54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe

(c) Unsere Zeitung

Am 5. Januar 2016 erschien Marieke Nijkamps Roman, der in den USA zum Nr. 1 “New York Times”-Bestseller wurde. Er behandelt ein sehr heikles Thema: Amoklauf in der Schule. – Sonntag ist Büchertag

Eine Rezension von Oliver Suchanek

54 Minuten. 3240 Sekunden. 6 Minuten weniger als eine ganze Stunde. 54 Minuten, die so schnell vergehen können, aber sich genauso wie eine Ewigkeit anfühlen können. 54 Minuten, die brauchen, um ein einzelnes Leben, oder in diesem Roman mehrere, völlig zu zerstören.

Das Geschehen findet in Opportunity, einem kleinen, ruhigen Städtchen in Alabama, Amerika, statt. Genauer: In der Aula einer Highschool. Wie jedes Mal zu Beginn des nächsten Halbjahres hält die Direktorin der Schule ihre Begrüßungsansprache. In derselben Zeit schleichen sich zwei Schüler verbotenerweise in das Büro der Schulleitung, was sich später mehr als gutes Timing herausstellen wird. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Jugendliche und ihr Trainer auf der Laufbahn für die neue Leichtathletik-Saison. Die Begrüßungsansprache der Direktorin endet, wie jedes Mal, exakt – keine Minute zu früh oder zu spät – um zehn Uhr. Als die Schüler*innen sich Richtung Ausgang drängen, stellen sie mit Entsetzen fest: Die Türen sind fest verschlossen.

Ausschnitt aus dem Buch.
(c) Unsere Zeitung

“In Extremsituationen bleibt kein Raum für Emotionales”

Das Geschehen wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Aus der von Claire, die eine von den fünf Jugendlichen auf der Laufbahn ist, und der von Tomás, der sich mit seinem Freund in das Büro der Direktorin schleicht. Währenddessen steckten jedoch Sylv, seine Schwester und ihre Freundin Autumn mitten im Ereignis. Jedes einzelne Kapitel hat eine Zeitspanne um zwei bis drei Minuten. Durch die wechselnden Perspektiven erhalte wir jedes Mal ein Puzzlestück mehr an Information, wer der Junge mit der Waffe ist und was seine eventuelle Motivation sein könnte, den Lauf ums Leben zu starten. Die Gründe werden mit der Zeit aufgedeckt, ohne, dass es klar zu lesen ist, ob die Autorin selbst ihn in eine Schublade von Schwarz oder Weiß steckt; das kann man sich als Leser*in selbst entscheiden.

Alleine im vergangenen Jahr gab es in den USA insgesamt 345 Amokläufe mit Schusswaffengebrauch. Die große Aufmerksamkeitswelle begann, meines Eindruckes nach, erst mit dem Amoklauf, der sich Februar 2018 in Parkland, Oregon, ereignete: Emma Gonzalez und ihre Mitschüler*innen stellten sich in die Öffentlichkeit und riefen den “March For Our Lives” ins Leben, um für strengere Waffengesetze zu demonstrieren. Viele Autor*innen versuchten sich bereits daran,  Amokläufe in Schulen zu thematisiere, weswegen ich sehr gespannt war, wie das Buch von der niederländischen Autorin Marieke Nijkamp diese Thematik präsentiert. Ich hatte erwartet, dass ich mich sehr betroffen fühlen würde, wenn ich in das Geschehen involviert werden würde. Das Buch bringt den/die Leser*in dazu bis zum Ende mitzufiebern, aber dadurch, dass der Amoklauf schnell und gehetzt passiert, bleibt quasi keine Zeit, um darauf emotional zu reagieren. Umso mehr musste ich vor dem Epilog einige Minuten innehalten und mir fast die Tränen verkneifen, weil mir erst da bewusst wurde, was vorher passiert ist. Das gab mir einen kleinen Blick, wie man sich in so einer Situation fühlen muss. Ich kann mir vorstellen, dass gerade in so einer Extremsituation kein Raum für das Emotionale bleibt – man einfach funktionieren muss.

Fazit: Sehr empfehlenswert, vor allem, wenn man die Amokläufe in Schulen in den USA aus einer anderen Perspektive verstehen möchte.

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