Wenn Kulturen und Traditionen starke Wurzeln haben, kann niemand sie zerstören

Der bolivianische Künstler Francisco Claure Ibarra zeigte in der Ausstellung „Scullputures“ in der Galerie am Schillerplatz seine Werke. – Interview

Von Natascia De Franceschi

Schon mit der Ankunft der ersten Europäer wurde mit allen gewaltsamen Mitteln versucht, die Völker Lateinamerikas samt ihren Kulturen und Traditionen zu vernichten. Obwohl bekannt ist, dass Kolonisatoren Völkermorde in diesen Ländern verübt haben, haben sie es nie geschafft, die großartigen und entwickelten Kulturen und Traditionen vollständig zu vernichten. Trotzdem sind sie nicht verloren gegangen – ganz im Gegenteil.

Ein solches Beispiel der Gegenwart sind die Werke des Künstlers Francisco Claure Ibarra aus Bolivien. In seiner 3-tägigen Ausstellung „Scullputures“ in der Galerie am Schillerplatz, die am Donnerstag eröffnet wurde und bis Samstag, 22. September, zu sehen war, erinnerte er an die alten Traditionen der präkolumbianischen Völker der Anden.

Francisco Claure Ibarra begann sich schon früh für Kunst, insbesondere für Malerei, zu interessieren und konnte erst nach zwei Jahren eine Kunstschule besuchen. Bald musste er sie jedoch verlassen, um zur Erhaltung seiner Familie beizutragen. Er begann als Tischler zu arbeiten und dank dieser Arbeit entdeckte er seine Leidenschaft für Holzschnitzerei. Schon damals bemerkte er, dass er handwerklich begabt war.

Mit 23 Jahren kam er in Wien an, wo er sich auch die Kunst der Fotografie aneignen konnte. In seinen Fotos versucht er Landschaften und deren BewohnerInnen in ihrer Ursprünglichkeit und natürlichen Schönheit abzubilden. Ibarra wendet eine neue Technik an, bei der Naturmaterialien als fotografische Basis dienen, aus denen er selbst das Fotopapier herstellt. Damit verfremdet er die Bilder und steigert ihre Aussagekraft. Die Arbeit von Ibarra im fotografischen Bereich zielt auf die Ursprünge und Wurzeln der Fotografie: Seine Fotografien sind sehr einfach, in schwarz/weiß und werden mit Blattgold verziert. Seine Bilder sind auch im Nationalmuseum von Lima zu bewundern.In seiner Ausstellung „Scullputures möchte der Künstler sein neues Werk vorstellen: Er präsentiert Tierschädel, die mit vielen bunten Perlen geschmückt sind.

UZ: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schädel für Ihre Kreationen zu verwenden?

Schädel sind für mich wie Vogelfedern sie sind perfekte Formen, die ein Geheimnis enthalten und mich schon immer fasziniert haben.
Ich sehe in den Schädel nicht den Tod, sondern die Schönheit und die Fortsetzung des Lebens, die auf dieser Erde bleibt, obwohl sie den Körper verlassen haben. Ich bin überhaupt kein Jäger und ich bin gegen die Jagd: Meine künstlerische Absicht ist, den toten Resten eines Lebewesens eine neue Form mit einer neuen Haut zu geben, wie der Titel der Ausstellung sagt: SCULLPTURES, Topacus, a life after death“.

UZ: Was für Schädel sind das und wo finden Sie sie?

Diese Schädel stammen von diversen Arten von Kleintieren, wie beispielsweise Füchsen, Wildschweinen und Rehen, aber auch von Größeren Tieren, wie Büffeln, Bären, Kamelen, mehreren Arten von Antilopen, Gnus und Giraffen. Einige von denen habe ich durch Freunde bekommen, andere habe ich auf E-Bay gekauft.

UZ: Welche Technik verwenden Sie, um die Schädel zu verschönern?

Mein Kunststil geht zurück auf die Tradition einer mexikanischen Gruppe namens Huichol, eine ethnische Volksgruppe deren Angehörige während schamanischen Ritualen, in einen Trance-Zustand verfallen. Um ihre Träume darzustellen, fertigten sie Zeichnungen auf verschiedenen Materialien und Objekten an. Sie verwendeten farbige Fäden, um ihren Visionen eine visuelle Repräsentation zu geben und sie zeichneten geometrische Formen, sehr grafisch und farbig. Diese sind die typischen Symbole der kosmologischen Darstellung, die auch bei anderen KünstlerInnen der Andenvölker zu finden sind.
Das ist die TOPACUS, eine Art Schrift, die von den präkolumbischen Menschen verwendet wurde, eine piktographische Schrift, die aus Zeichen besteht, die entweder eine Idee oder stilisierte Formen von Wörtern darstellen kann. Diese Zeichen werden durch quadratische, rechteckige geometrische Figuren dargestellt, die Ideen bedeuten. Ibarra nimmt diese Art von Zeichnungen auf, aber in seiner Arbeit ist ihre Bedeutung nur grafisch, nicht symbolisch wie in den antiken Darstellungen, die jedoch als Inspiration dienten.

Ibarra verschönert die Schädel mit sehr kleinen farbigen Glasperlen, die er einzeln anbringt: Eine sehr feine Arbeit und der Künstler braucht lange, um eines seiner Werke zu vollenden. Er bleibt sieben, sogar manchmal auch bis zu zehn Stunden konzentriert bei der Arbeit und manchmal vergisst er auch zu essen und zu trinken. Er erzählt, dass er, wenn er eine Arbeit beginnt, keinen Plan hat, wie das Kunstwerk am Ende ausschauen soll. Die Welle der Inspiration zeigt ihm den Weg.

In Österreich leben circa 280 BolivianerInnen, darunter auch viele MusikerInnen. Claure ist der einzige bolivianischer Künstler, der in Österreich lebt und er ist ganz stolz darauf, dass er durch seine Werke Österreich die bolivianische Tradition näher bringen kann.

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