1917 traten dann die kampferprobten Arbeiter der Petrograder Putilow-Werke in den Streik. Auf die hierauf folgende Aussperrung der Putilow-Arbeiter antworteten die ArbeiterInnen der anderen Petrograder Betriebe mit Solidaritätsdemonstrationen und –streiks, die schließlich in einen Generalstreik mündeten. Tags darauf, am Internationalen Frauentag (23. Februar nach damaligem russischen Kalender), schlossen sich die Frauen Russlands den Demonstrationen an. Es kam zu ersten Zusammenstößen mit der Polizei. Am Folgetag wuchs die Bewegung in einen allgemeinen politischen Streik unter den Losungen „Nieder mit dem Zaren!“, „Nieder mit dem Krieg!“, „Brot!“ hinüber. Dies bedeutete den letztendlichen Durchbruch zur Revolution.

Am 26. und 27. Februar gingen die Soldaten der Garnison auf die Seite der Massen über, und der Kampf in den bewaffneten Aufstand über. Nach erbitterten Kämpfen befand sich die Hauptstadt am Abend des 27. Februar in den Händen der Revolutionäre. Zwei Tage später folgte Moskau. Die zaristische Selbstherrschaft brach sang- und klanglos zusammen und dankte ab. Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution hatte gesiegt. Aus der „Duma“ ging am 28. Februar eine „Provisorische Regierung“ hervor. Die Macht lag allerdings beim Petrograder Sowjet, dem Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der sich ebenfalls am 28. Februar gründete.

Auf dem Boden der sich parallel mit dem Sturz des Zaren im Verlauf der Februarrevolution 1917 (erneut) herausbildenden Arbeiterräte, gelangten die Verhältnisse nunmehr auch bezüglich des 8-Stunden-Tages in Bewegung. Durchlitten die Arbeitenden der Städte im Anschluss an ihre Niederwerfung neben der Härte der noch im Gang befindlichen industriellen Revolution auch noch die Plagen der einsetzenden Kriegsproduktion, so gelang es dem Petrograder Sowjet am 23. März mit dem Petrograder Unternehmerverband ein Abkommen über die Einführung des 8-Stunden-Tags in den Betrieben der Hauptstadt abzuschließen. Moskau und weitere Industriezentren folgten in den Tagen danach diesem Beispiel. Schon zuvor führten zahlreiche der mit den Sowjets entstandenen Betriebskomitees in den Betrieben bzw. die Sowjets der Industriegebiete bis in den Ural und ins Donezbecken von sich aus den 8-Stunden-Tag ein.

In den vielen Kleinstädten außerhalb der großen Industriezentren und am flachen Land sträubten sich die Unternehmer, Gutsbesitzer u.a. allerdings noch hartnäckig gegen seine Einführung. Immer offenere Unterstützung hiergegen fanden sie dabei seitens der „Provisorischen Regierung“, die nach dem kurzeitigen allgemeinen „Revolutionsrausch“ (Lenin) des Februars, mehr und mehr danach trachtete, die von den Arbeitenden gerade erst erkämpften Errungenschaften bei erstbester Gelegenheit wieder zu beschneiden. Wie prekär es um die erzielten Durchbrüche zum 8-Stunden-Tag stand, zeigt sich vollends, als nach der geschichtlich erstmaligen Beteiligung der russischen Sozialdemokratie an einer Regierung (mit dem Eintritt der Menschewiki in eine Koalitionsregierung – bestehend aus zehn Kadetten und Oktobristen, sechs Sozialrevolutionären und Menschewiki – am 5. Mai), der menschewistische Arbeitsminister Matwei I. Skobelew in der Frage des 8-Stunden-Tages Position auf Seiten der Unternehmer bezog.

Zur lückenlosen, gesetzlichen Einführung des 8-Stunden-Tages bedurfte es erst der Umwälzungen des Roten Oktobers. Gerade einmal ein Monat nach der Oktoberrevolution führte die junge Sowjetmacht am 11. November als erstes Land den generellen 8-Stunden-Tag ein.

Auf den revolutionären Wogen des Jahres 1918 gelang es dann, ihn ab 1. Jänner 1919 auch in Österreich gesetzlich zu verankern.

Der Beitrag erschien zuerst auf komintern.at
Titelbild: Versammlung des Petrograder Sowjet (Quelle: komintern.at)

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