Theater insane

Wenn Shakespeare alle Grenzen sprengt – Oliver Suchanek berichtet von einem verrückten Theaterabend: „Shakespeare insane“ (Ensemble’83/Bruck an der Leitha)

Shakespeare insane (Foto: Andy Gfrerer)

In einer Welt, in der einem die Meinung praktisch schon von den Medien vorgekaut und auf einem Silbertablett serviert wird, vergessen wir oftmals, wie wichtig es ist, sich eine reflektierte, eigene Meinung zu schaffen. Wir neigen dazu zu vergessen, dass eine Sache nicht nur schwarz und weiß ist, sondern viele Facetten hat, die das Gesamtbild stark beeinflussen. Nehmen wir zum Beispiel einen Zylinder her, beleuchten wir diesen von der Seite, fällt ein quadratischer Schatten; doch beleuchten wir denselben von vorne, so sehen wir einen kreisförmigen Schatten. Beide Schatten sind zwar echt, aber dennoch separat betrachtet, können sie zu einem falschen Rückschluss führen – nämlich, dass das beleuchtete Objekt ein Würfel oder eine Kugel sei.

Gegen den Strom schwimmen ist zwar eine harte Arbeit, aber mit einem Zylinder fällt es einem sicherlich einfacher – vor allem für die, die nicht schwimmen können.

Doch die Zylinder-Allegorie trifft nicht nur auf Medien zu, sondern auch auf die Gesellschaft. Vor allem jedoch, wie diese Gesellschaft vom Theater kritisiert und durch den Mainstream-Kakao gezogen wird. Wenn man an eine Anstalt, ein Sanatorium denkt, fallen einem eine Vielzahl an Begriffen ein und „verrückt“ ist der Spitzenreiter der Liste. Doch was normalerweise ein übles Vorurteil ist, ist bei Shakespeare insane Programm. Ganz zum Entsetzen von Aristoteles wählt Shakespeare insane die Komödie als Plattform, um so harte Themen, wie Mental Health und ein verkorkstes Arztsystem, anzusprechen.

Vom Alkoholiker Polonius bis hin zum sexsüchtigen Horatio – oder dem golfspielenden Primar – zeigt das Polydrama eine Vielfalt an interessanten Patienten mit noch interessanteren Diagnosen. Doch am interessantesten ist die Behandlungsmethode der Oberärztin Dr. Roth: die Theatertherapie. Hierbei werden die Patienten dazu ermutigt ihr Verhalten, durch das Aufführen von Shakespeare, zu reflektieren. Als hier jedoch das Sanatorium für wissbegierige Studierenden offenstand, nahm die Theatertherapie eine ganz andere Eigendynamik an. Im Gegensatz zu anderen Theaterstücken, die meistens nur auf einer Bühne stattfinden, teilt das Polydrama diese mit seinen Zuschauern. Damit einem der Hintern nicht einschläft, wird man dazu gezwungen, sich verschiedene Handlungsstränge in verschiedenen Räumen anzuschauen, um sich somit ein eigenes Bild der Gesamtsituation zu schaffen. Dies weiß der Regisseur, Thomas Mayer, und sein Kollege, Thomas Petznek-Böhm, auch für sein Stück auszunutzen. Sie verwandelten die Erbse in ein „echtes“ Sanatorium und machten die Zimmer der Patienten zu den Schauplätzen des Stückes. Die engagierten Mitglieder des Ensembles 83 machten jedoch diese Plätze erst zu den Holzdielen auf denen Träume wahr werden. Nach Monaten des Probens wurden diese bunte Mischung an talentierten Schauspielern ihren Rollen mehr als gerecht.

Da ich einen nicht ganz so anonymen Tipp vom Pfleger Phillip bekommen habe, verfolgte ich in dieser Vorstellung Horatio mal genauer. Am Anfang waren seine albernen Annäherungen, auch mit dem Mobiliar, sehr amüsant und mehr oder weniger ernst, aber immer amüsant. Ein richtig charmanter und dreister Charmeur, welcher auch bei mir nicht halt machte. Ein süßes Lächeln hatte er ja, aber wieder zurück zum Thema. Selbst die Obsession, die er mit seiner Sanatorium Kollegin Orphelia hatte war, wenn auch recht penetrant, nichts, was man nicht mit einem Lächeln begutäugeln könnte. Zumindest so lange, bis er nicht das bekam, was er wollte. Solange bis sich das einfach mit Gewalt nehmen wollte. Ein Schockmoment, welcher aufzeigt, dass solche lustigen Fassaden nicht die Ernsthaftigkeit von Problemen trügen sollten. Egal, ob Sexsucht, oder andere wie Depressionen.

Eines ist ganz klar: Um das Stück komplett gesehen zu haben, muss man definitiv mehrmals dabei gewesen sein. Seien wir ehrlich, nach so einem genialen Stück will man das sowieso. Durch die Sprengung der vierten Wand mit dem Publikum, wurde eine ungezwungene Atmosphäre geschaffen, die zum Interagieren einlud. Von einfachen Kommentare abgeben beim „Personal“ bis hin zum Whiskey trinken mit dem charmanten Patienten Horatio, fühlte man sich hier wirklich wie ein Student in einer Irrenanstalt einem Sanatorium. Die belegten Brötchen, die nach der Personalversammlung noch am Tisch lagen, waren keine Probs mehr, sondern luden die dreisten zum Zugreifen ein.

Abschließend kann man sagen, dass der Abend mehr als gelungen war und eine ganz neue Theatererfahrung näher brachte. Die Auswahl der Themen und die Umsetzung diese in ein Polydrama hätte Shakespeare sicherlich stolz gemacht. Ein echt genialer Abend von genialen Leuten.

Für die Theater Enthusiasten unter euch – kleiner Tipp: „Die Physiker“. Ob Shakespeare insane von diesem inspiriert worden war, lässt sich schwer sagen, doch kommt man schwer drumherum, beide Stücke miteinander zu verbinden, wenn man sie kennt.

Titelbild: Shakespeare mural by Jimmy.C.; Clink Street, London (Ungry Young Man/flickr.com; Lizenz: CC BY 2.0)

 

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