Jugendvertrauensrat ade – Mitbestimmung von Lehrlingen in schwarz-blauen Zeiten

Seit 1974 können Lehrlinge in Betrieben, mit mehr als 5 Lehrlinge eine eigene Vertretung wählen. Diese Vertretung (Jugendvertrauensrat) soll nach Meinung der neuen Regierung abgeschafft werden. Von Christian Hofmann

Jugendvertrauensrat – was ist das eigentlich?

1974 führte die sozialistische Alleinregierung den Jugendvertrauensrat (JVR) ein. Mit dieser neuen Regelung sollten Lehrlinge die Chance erhalten, eine eigene Vertretung im Betrieb zu wählen. Ähnlich dem Betriebsrat müsste in jedem Betrieb mit mehr als 5 Lehrlingen ein Jugendvertrauensrat gewählt werden und die jeweiligen JugendvertreterInnen sich alle 2 Jahre (nicht wie Betriebsräte alle 5 Jahre) der Wahl stellen. Wahlberechtigt sind alle Lehrlinge unter 21 bzw. ArbeitnehmerInnen unter 18 (welche es bedingt durch die Ausbildungspflicht bald nicht mehr geben wird) und alle MitarbeiterInnen bis zum 23 Lebensjahr können sich der Wahl stellen. Der Jugendvertrauensrat soll ähnlich dem Betriebsrat die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Lehrlinge vertreten. Besonders wichtig ist dabei die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen bzgl. der Ausbildung der Lehrlinge. Der Jugendvertrauensrat genießt t im Rahmen seiner Tätigkeit einen erweiterten Kündigungsschutz.

Im Lehrlingsmonitor 2015 der Österreichischen Gewerkschaftsjugend, für den über 6.000 Lehrlinge befragt wurden, geben 30 Prozent an, dass sie mit ihren Ausbildern nicht über die Abschlussprüfung gesprochen hätten, 20 Prozent geben an nicht von ihrem Betrieb auf die Prüfung vorbereitet zu werden. Erschreckend ist, dass knapp die Hälfte der Lehrlinge der Aussage zustimmt, ihre Arbeitsaufgaben unter Zeitdruck zu vollführen. Nur 27 Prozent gehen von einem sicheren Arbeitsplatz im Betrieb (Übernahme) nach der Beendigung ihrer Lehre aus. Österreichweit liegt die Rate jener Lehrlinge, die nicht beim ersten Mal ihre Lehrabschlussprüfung positiv absolvieren bei zirka 4-5 Prozent. In Wien zum Beispiel haben im Jahr 2016 rund 23 Prozent aller Lehrlinge ihre Abschlussprüfung nicht bestanden. Für Jugendvertrauensräte gäbe es also eigentlich viel zu tun, besonders was die Ausbildungsqualität betrifft. Spannend ist dabei, dass besonders in jenen Branchen, in denen viele Betriebe einen JVR haben (beispielsweise Industrie oder Bankwesen), die Lehrlinge meist überdurchschnittlich mit ihrer Lehre zufrieden sind.

Die schwarz-blauen Pläne

Unter dem Deckmantel der „demokratischen Partizipation“ will schwarzblau die demokratische Mitbestimmung von Lehrlingen einschränken, dazu ein Auszug aus dem Regierungsprogramm: Das aktive Wahlalter bei Betriebsratswahlen wird von 18 auf 16 Jahre gesenkt (Harmonisierung mit „Wählen ab 16“) und ersetzt den Jugendvertrauensrat. Die meisten Lehrberufe haben in Österreich eine 3-jährige Lehrzeit. Viele Lehrlinge würden die Möglichkeit verlieren ihre Interessenvertretung zu wählen, da sie aus dem Betrieb ausscheiden bevor die nächste Möglichkeit besteht die eigene Interessenvertretung zu wählen. Alle Lehrlinge unter 16 Jahren, immerhin knapp ein Drittel aller Lehrlinge in Österreich, würden überhaupt die Chance verlieren die eigene Vertretung im Betrieb zu wählen.

Die „Aufwertung“ des Betriebsrates um die Agenden des Jugendvertrauensrates bedeutet vielfach eine zusätzliche Belastung der Betriebsräte, deren Anzahl gleich bleibt oder gar sinkt – Stichwort Arbeiter und Angestelltenbetriebsratsangleichung -, die Aufgaben aber werden immer mehr.

Vielfach agieren JVRs auch als Ausgleich, wenn es zu Streit zwischen Lehrlingen kommt. Die Praxis zeigt hierbei, vielfach brauchen junge Menschen Vertrauenspersonen im selben Alter damit Konflikte dauerhaft und nachhaltig gelöst werden können. Außerdem dienen viele Jugendvertrauensräte als Schnittstelle zwischen Berufsschule und Ausbildung im Betrieb. Sie sind Vertrauenspersonen, wenn es um Probleme in der Schule geht und vielfach auch, wenn es um private Probleme geht, die sich auf Schule und Betrieb auswirken. Fraglich ist, in wie weit sich Jugendliche mit ihren Problemen an Betriebsräte wenden, die oftmals deutlich älter sind als sie selbst.

Christian Hofmann ist Jugendsekretär der GPA-djp Jugend

Fotos: GPA-djp Jugend (fb)

2 Kommentare

  1. Als ehemaliger JVR bin ich schockiert über die abartigen Pläne der uns regierenden Befehlsempfänger der WK und der IV.
    Funktionäre der Sozialversicherung, der Arbeiterkammer, des ÖGB, der betrieblichen AN-Vertretung, ALLES FEINDBILDER DER REGIERUNG!

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