Was sonst verloren ginge

Das politische Buch im Antiquariat

Von Andreea Zelinka (Rotes Antiquariat Wien)

„Hier steht die Zeit still, oder?“, kommentierte letztens eine Bekannte, die mich im Roten Antiquariat in der Florianigasse besuchen kam. Erst wusste ich nicht, was sie meinte, aber ich gebe zu: Socialistica aus dem 19. Jahrhundert, Kunstbücher aus der Zwischenkriegszeit, Literatur aus der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts, jedes Regal ist eine kleine Zeitreise durch Epochen und ihre Ideen und Bilder.

Es ist ein sinnliches Erfahren der Vergangenheit. Der Geruch von altem Papier, das manchmal Jahrhunderte überstanden hat und schon durch einige Hände geglitten ist. Teils sind die Seiten sehr gut erhalten, teils müssen sie mit großer Sorgfalt umgeblättert werden. Trotzdem ist Papier ein nachhaltiger Wissensspeicher. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut viele der sehr alten Druckerzeugnisse erhalten sind. Im Roten Antiquariat finden sich viele Texte, die abseits der hegemonialen Geschichtsschreibung das Wissen linker Organisierung vermitteln. Ob Buch, Broschur oder Flugblatt, im Laden entfaltet sich die Vergangenheit linker Theoriebildung; Theorie und Praxis werden durch die Originale erfahrbar.

Dabei ist das Rote Antiquariat freilich kein sozialistisches Archiv. Es beinhaltet die Widersprüche kapitalistischer Verhältnisse wie alles andere auch. Einerseits macht es linke Geschichtsschreibung zugänglich, andererseits ist es in hohem Maße von meist sehr wohlhabenden Sammler*innen abhängig, um wirtschaftlich zu überleben. Kommerzialisierung ist eine legitime Kritik, die früher viel lauter war, als heute. Vielleicht haben sich die Menschen bereits daran gewöhnt, dass im Kapitalismus alles Menschliche irgendwann Warenform annimmt. Dennoch existiert das Antiquariat entgegen dem Zeitgeist, denn es verwehrt sich den Konjunkturen des Marktes. Was im Laden vorhanden ist, kann gekauft werden, alles andere muss eins erst noch finden.

Für manche Kund*innen steht das Finden der Objekte selbst im Vordergrund und ja, es gibt sehr motivierte Sammler*innen, die für einzelne Ausgaben auch mal Fernreisen unternehmen. Doch Anarchistica und Socialistica sind nicht bloß Fetisch. Die Originale geben Aufschluss über die Entstehungsbedingungen ihrer Zeit: Wurde auf Dünndruckpapier gedruckt, weil der Inhalt illegal war und ihre Verfasser*innen verfolgt wurden? Ist das Buch eines von nur wenigen Ausgaben eines Verlags, dessen Mitarbeiter*innen ins Exil getrieben wurden?

In Zeiten von Insta-Stories und Twitter-Essays sollte Papier nicht unterschätzt werden. Social Media vervielfachte die Wege, um sich zu informieren, zu vernetzen und zu mobilisieren und ist ein wichtiger Ort für aufklärende Arbeit geworden. Gedruckt und in Buchform zu erscheinen ist aber für viele politische Autor*innen heute noch wichtig. Das liegt vielleicht auch daran, dass Bücher die Zeiten überstehen und sie irgendwann in einem Antiquariat gefunden werden können. Die Linke muss weiterhin lesen, heutiges wie gestriges, und stets erinnern, in die Vergangenheit zu blicken, um die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten zu können.

Titelbild: Andreea Zelinka (Eigene Aufnahme)

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