Das Geschäft mit der Panik

Schule, Verzweiflung
© Unsere Zeitung/Moritz Ettlinger

Teure Vorbereitungskurse für Aufnahmetests an den Universitäten schießen geradezu aus dem Boden. Aber ist es wirklich notwendig, tief in die Tasche zu greifen, um hier mithalten zu können?

Von Martha Eckl und Olivia Kaiser, Referentinnen für Hochschul- bzw. Bildungspolitik in der AK Wien

Anfang Juli findet der Aufnahmetest für das Medizinstudium statt. Auch für viele andere platzbeschränkte Fächer gibt es Testtermine. Ein Studium zu beginnen ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem organisatorischen Kraftakt geworden. Heutzutage reichen Interesse und Fähigkeiten allein nicht mehr aus, vielmehr muss man schon frühzeitig planen. Es gilt, vielfältige Studienangebote, Aufnahmeverfahren, Anmeldefristen und -gebühren etc. im Blick zu behalten. Damit tun sich StudienwerberInnen aus AkademikerInnenhaushalten freilich leichter, denn die Hochschule ist für sie keine komplett neue Welt und ihre Eltern unterstützen zumeist mental und finanziell. Diese Unterstützung ist zunehmend schon vor dem eigentlichen Studienbeginn gefragt: Teure Vorbereitungskurse für Aufnahmetests schießen geradezu aus dem Boden. Aber ist es wirklich notwendig, tief in die Tasche zu greifen, um hier mithalten zu können, oder handelt es sich vor allem um ein Geschäft mit der Panik?

Aufnahmeverfahren kosten Zeit und Geld

In den letzten Jahren wurde die Liste der platzbeschränkten Uni-Studienfächer sukzessive verlängert:

  • Mittlerweile gibt es bundesweit verpflichtende Aufnahmeprüfungen in den Medizinfächern, Psychologie sowie beim Lehramtsstudium.
  • Außerdem dürfen alle Unis den Zugang in den Studienfeldern Wirtschaftswissenschaften, Architektur/Raumplanung, Biologie, Pharmazie, Publizistik, Informatik, Jus, Fremdsprachen und Erziehungswissenschaften beschränken.
  • Seit diesem Jahr neu dazugekommen sind Beschränkungsmöglichkeiten für lokal überlaufene Studien.

Mit den vielen Aufnahmeverfahren ist ein großer organisatorischer und zeitlicher Aufwand verbunden. Studieninteressierte müssen sich schon frühzeitig über die diversen Angebote und Aufnahmemodalitäten informieren – den Überblick in diesem Anmeldedschungel zu behalten ist dabei aber kein Leichtes, da dieser Prozess aufgrund der frühen Bewerbungstermine meist schon im Frühjahr neben der Maturavorbereitung gemeistert werden muss. Aufnahmeverfahren bedeuten zudem auch einen finanziellen Aufwand. Zumindest ein „Kostenbeitrag“ von 50 Euro ist – rechtzeitig – zu bezahlen, in Medizin sind es sogar 110 Euro. Diese Anmeldegebühren wirken auf den ersten Blick vielleicht nicht hoch, können sich aber bei Mehrfachanmeldungen als „Sicherheitsoption“ summieren und bei Unsicherheiten in der Studienwahl abschreckend wirken.

Geschäftsmodell Vorbereitungskurse, Wirkung fraglich

Eine weitere, zumeist viel größere finanzielle Hürde ist aber das boomende Feld der Vorbereitungskurse. Durch Inserate, Medienberichte etc. wird zunehmend der Eindruck verstärkt, dass Aufnahmetests ohne teure Vorbereitungskurse nicht zu schaffen sind. Diverse Kursinstitute haben das immer breitere Feld der Vorbereitungskurse für Uni-Aufnahmetests längst als Geschäftsfeld für sich entdeckt und passen ihr Angebot kontinuierlich an. Dafür werden schon mal mehrere hunderte bis tausende Euro ausgegeben. Allerdings: Über die Anzahl und Zusammensetzung der TeilnehmerInnen ist wenig bekannt und auch der Erfolg solcher Kursbesuche ist mehr als umstritten. Oftmals hätte es den Vorbereitungskurs gar nicht gebraucht, da es aufgrund der Anmeldezahlen letztlich gar nicht zu einem Auswahltest kommt. Aber auch in den übrigen Fällen ist die Wirkung von kostspieligen Vorbereitungskursen fraglich. Eine Untersuchung der Medizinischen Universitäten etwa zeigt, dass Personen, die Geld für Vorbereitungskurse investiert haben, nicht besser abschneiden.

Medizinstudien als Spezialfall

Die Medizinstudien sind ein Paradebeispiel für eine besondere soziale Schieflage – hier liegt der Anteil der StudienanfängerInnen, deren Vater eine höhere Ausbildung abgeschlossen hat, bei über zwei Drittel, bei ausländischen StudienanfängerInnen sogar bei 80 Prozent.

Vorbereitungskurse bei den Medizinstudien sind ein besonderer Verkaufsschlager und besonders teuer. Auch wenn verschiedene Bundesländer (Teil-)Förderungen für Kurse anbieten, ist es fraglich, ob dadurch tatsächlich mehr Studieninteressierte aus nichtakademischem Umfeld für ein Medizinstudium gewonnen werden können.

Kommerzielle Zusatzangebote verstärken soziale Schieflage im Bildungssystem

Private Vorbereitungskurse und Nachhilfe sind freilich kein alleiniges Phänomen des Hochschulsektors. In den letzten Jahren gab es einen Wildwuchs an kommerziellen Zusatzangeboten auf allen Ebenen des Bildungssystems – es wird der Eindruck erweckt, dass ohne diese Zusatzmaßnahmen gar nichts mehr geht, und zwar von der Volksschule bis zur Hochschule, wie auch das Nachhilfebarometer der AK Wien zeigt. Gerade finanziell schlechter gestellte Familien setzt das aber enorm unter Zugzwang. Sie sehen sich oft gezwungen, hier mithalten zu müssen, oder – wenn sie das nicht können – „kostengünstigere“ Bildungswege zu wählen.

Zugangsbeschränkungen zum Studium müssen durch ein ausreichendes Platzangebot so weit wie möglich hintangehalten werden. Wenn Aufnahmeverfahren an öffentlichen Hochschulen notwendig sind, müssen diese kostenfrei sein und dürfen nicht abschrecken. Die Bildungspolitik ist daher gefordert, das „Geschäft mit der Angst“ einzudämmen und im öffentlichen Bildungswesen entsprechende Maßnahmen zu setzen. Die Palette reicht von umfassender Bildungsinformation über Kooperationsprojekte von Universitäten mit Schulen, an denen nur ein geringer Anteil der AbsolventInnen ein Studium aufnimmt, bis hin zu adäquaten Vorbereitungen in den jeweiligen Institutionen. Beispielsweise sollten bereits die höheren Schulen auf Prüfungssituationen und -formate (Multiple-Choice-Tests) in und vor dem Studium vorbereiten.

Zudem braucht es kostenlose und gut verständliche Vorbereitungsmaterialien, die rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden. Um den Zugang noch niederschwelliger zu gestalten, wären einheitliche und transparente bundesweite Anmeldemodalitäten ein wichtiger Schritt. Auch sollten ein Zusammenfallen der Anmeldezeiten mit der Matura vermieden und die Anmeldegebühren in Form von Kautionen eingehoben werden. Diese Maßnahmen und die Information, dass eine kommerzielle Vorbereitung auf die Aufnahmetests weder erforderlich noch notwendigerweise wirkungsvoller ist, können zu einer ausgewogeneren sozialen Durchmischung an den Hochschulen beitragen.

 

Dieser Beitrag wurde am 01.07.2019 auf dem Blog Arbeit & Wirtschaft unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den NutzerInnen eine freie Bearbeitung, Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen.

Titelbild: Unsere Zeitung/Moritz Ettlinger

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