Profit in den Sternen

Eine kurze Geschichte der Kommerzialisierung des Weltraums

Von Christian Kaserer

Für die meisten Menschen ist die Raumfahrt eng verbunden mit staatlichen Akteuren. Nachdem die Sowjetunion 1957 mit Sputnik den ersten künstlichen Satelliten, noch im selben Jahr mit der Hündin Laika das erste Lebewesen und mit Juri Gagarin 1961 gar den ersten Menschen in den Weltraum beförderte, sahen sich die US-Amerikaner dazu genötigt mit den Sowjets in ein Wettrennen darum zu treten, wer schneller einen Menschen auf den Mond bringen würde. Die gemeinhin vertretene Vorstellung, Staaten würden den Raumflug fest in ihrer Hand haben, rührt aus eben jenen Tagen her. Zutreffend indes ist diese Annahme dieser Tage kaum noch, denn nicht nur, dass staatliche Agenturen verstärkt von privaten Zulieferern abhängig sind, es drängen auch private Firmen selbst in den Weltraum.

Goldgrube Kommunikation

Tatsächlich begann die Ära der privaten Raumfahrt spätestens im Jahr 1961. Mit OSCAR flog der erste privat gebaute Satellit als Sekundärlast an Board einer staatlichen US-amerikanischen Rakete in den Orbit. Hergestellt von Amateurfunkern in Kalifornien, emittierte er für zwanzig Tage ein Signal, nicht unähnlich dem Sputnik, mit dem Morsecode für „Hi“, ehe er plangemäß in der Erdatmosphäre verglühte. Ihm folgte im Jahr darauf mit Telstar 1 der erste kommerzielle Kommunikationssatellit der Welt, der es ermöglichte, Fernsehprogramme über den Atlantik hinweg zu übertragen. Bereits 1967 war das Netz solcher privat betriebener Kommunikationssatelliten entsprechend dicht ausgebaut, dass das internationale Programm Our World möglich wurde, welches durch die Live-Übertragung der Beatles-Aufnahme von All You Need Is Love auf Dauer in das Gedächtnis der Populärkultur einging. Heute umkreisen etwa 2000 Satelliten die Erde, wovon mehr als die Hälfte dem äußerst lukrativen Zweig der Telekommunikation zuzurechnen sind. 2015 betrug der Umsatz rund 188 Milliarden Euro. Zahlen, welche in den kommenden Jahren noch deutlich wachsen werden. So plant etwa der durch dotcom Unternehmen reich gewordene Elon Musk, heute vor allem für die Elektroautos von Tesla bekannt, mit seinem Weltraumunternehmen SpaceX über 40.000 Satelliten im Rahmen seines Projekts Starlink in den Orbit zu bringen, um weltweit schnelles Internet anbieten zu können. In vielen infrastrukturell schwachen Gegenden eine Goldgrube, ist diese Idee gerade Astronomen ein Graus, da die das Sonnenlicht reflektierenden Satelliten astronomische Aufnahmen verunmöglichen könnten.

Raumtransport

Doch nicht nur Satelliten, sondern auch die nötigen Beförderungsmittel selbst, also Raketen, erfahren eine zunehmende Kommerzialisierung. Begonnen hatte alles 1975 in Stuttgart mit der dort gegründeten Orbital Transport und Raketen AG (OTRAG). Obschon letztlich erfolglos, stieß das deutsche Unternehmen die Tore zu privat entwickelten und genutzten Raketen auf. Die ersten Flüge fanden schließlich in den 80er Jahren in den USA mit gebrauchten Raketen statt, die vom Staat erworbenen und wiederverwendet wurden. Der Weg hin zur Entwicklung eigener Raketen sollte noch einige Jahre dauern. Erst 2008 gelang dem schon genannten Unternehmen SpaceX der erste erfolgreiche Start einer völlig privat entwickelten Trägerrakete in den Orbit. Seit dem Ende des Space Shuttle Programms im Jahr 2011, legt die NASA ihren primären Fokus für den Transport von Menschen und Gütern ins Weltall auf private Unternehmen. Zum Zuge kamen dabei SpaceX und das zuvorderst für seine Flugzeuge bekannte Unternehmen Boeing. Sie versorgen die Internationale Raumstation ISS mit Nachschub und auch ein Transport von Astronauten ist angedacht. In Europa ist hauptsächlich das teilstaatliche und aus Airbus hervorgegangene Unternehmen Arianespace für Weltraumtransporte zuständig.

Tourismus

Eine folgerichtige Schlussfolgerung aus der Entwicklung eigener Antriebsmöglichkeiten sind nicht nur Kommunikationssatelliten, sondern ist vor allem auch der Weltraumtourismus. Eine zunehmende Zahl privater Unternehmen bietet für Summen ab einigen hunderttausend Euro an, Menschen für kurze Zeit in den Weltraum zu befördern. Auch Musks SpaceX ist mit von der Partie, jedoch ein vergleichsweise kleiner Fisch, in Relation zu den amerikanischen Firmen Blue Origin und Virgin Galactic. Letzteres Unternehmen gibt an, inzwischen mehrere tausend Interessenten gefunden zu haben, welche bereits entsprechende Anzahlungen leisteten. Das Unternehmen Axiom Space etwa geht sogar so weit und plant, eigene kommerzielle Module an die Internationale Raumstation ISS anzudocken, um dort entsprechende Weltraumhotels betreiben zu können. Ambitionierte Pläne und viele davon geben 2020 als ihren Startpunkt an, doch sieht die Realität noch vergleichsweise trist aus. Aktuell bringt zuvorderst die staatliche russische Raumfahrtagentur Roskosmos in Kooperation mit privaten Firmen etwaige Touristen in den Weltraum. Ein Treppenwitz der Geschichte übrigens, dass ausgerechnet die Sowjetunion den ersten Weltraumtouristen ins All bringen sollte. Während Gorbatschows Versuchen die UdSSR in den Kapitalismus zu führen, wollte er auch die Raumfahrt kommerzialisieren. Insgesamt 28 Millionen bezahlte der japanische Fernsehsender Tokyo Broadcasting System (TBS) im Jahr 1990 dafür, seinen Fernsehreporter Toyohiro Akiyama in einem Sojus-Raumschiff zur MIR und zurück reisen zu lassen.

Ausblick

Doch bei all diesen Versuchen privaten Gewinn aus dem Weltraum zu schöpfen handelt es sich lediglich um die Spitze des Eisbergs, denn die Ideen der CEOs gehen viel weiter. So gibt es seit einiger Zeit Überlegungen, seltene Erden auf Asteroiden abzubauen. Und auch der Mond ist ein potentielles Ziel des Weltraumbergbaus. Hier etwa werden unzählige Tonnen von Helium-3 vermutet, welches bei Fusionsreaktoren, einer vermeintlichen Energiequelle der Zukunft, benutzt werden könnte. Nebst der Volksrepublik China haben auch etliche private Unternehmen ihre Augen darauf geworfen. Internationale gesetzliche Regelungen zur privaten Nutzung von Himmelskörpern sind rar und der etwa 1979 von der UNO vorgelegte Mondvertrag, welcher eben solche Besitzansprüche regeln sollte, wurde lediglich von sieben Nationen paraphiert. Nationale Gesetzgebungen allerdings, die in der Regel deutlich liberaler sind als es der Mondvertrag je gewesen wäre, sind inzwischen keine Seltenheit mehr und 2018 etwa monierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dass es in der BRD noch an einem solchen Regelwerk fehle und daher „private Initiativen zur Entwicklung der Raumfahrt und des Weltraumbergbaus gehemmt oder sogar im Keim erstickt“ werden könnten. Überdies plant Elon Musk gar eine eigene Mars Kolonie aufzubauen. Welcher nationalen Hoheit diese dann unterstünde, wenn überhaupt, ist noch völlig ungeklärt. Ein neues Space Race bricht also an – nur ganz anders und mit der Konsequenz, dass Staaten als Akteure auch im Weltraum immer weiter zurückgedrängt werden, die unendlichen Weiten privaten Firmen und Geschäftemachern überlassen und letztlich gar in deren Abhängigkeit geraten.

Titelbild: Orbiter, MAKS 1997, Buran Atmosphärenjet BTS-002 (public domain)

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