Handyverbot: Eine leidige Diskussion 

Die Lehrergewerkschaft fordert einmal mehr handyfreie Zonen in Schulen. Das ist weder sinnvoll noch hilft es bei der Lösung der eigentlichen Probleme unseres Bildungssystems; es lenkt nur davon ab. 

Ein Kommentar von Moritz Ettlinger

Alle Jahre wieder: Kaum ein Semester vergeht, in dem nicht von irgendeiner Seite ein Handyverbot an Schulen gefordert wird. Dieses Mal an der Reihe: Die österreichische Lehrergewerkschaft. Smartphones seien ein „Störfaktor“, ein „Konzentrationskiller“, Handys hätten im Unterricht „nichts verloren“, wenn sie nicht der Wissensvermittlung dienen würden. Deshalb will die Lehrergewerkschaft „klare Regeln“, Lehrervertreter Paul Kimberger verlangt einen „restriktiven Umgang mit Smartphones“. (Bericht auf orf.at)

Smartphones sind mittlerweile unbestreitbar ein essenzieller Bestandteil unseres Lebens. Das kann man gut finden oder verteufeln, leugnen kann man es nicht. Natürlich gilt das besonders für Jugendliche, aber auch fast alle im Berufsleben stehenden Menschen können im Jahr 2020 nur noch schwer auf ein Handy verzichten. Organisation, Kommunikation, Recherche: Vieles läuft mittlerweile nur noch oder zumindest hauptsächlich über die kleinen Alleskönner in der Hosentasche ab. Wir können also festhalten: Ohne zu wissen, wie man mit einem Smartphone umgeht, ist man in vielen Berufen ziemlich aufgeschmissen.

Zurück zur Schule: Diese sollte die Kinder und Jugendlichen eigentlich auf das spätere Leben vorbereiten. An dieser Aufgabe scheitert unser Bildungssystem schon ganz grundsätzlich, und die nächste Debatte um ein Handyverbot verdeutlicht dies einmal mehr. Ja, viele Kinder und Jugendliche verbringen zu viel Zeit vor ihren Bildschirmen, und ja, Handys können zweifellos den Unterricht stören. Doch ein Verbot von Handys an Schulen ist keine Lösung, sondern drängt das Problem nur aus den Klassenzimmern hinaus. Es ist eine verkürzte Lösung: Kein Handy im Unterricht – keine Probleme.

Schulen und Pädagog*innen sollten nicht wegsehen. Dinge verbieten, die einem nicht in Konzept passen, das kann jeder. Wir müssen endlich begreifen, welche Chancen diese neuen Technologien bieten. Smartphones können ein enorm mächtiges und hilfreiches Tool sein, wenn man weiß, wie man es richtig nutzt. Die Schule kann, ja muss der Ort dafür sein, an dem man genau das lernt. Selbstredend dürfen wir die Lehrer*innen mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe nicht alleine lassen. Es braucht die richtigen Rahmenbedingungen (bessere Lernatmospähren in Klassenzimmern, weniger Schüler*innen pro Klassen), Schulungen und Unterstützung für die Lehrpersonen, und vor allem eine grundlegende Reform unseres Bildungssystems, die das alles ermöglicht. (mehr dazu: Warum das österreichische Schulsystem seine Aufgabe nicht erfüllt)

Die wahren „Konzentrationskiller“ sind nicht Handys. Es sind veraltete Lehrmethoden, zu lange Schultage, zu früher Schulbeginn, zu viel Lärm in der Klasse durch zu viele Schüler*innen, der Zwang, Fächer besuchen zu müssen, die einen nicht interessieren. Ein Handyverbot ist wieder einmal eine viel zu einfache Pseudo-Lösung für ein hochkomplexes Problem, das darin besteht, dass unser Schulsystem einfach nicht das macht, was es soll: Kinder und Jugendliche auf das Leben vorbereiten.

Titelbild: Will wohl wieder ins Telefonzellen-Zeitalter zurück: die Lehrergewerkschaft (©Unsere Zeitung/Moritz Ettlinger)

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